Goldene Zeiten für die Hotelbranche
Die Hotellerie auf den Kanarischen Inseln durchlebt eine Phase wie nie zuvor. Die Nachfrage steigt unaufhörlich, die Preise klettern in schwindelerregende Höhen – und das alles, ohne dass die Auslastung darunter leidet. Die Gewinne der Unternehmen sind so hoch wie seit den 1960er-Jahren, als der Archipel zu einem der begehrtesten Urlaubsziele Europas wurde, nicht mehr.
Doch damit nicht genug: Die kanarischen Hotels spielen nicht nur in einer anderen Liga als die Unterkünfte auf dem spanischen Festland, sie können sich mittlerweile mit den ganz großen, globalen Reisezielen in Europa messen. Tatsächlich waren im ersten Quartal dieses Jahres nur in Paris, London, Amsterdam und Rom – unangefochtenen Ikonen des Welttourismus – die Hotelumsätze rentabler als auf dem Archipel.
Rekordwerte beim RevPAR
Die wichtigste Kennzahl in der Hotellerie ist der sogenannte RevPAR – der Umsatz pro verfügbarem Zimmer (Revenue Per Available Room). Diese Messgröße berechnet den durchschnittlichen Ertrag pro Zimmer über einen bestimmten Zeitraum und berücksichtigt dabei sowohl die Auslastung als auch die Übernachtungspreise. Vereinfacht gesagt: Ein hoher RevPAR bedeutet ein florierendes Geschäft.
Und dieser Wert hat auf den Kanaren neue Maßstäbe gesetzt. Im vergangenen Februar verbuchten die Hotels mit 138,77 Euro den höchsten RevPAR der gesamten Geschichte. Auch der März blieb mit 136,79 Euro nicht weit zurück und markierte den dritthöchsten Wert aller Zeiten. Vergleicht man diese Zahlen mit dem landesweiten Durchschnitt, der im März bei lediglich 75 Euro lag, wird die außergewöhnliche Leistung der Inseln deutlich. Die kanarischen Hotels erwirtschaften nicht nur knapp das Doppelte des nationalen Mittels, sie sind damit die mit Abstand rentabelsten des gesamten Landes.
Winterstärke und ganzjährige Dominanz
Zugegeben: Der März ist traditionell der Höhepunkt der Wintersaison – der mit Abstand wichtigsten Zeit für die Kanaren, in der sie nahezu konkurrenzlos dastehen, da viele Urlaubsregionen auf dem Festland zu dieser Zeit noch geschlossen sind. Der Vergleich mag daher auf den ersten Blick etwas unfair erscheinen. Doch selbst wenn man den durchschnittlichen RevPAR des gesamten vergangenen Jahres betrachtet, bleiben die kanarischen Hotels unschlagbar und die profitabelsten in ganz Spanien.
Aber der Erfolg der Branche endet nicht an Spaniens Grenzen. Auch auf europäischer Ebene ist die Rentabilität der Inselhotels überwältigend. Im ersten Quartal dieses Jahres wurden sie nur von Destinationen wie London oder Paris übertroffen – ein Beleg für ihre internationale Spitzenstellung.
Warum sind die Hotels jetzt so profitabel?
War dies schon immer so? Und was treibt die aktuellen Rekordzahlen an? José Luis Rivero Ceballos, Professor für angewandte Wirtschaftswissenschaften, erklärt, dass die hohe Rentabilität der Tourismusunternehmen auf dem Archipel kein neues Phänomen ist. „Historisch gesehen war das schon immer so. Deshalb fließt ausländisches Kapital hierher, haben sich große Hotelketten angesiedelt, und das Geschäft erwirtschaftet seit Jahren beachtliche Gewinnspannen“, so der Experte.
Dieser Trend habe sich im Laufe der Jahrzehnte noch verstärkt. „Die touristische Expansion schreitet stetig voran“, präzisiert Rivero Ceballos. Zwar habe es immer wieder Krisen gegeben, die die Branche einbremsten, doch sobald diese überwunden waren, setzte das Wachstum seinen Weg fort. Heute verfügten die Unternehmen über komplexere Strukturen. „Es besteht eine ausgeprägte Symbiose zwischen den verschiedenen Ketten und den Reiseveranstaltern. Die Zusammenarbeit in der gesamten Wertschöpfungskette hat sich verbessert und treibt die Rentabilität zusätzlich an.“
Der Corona-Effekt: Von der Krise zum Boom
Was aber hat die aktuellen Spitzenwerte nun konkret beflügelt? Nach dem Stillstand der Branche im Jahr 2020 und weiten Teilen von 2021 aufgrund der Corona-Pandemie war die Unsicherheit enorm. Niemand wusste, wie sich der Markt verhalten würde, sobald das Reisen wieder möglich wäre. Die Antwort war nicht nur gut, sie war überragend.
Die Nachfrage schoss in die Höhe, die Ankunftszahlen der Touristen brachen fast monatlich historische Rekorde, und die Zahl der Übernachtungen – die eigentlich relevantere Kennzahl, da Hotels pro Nacht und nicht pro Gast abrechnen – stieg ebenfalls erheblich. „Das Wachstum der touristischen Nachfrage war so stark, dass es eine deutliche Preiserhöhung ermöglichte“, erklärt Rivero Ceballos. Die kanarischen Hotels sind heute teurer als je zuvor, ohne dass dies die Nachfrage gebremst hätte. Und obwohl die Unternehmen mit erheblichen Kostensteigerungen zu kämpfen hatten, stiegen die Preise deutlich schneller als die Inflationsrate – was sich direkt in einer höheren Rentabilität niederschlägt.
Fluch oder Segen für die Inselwirtschaft?
Ist dieser Boom für die Wirtschaft des Archipels eigentlich uneingeschränkt positiv? Der Professor für angewandte Wirtschaftswissenschaften stellt klar: „Das Gegenteil wäre verheerend.“ Er betont, dass ein Verlustgeschäft dieser Unternehmen zu massiver Arbeitslosigkeit und enormen sozialen Problemen führen würde. Allerdings gibt er zu bedenken, dass die Verteilung des erwirtschafteten Wohlstands und die Steigerung der Lebensqualität der Kanaren viele Aspekte umfasse, die kritisch zu bewerten seien.
Es sei nicht nur eine wissenschaftliche Tatsache, dass Regionen, deren Wirtschaft auf dem Dienstleistungssektor basiert, traditionell niedrigere Löhne aufweisen als Industrieregionen. Man müsse auch bedenken, „dass der Tourismus nicht nur aus Hotels besteht, das ist nur ein Teil.“ Die Beschäftigung, die diese Branche generiert, entsteht in unzähligen anderen Unternehmen – Geschäften, Restaurants, Transportfirmen – die in ihrer Mehrheit viel kleiner sind und deutlich geringere Gewinnmargen erzielen.

