Weniger Landungen, mehr Gefahr: CEAR-Bericht zeichnet düsteres Bild
Die atlantische Migrationsroute zu den Kanarischen Inseln bleibt eine der gefährlichsten Schifffahrtsrouten der Welt. Dass 2025 weniger Menschen an den Küsten des Archipels ankamen, bedeutet keineswegs, dass die Überfahrt sicherer geworden ist. Im Gegenteil. Die spanische Flüchtlingshilfe CEAR (Comisión Española de Ayuda al Refugiado) schlägt in ihrem 24. Jahresbericht über die Situation von Flüchtlingen in Spanien und Europa Alarm. Demnach haben verschärfte Grenzkontrollen in Mauretanien die Ausreisen aus diesem Land erschwert. Die Folge: Die Routen haben sich nach Gambia, Senegal, Guinea und in den Süden Marokkos verlagert. Tausende Menschen sind gezwungen, noch längere und risikoreichere Überfahrten in Kauf zu nehmen, um die Kanaren zu erreichen.
Rückgang der Ankünfte mit Nebeneffekten
Laut CEAR erklärt diese Neuausrichtung der Atlantikroute zum Teil den deutlichen Rückgang der Ankünfte im Jahr 2025. Zwischen Januar und Dezember erreichten 17.788 Menschen die Kanaren – ein Minus von 62 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Auch in der ersten Jahreshälfte 2026 setzt sich dieser Trend fort: Nach Angaben des spanischen Innenministeriums gingen die Zahl der Migranten und der Boote, die an den Küsten eintrafen, im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 67,2 beziehungsweise 73,7 Prozent zurück. Die Organisation betont jedoch, dass dieser Rückgang nicht als eine Verringerung des Migrationsdrucks fehlinterpretiert werden dürfe. Er sei auch eine direkte Folge der verstärkten Überwachungs- und Eindämmungsmechanismen im Umfeld Mauretaniens sowie der veränderten politischen und sicherheitspolitischen Lage in Herkunfts- und Transitländern wie Senegal oder Mali.
Von Mauretanien nach Gambia: Die Verlagerung der tödlichen Routen
Während 2024 die meisten Boote, die die Kanaren erreichten, noch von Mauretanien aus ablegten, haben sich die wichtigsten Abfahrtsorte im vergangenen Jahr nach Gambia, Senegal, Guinea und in den Süden Marokkos verlagert. Diese Verschiebung hat sowohl die Dauer der Überfahrten als auch die besonders gefährlichen Abschnitte verändert. Die Migranten sind nun noch länger den Gefahren von Schiffbrüchen und dem Verschwinden auf See ausgesetzt. Gleichzeitig bleibt der Druck auf die Such- und Rettungskräfte hoch. Parallel dazu haben die Behörden eine Zunahme von Abfahrten auf Routen festgestellt, die aufgrund von Grenzkontrollen fast blockiert schienen – wie etwa an der marokkanischen Küste.
Lanzarote und El Hierro: Neue Brennpunkte der Krise
Erst in den letzten Wochen erreichten Lanzarote innerhalb von nur zehn Tagen vier Boote mit mehr als 400 Migranten. Dies deutet auf ein mögliches Wiederaufleben einer Route hin, die in den letzten Jahren an Bedeutung verloren hatte. Damit wird die östlichste Insel neben El Hierro zum neuen Epizentrum des Migrationsdrucks auf dem Archipel.
Chronische Überlastung des Kinderschutzsystems
Die Neuausrichtung der Atlantikroute hat auch nicht zu einer Entlastung des kanarischen Systems zum Schutz Minderjähriger geführt. Der CEAR-Bericht stellt fest, dass trotz des Rückgangs der Ankünfte auf dem Seeweg die Überlastung des Aufnahmesystems eine andauernde Realität war – selbst nachdem Verlegungen in andere autonome Gemeinschaften begonnen hatten und minderjährige Asylbewerber in das staatliche System des internationalen Schutzes überführt wurden. Die Kanaren beendeten das Jahr 2025 mit 4.506 unbegleiteten minderjährigen Migranten unter ihrer Obhut – ein Rückgang gegenüber 5.566 zu Beginn des Jahres. Für CEAR reicht diese Verringerung jedoch nicht aus, um die „chronische Überlastung“ des kanarischen Kinderschutzsystems zu lindern. Die Minderjährigen, die meisten ohne familiären Rückhalt, machten 14 Prozent aller Menschen aus, die die Küsten des Archipels erreichten – und gehören damit zu den verletzlichsten Profilen auf der tödlichen Atlantikroute.
