Mai-Werte unter der Lupe
Während in diesen Tagen ein internationaler Großeinsatz im Hafen von Granadilla (Teneriffa) zur Evakuierung der Passagiere des Kreuzfahrtschiffes „MV Hondius“ lief, sorgte ein vermeintlicher Anstieg der Migration für politische Spannung. Der Sprecher der kanarischen Regionalregierung, Alfonso Cabello, äußerte nach der wöchentlichen Kabinettssitzung seine „größte Besorgnis“ über einen angeblichen Anstieg der Migrantenankünfte im Mai. Cabello betonte, dass der Mai trotz eines allgemeinen Rückgangs der Ankünfte in diesem Jahr einen „ziemlich wichtigen Wendepunkt“ darstelle.
Zahlen widerlegen die Alarmstimmung
Doch die vom spanischen Innenministerium an diesem Dienstag veröffentlichten Daten entkräften die von der Regionalregierung geschürte Alarmstimmung – welche offenbar dazu dienen sollte, von der Hantavirus-Krise abzulenken. Der jüngste vierzehntägige Bericht des Ministeriums unter Fernando Grande-Marlaska zeigt, dass im Mai 14 Boote ankamen, verglichen mit zehn im April. Dennoch sind die Ankünfte auf der Kanarenroute im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 71 Prozent gesunken. Während zwischen Januar und Mai 2025 noch 10.983 Menschen aus 177 seeuntüchtigen Booten gerettet wurden, überlebten in den ersten fünf Monaten des Jahres 2026 nur 3.184 Migranten eine der gefährlichsten Routen der Welt – in 41 Fischerbooten, Schlauchbooten oder einfachen Holzbooten.
Politik und Solidarität im Schatten der Krise
In seiner Ansprache vor der Fragerunde der Journalisten erwähnte Cabello den Hantavirus-Einsatz in Granadilla nur ein einziges Mal. Nicht um über die gesundheitliche Lage zu sprechen, sondern um zu erklären, dass die Kanaren während der Evakuierung der Kreuzfahrer erneut ihre Solidarität gezeigt hätten – indem sie an zwei anderen Küstenabschnitten 200 Menschen versorgten. Im Regionalparlament nutzte die Partei Coalición Canaria das Thema Migration ebenfalls, um die Solidarität der Regionalregierung zu betonen und auf die Kritik zu reagieren, die sie wegen der Ablehnung des Schiffes „MV Hondius“ erhalten hatte – trotz einer Bitte der Weltgesundheitsorganisation (WHO).
Der Präsident der Kanarischen Regierung, Fernando Clavijo (CC), hatte bis zuletzt versucht, das Anlegen des Schiffes in Teneriffa zu verhindern. Am 9. Mai, wenige Stunden vor der Ankunft des Schiffes in Granadilla, sorgte der nationalistische Politiker für einen Eklat: Er übergab Gesundheitsministerin Mónica García ein mit Künstlicher Intelligenz erstelltes Gutachten, das angeblich belegte, dass „Ratten ausgezeichnete Schwimmer“ seien. Damit versuchte er, seine Ablehnung des Anlegens zu untermauern und zu begründen, dass die Nagetiere von Bord springen und das Virus auf die Insel übertragen könnten.
Frontex bestätigt den Abwärtstrend
Der jüngste Frontex-Bericht vom 15. Mai bestätigt den europaweiten Rückgang der Ankünfte. Die Daten der europäischen Grenzschutzagentur beziffern den Rückgang der Überfahrten auf der westafrikanischen Route in den ersten vier Monaten des Jahres auf 78 Prozent – „der stärkste Rückgang aller Routen“ des Kontinents. Der Bericht erklärt, dass die meisten Menschen, die zwischen Januar und April diesen Weg wagten, aus Gambia, Senegal und Guinea stammen. Frontex nennt auch einige Faktoren, die die geringe Aktivität im Atlantik erklären – darunter verstärkte Grenzkontrollen in den Abfahrtsländern.
„Die seit dem Frühjahr 2025 von Mauretanien ergriffenen Präventivmaßnahmen sowie die jüngsten Maßnahmen Senegals und Gambias in Zusammenarbeit mit Spanien und der EU haben die Abfahrten erheblich reduziert“, heißt es in dem Bericht. Allerdings weisen die Experten auch darauf hin, dass „die Schleusernetze weiterhin anpassungsfähig sind und die Aktivität auf dieser Route volatil ist und sich schnell ändern kann, sobald sich die Bedingungen ändern“. Frontex verweist zudem auf die „schwierigen Wetterbedingungen“ der ersten Monate des Jahres.
Ursachen aus Sicht der Internationalen Organisation für Migration
Die Internationale Organisation für Migration (IOM) führt den Rückgang unter anderem auf Festnahmen und Abschiebungen in den Herkunftsländern zurück. Obwohl die Organisation darauf hinweist, dass keine vollständigen Daten vorliegen, erinnert sie daran, dass die mauretanische Küstenwache zwischen Januar und Juli 2025 nach eigenen Angaben 1.385 Menschen auf See abgefangen hat. Die senegalesischen Behörden gaben an, zwischen Januar und August 2025 insgesamt 39 Boote gestoppt zu haben, die gambischen 41 Boote mit 1.789 Menschen an Bord.
Bereits im November hatte eine Recherche der Stiftung porCausa und der Zeitung El Salto diario ans Licht gebracht, dass die Europäische Union in Mauretanien – in Zusammenarbeit mit einer spanischen Kooperationsagentur – zwei Gefängnisse für Migranten errichtet hat. Seit dem 17. Oktober verfügt das afrikanische Land über zwei neue Einrichtungen, die von der spanischen Kooperationsagentur FIAP (Stiftung für die Internationalisierung der öffentlichen Verwaltungen) erbaut wurden, die dem spanischen Außenministerium untersteht. Die Recherche ergab, dass diese Räume, die offiziell als „Zentren für die vorübergehende Aufnahme von Ausländern“ (CATE) bezeichnet werden, in Wirklichkeit „Internierungslager“ für Migranten sind, in denen sogar Minderjährige und gestillte Babys übernachten müssen.
Die verborgene Gefahr: „Unsichtbare Schiffbrüche“
In ihrem aktuellen Bericht stellt die IOM auch fest, dass es zu Zwangsrückführungen, Abschiebungen und weiteren Einschränkungen in den Transit- und Abfahrtszonen gekommen ist. Dennoch betont das Dokument, dass die westafrikanische Route auch 2026 „dynamisch und gefährlich“ bleiben wird. Derzeit ereignet sich jeder siebte Todesfall an den Grenzen der Welt auf dem Weg zu den Kanarischen Inseln. Auch wenn die Ankünfte zurückgehen, bedeutet dies nicht, dass die Ursachen in den Herkunftsländern verschwunden sind. Vielmehr zeigt es, dass die Grenzüberwachung zunimmt und die Repression gegen diejenigen, die sie überqueren wollen, härter wird.
Die Überwachung bestimmter Grenzübergänge zwingt die Migranten nach Angaben der IOM zu „deutlich längeren und prekäreren Seereisen“, bei denen sie auf einer „ohnehin schon sehr gefährlichen Route“ noch größeren Risiken ausgesetzt sind. Die Organisation warnt vor einer zunehmenden Häufigkeit „unsichtbarer Schiffbrüche“.

