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App Alisio: Neue Hilfe für pflegende Angehörige auf den Kanaren

Wenn die Fürsorge zur Last wird

Sie pflegen rund um die Uhr, organisieren Arzttermine, führen Therapien durch und vergessen dabei sich selbst: Pflegende Angehörige von Menschen mit Pflegebedarf oder Behinderung leisten Tag für Tag Enormes. Die psychische und physische Belastung ist oft immens. Um diese Menschen gezielt zu unterstützen, hat das Gesundheits- und Sozialministerium der Kanarischen Regierung die App Alisio ins Leben gerufen – eine digitale Plattform, die pflegenden Angehörigen professionelle Hilfe, psychologische Begleitung und vor allem eines bietet: das Gefühl, nicht allein zu sein.

Pilotprojekt auf Lanzarote und La Palma

Bereits 150 Familien auf den Inseln Lanzarote und La Palma nehmen an der Pilotphase der App teil. Für die zuständige Ministerin Candelaria Delgado war die Resonanz von Anfang an überwältigend: „Die App ist ein voller Erfolg“, erklärte sie bei der Vorstellung am Dienstag. Viele der Teilnehmer hatten zuvor angegeben, sich einsam und überfordert zu fühlen – ein Zustand, den die Plattform nun gezielt angehen soll.

Digitale Begleitung für den Alltag

Nach dem Login erwartet die Nutzer ein personalisiertes Programm: Videos zu Pflege und Selbstfürsorge wechseln sich mit einem individuell zusammengestellten Training ab. Drei bis fünf Übungseinheiten sollen helfen, die für den Pflegealltag notwendigen Fähigkeiten zu stärken. Ein gedrucktes Übungsheft wird direkt nach Hause geschickt – die App empfiehlt täglich, je nach aktueller Stimmungslage, die passende Aktivität.

Besonders gut angenommen wird nach Angaben der Entwickler das psychosoziale Unterstützungsangebot: Per Videokonferenz – kostenlos und rund 45 Minuten lang – können die Angehörigen mit speziell geschulten Psychologen sprechen, ihren Frust abbauen und sich professionellen Rat holen.

Burnout ist der ständige Begleiter

Das sogenannte Burnout-Syndrom – eine Reaktion auf chronischen Stress, die sich in emotionaler und körperlicher Erschöpfung äußert – ist unter pflegenden Angehörigen besonders verbreitet. Der Grund: Die Betreuung findet oft rund um die Uhr und in den eigenen vier Wänden statt. Mehr als die Hälfte der Pilotnutzer (52 Prozent) befand sich in einer „sehr kritischen“ Lage und berichtete von einer „enormen Überlastung“. Einige gaben sogar Gedanken an Selbstverletzung an.

Organisation, Austausch und Gemeinschaft

Neben der psychologischen Betreuung bietet die App eine digitale Agenda für anstehende Aufgaben – Arzttermine, Behördengänge oder Anträge zur Einstufung von Pflegegraden und Behinderungen. Ein weiteres zentrales Element ist der Chat: Dort entsteht eine Gemeinschaft Gleichgesinnter. „Das mildert dieses Gefühl der ungewollten Einsamkeit, das die Betroffenen so oft begleitet“, betonte Delgado. Erste gegenseitige Unterstützungsdynamiken hätten sich bereits entwickelt.

Von Frauen getragen, oft unsichtbar

Entwickelt wurde die Plattform von dem Unternehmen Okencasa. Geschäftsführer Iñigo Kortabitarte erklärt: „85 Prozent der Nutzer sind Frauen, die oft mehr als fünf Jahre pflegen und sich in einer doppelten Verletzlichkeit befinden. Was man nicht sieht, wird häufig nicht behandelt.“ Genau hier setze Alisio an: Die Kombination aus Aufklärung, Training und psychologischer Begleitung könne das Burnout-Risiko signifikant senken.

Vom Pilotprojekt zur Breitenanwendung

Bislang gibt es eine solche Plattform nur im Baskenland und auf den Kanaren. Nach erfolgreicher Testphase kann die App nun heruntergeladen werden. Zugelassen sind alle Empfänger der sogenannten „Wirtschaftlichen Leistung für Pflege im familiären Umfeld“ – rund 30.000 Menschen auf dem Archipel. „Nicht jeder wird sie nutzen, aber unser Ziel ist es, bis Ende 2027 10.000 Nutzer zu erreichen und ab 2028 auf 20.000 zu wachsen“, so Delgado.

Eine Stimme der Betroffenen

Elena Acosta ist eine dieser pflegenden Angehörigen. Sie betreut ihre beiden Eltern, die beide an Alzheimer leiden. „Sie brauchen sehr viel Betreuung, und ich wohne mit ihnen zusammen. Am schwersten ist es, die eigenen Emotionen zu managen und alles zeitlich zu organisieren“, erzählt sie. Seit sie die App nutzt, habe sich ihre Sichtweise verändert: „Die Informationen haben mir geholfen zu sehen, dass ich es gar nicht so schlecht mache, wie ich dachte. Die Herausforderungen, die man bekommt, lassen einen die kleinen Dinge anders sehen. Die Fachleute erklären die Krankheit so gut, dass man lernt, das alles zu verarbeiten. Das gibt mir unheimlich viel Ruhe und Kraft.“

Hürden und Ausblick

Allerdings ist die Anmeldung kein einfacher Download: Die App lädt die Nutzer gezielt ein, nach einer biopsychosozialen Bewertung durch Fachpersonal. So wird sichergestellt, dass die Unterstützung wirklich auf die Bedürfnisse jedes Einzelnen zugeschnitten ist. Langfristig verfolgt die kanarische Regierung mit dieser und ähnlichen Initiativen – etwa der Telepflege – einen neuen Ansatz: weg von großen Heimen, hin zur Betreuung im vertrauten Umfeld. Europa empfiehlt bereits, den Fokus verstärkt auf das Leben in der Gemeinschaft zu legen – und das, obwohl fast 20 Prozent der Bevölkerung des Archipels bereits über 65 Jahre alt ist.

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