Weniger Schutz, aber mehr Bedarf: Der Widerspruch in den Zahlen
Die Zahl der Asylanträge in Spanien ist im Jahr 2025 um 13,7 Prozent gesunken. Doch während das nationale Bild einen Rückgang zeigt, verlief die Entwicklung auf den Kanarischen Inseln gegen den Trend. Der Archipel verzeichnete einen Anstieg der Schutzgesuche um zwei Prozent. Haupttreiber dieses Anstiegs ist offenbar der anhaltende Exodus aus Venezuela, der durch die unvermindert schwere politische, wirtschaftliche und soziale Krise in dem südamerikanischen Land befeuert wird.
Venezolanische Diaspora und die Fluchtroute über den Atlantik
Die aktuellen Zahlen belegen: Venezuela ist eine der Herkunftsnationen mit den meisten Asylanträgen in Spanien. Mit über 85.000 Schutzgesuchen stellt es fast 59 Prozent aller Anträge. Die Verbindung zu den Kanarischen Inseln ist dabei besonders stark; der Archipel gilt als einer der Hauptankunftspunkte der venezolanischen Diaspora. Ein ähnliches Bild zeigt sich für Mali. Auch aus diesem westafrikanischen Land stellen viele Menschen einen Antrag auf Asyl auf den Inseln – ein direkter Zusammenhang mit der gefährlichen sogenannten Kanarenroute über den Atlantik.
Weniger Anträge – ein trügerisches Signal der Entspannung?
Der Rückgang der Asylgesuche auf nationaler Ebene mag auf den ersten Blick wie eine positive Entwicklung erscheinen. Die Realität ist jedoch komplexer. Wie aus dem am Montag vorgestellten Jahresbericht der Hilfsorganisation CEAR („Las personas refugiadas en España y Europa“) hervorgeht, ist der Rückgang in erster Linie auf verschärfte Maßnahmen zur Grenzsicherung zurückzuführen. Dazu gehören die Auslagerung von Grenzkontrollen und Abkommen mit Drittstaaten, um Migrationsströme einzudämmen – und nicht etwa eine geringere Schutzbedürftigkeit der Menschen, die aus ihren Heimatländern fliehen müssen.
Dieser Trend fügt sich in ein globales Bild ein: Erstmals seit Jahrzehnten ist die Zahl der weltweit vertriebenen Menschen im Vergleich zum Vorjahr um fünf Prozent gesunken. Die Organisation warnt jedoch eindringlich davor, diesen Rückgang – der sich auch auf der Kanarenroute widerspiegelt, wo die Ankünfte um mehr als 60 Prozent zurückgegangen sind – als Beleg für eine Verbesserung der weltweiten Krisenlage zu werten. Das Gegenteil sei der Fall. Regionen wie die Sahelzone, die einen direkten Einfluss auf die Migrationsbewegungen in Richtung der Kanaren haben, sind weiterhin von zunehmenden bewaffneten Konflikten, Gewalt und politischer Instabilität geprägt. Gleiches gilt für die Lage in Venezuela.
Sinkende Anerkennungsquote und die Folgen des neuen Gesetzes
Parallel zum Rückgang der Antragszahlen ist auch die Anerkennungsquote gesunken. Im Jahr 2025 fiel sie um mehr als sieben Prozentpunkte und liegt nun bei nur noch elf Prozent. Das bedeutet: Von 100 Menschen, die in Spanien internationalen Schutz beantragen, erhalten lediglich elf einen positiven Bescheid.
Ein möglicher Grund für diesen Rückgang ist die reformierte Ausländergesetzgebung (Nuevo Reglamento de Extranjería). Diese sieht vor, dass die Zeit, die ein Asylbewerber auf die Entscheidung über seinen Antrag wartet, nicht mehr als sogenannte „Verwurzelung“ (arraigo) angerechnet wird. Dies erschwert den Zugang zu anderen Aufenthaltstiteln. Die direkte Folge: Viele Menschen verzichten bewusst auf einen Asylantrag und suchen nach anderen Wegen, ihren Aufenthalt zu legalisieren. „Es gibt eine Zerbrechlichkeit des Asylrechts“, kritisierte Juan Carlos Lorenzo, der Gebietskoordinator von CEAR auf den Kanarischen Inseln, bei der Vorstellung des Berichts. Er wies zudem darauf hin, dass 15 Prozent der Menschen, die auf dem Seeweg auf den Inseln ankommen, unbegleitete Minderjährige sind.
Menschenrechtsverstöße bereits vor der Grenze
Der CEAR-Bericht prangert an, dass Menschenrechtsverletzungen nicht erst an den Grenzen selbst stattfinden. Auch der Zugang zu grundlegenden Rechten wie der Anmeldung des Wohnsitzes (Empadronamiento) werde Flüchtlingen oft verwehrt. Diese ohnehin prekäre Situation werde durch den neuen Europäischen Migrations- und Asylpakt weiter verschärft. „Dieser Pakt wird eine Zäsur darstellen und setzt ganz auf Abschiebungen und die Auslagerung von Grenzkontrollen“, so Lorenzo. Das Fazit der Organisation fällt eindeutig aus: „Es gibt mehr Schatten als Licht.“
Ein neues Gremium gibt den Betroffenen eine Stimme
Im Rahmen der Veranstaltung wurde zudem das Komitee der geflüchteten Menschen vorgestellt. Es setzt sich aus Personen zusammen, die selbst Erfahrungen mit erzwungener Flucht gemacht haben. Zu den Mitgliedern gehören Nicole Sirikari Pachka aus der Demokratischen Republik Kongo und Edwin Abadía Arboleda aus Kolumbien. Pachka war ursprünglich als Touristin auf die Kanaren gekommen, entschied sich dann aber, nicht in ihr Heimatland zurückzukehren, „um ihr Leben zu retten“. „Ich hatte die Gewalt völlig normalisiert. Ich schlief mit einem offenen Auge, falls ich losrennen musste. Auf den Kanaren habe ich entdeckt, dass ich in Ruhe leben kann“, schilderte sie ihre Erfahrung. Das neue Komitee, so Pachka, gebe ihr nun die Möglichkeit, „auch anderen Menschen eine Stimme zu verleihen“.

