Weniger ist mehr: La Orotava will den Tourismus neu denken
Die historische Villa de La Orotava muss sich neu erfinden. Das ist das klare Fazit des II. Strategischen Tourismusplans der Gemeinde, der am vergangenen Montag vorgestellt wurde. Die Diagnose ist eindeutig: Die Stadt darf sich nicht länger nur als Sprungbrett für Teide-Besuche oder organisierte Ausflüge verstehen. Stattdessen braucht es ein breiter aufgestelltes touristisches Angebot, das zur einzigartigen Stadtsubstanz und Lebensart passt. Das Dokument löst den ersten Plan aus dem Jahr 2019 ab, den der Stadtrat nach der Pandemie überarbeiten ließ. Erarbeitet wurde er von der Europäischen Universität der Kanaren und der Universität La Laguna, unterstützt von Turismo de Tenerife. Die rund 150 Seiten basieren auf einer aktuellen demografischen und wirtschaftlichen Analyse.
Ein Kultur- und Erbeschatz, der nicht ankommt
Der Plan deckt schonungslos auf, was Bewohner und Experten gleichermaßen spüren: In der Altstadt drängen sich die Touristen an wenigen Hotspots wie der Casa de los Balcones, während der Verkehr in den engen Gassen regelmäßig kollabiert. Die Befragungen zeigen deutlich, was die Bürger denken: La Orotava hat enormes kulturelles und architektonisches Potenzial, aber es wird nicht richtig vermittelt. Im Vergleich zu Nachbargemeinden wie Puerto de la Cruz oder La Laguna ist die Stadt touristisch unterbelichtet. Die Lösung? Mehr Fußgängerzonen, gestreute Besucherströme und eine räumliche Dezentralisierung. Die Gassen des historischen Zentrums sollen nicht länger als Parkplatz zweckentfremdet werden.
Wohnungsnot, Wasserkrise und die Frage nach dem Wachstum
Die Umfrageergebnisse offenbaren eine tiefe Verunsicherung der Bevölkerung. Themen wie die Wasserknappheit, der explodierende Wohnungsmarkt und die Energiekrise dominieren die Sorgen der Befragten. Der Plan empfiehlt daher nicht nur touristische Maßnahmen, sondern schlägt eine umfassende Strategie vor: die Wiederbelebung agroökologischer Kreisläufe, eine bessere Bewirtschaftung der traditionellen Terrassenfelder (Bancales) und eine nachhaltige Mobilität durch Elektro-Kleinbusse oder ausgebaute Wanderwege. Es geht nicht mehr darum, einfach mehr Touristen zu locken, sondern darum, ein Modell zu finden, bei dem der Tourismus der lokalen Wirtschaft und den Menschen nützt, ohne sie zu überfordern.
Das Cittaslow-Versprechen: Zwischen Etikett und Realität
Seit 2018 trägt La Orotava das Siegel von Cittaslow, einer internationalen Bewegung, die für eine entschleunigte, nachhaltige und hochwertige urbane Lebensweise steht. Die Philosophie setzt auf den Erhalt von Traditionen, lokaler Gastronomie und die Schaffung von Begegnungsräumen. Genau dieser Ansatz liegt auch dem neuen Strategieplan zugrunde. Doch die Studie ist selbstkritisch: „Die Umsetzung der Zertifizierung im Alltag offenbart Spannungen“, heißt es darin. Viele Einwohner berichten, das „Slow“-Label decke sich nicht mit ihrer gelebten Erfahrung. Sie klagen über Lärm, Verkehr und gestoppte Geschäftslizenzen. Der Plan fordert daher eine ehrliche Bestandsaufnahme und eine konsequente Integration der Cittaslow-Prinzipien in die Verwaltungspraxis.
Wohnungen für Gäste statt für Einheimische: Die stille Gentrifizierung
Ein weiteres brisantes Thema ist der Boom der Ferienwohnungen. Im historischen Zentrum schießen sie aus dem Boden, während gleichzeitig die Genehmigungen für die Sanierung von denkmalgeschützten Gebäuden auf sich warten lassen. Die Studie spricht Klartext: Dieser Prozess führe zu „Degradierung und Gentrifizierung“. Die Zahlen belegen das Dilemma: Im Jahr 2024 besuchten 1,2 Millionen Touristen die Gemeinde. Das entspricht immerhin 15,9 Prozent aller Inselbesucher. Doch dem stehen nur 104 klassische Hotelbetten gegenüber. Dafür gibt es 1.688 Plätze in Ferienwohnungen. Eine enorme Schieflage, die den Wohnungsmarkt für Einheimische massiv verknappt.
Die Zukunft ist slow – aber sie muss auch gelebt werden
Der Plan formuliert eine klare Vision: Tourismus soll zum Motor einer neuen, regionalen Wertschöpfung werden und nicht länger nur eine Last für die Infrastruktur sein. „Der Tourismus kann zu einem Umverteilungsvektor und zum Antrieb einer neuen produktiven Erzählung für die Gemeinde werden“, heißt es in der Studie optimistisch. Dafür müsse die Stadt jedoch Arbeitsmarkt-, Einkommens- und Wirtschaftspolitik mit der Tourismusstrategie verzahnen. Nur wenn die Einwohner von den Besuchern profitieren, kann das Modell nachhaltig sein. Die Experten sind sich einig: Die Zukunft von La Orotava liegt in einer echten, gelebten Slow-Philosophie – nicht im Etikett.

