Paradiesischer Status quo ist Geschichte
Lange Zeit konnten die Kanarischen Inseln damit prahlen, von der Leishmaniose verschont zu sein – einer Krankheit, die in Spanien jedes Jahr etwa 30 Prozent aller Hunde befällt. Doch diese Zeiten sind endgültig vorbei. Eine aktuelle, noch nicht abgeschlossene Studie der Veterinärmedizinischen Fakultät der Universität Las Palmas de Gran Canaria (ULPGC) hat nun den Beweis erbracht: Der Überträger der Seuche – ein winziges, mückenähnliches Insekt namens Sandmücke – hat den Archipel erreicht und infiziert dort bereits Hunde.
Die Forscher untersuchten knapp 800 Hunde auf allen Inseln. „Anfangs gingen wir noch davon aus, dass es sich nur um Tiere handelte, die sich auf dem spanischen Festland angesteckt hatten und die Krankheit erst nach ihrer Rückkehr auf die Kanaren ausbrachen“, erklärt Alberto Montoya, Professor für Tiermedizin an der ULPGC und einer der Studienleiter. Die steigende Zahl von Fällen weckte jedoch zunehmend Misstrauen. „Wir begannen zu ahnen, dass etwas nicht stimmt“, so Montoya. Dies war der Anstoß für die Untersuchung, in deren Verlauf „eine ganze Reihe“ von Leishmaniose-Fällen bei Hunden bestätigt werden konnte, die die Inseln nie verlassen hatten.
Jeder zehnte Hund betroffen – und die Dunkelziffer ist hoch
„Wir sammeln weiterhin Proben und die Studie ist noch nicht abgeschlossen, aber wir haben bereits festgestellt, dass mindestens zehn Prozent der von uns untersuchten Patienten die Krankheit aufweisen“, betont der Wissenschaftler. Er schränkt jedoch ein: Diese Zahl sei nicht repräsentativ für die Gesamtpopulation, da die Stichprobe hauptsächlich aus Hunden mit vorherigem Krankheitsverdacht besteht. Der Fund markiert dennoch eine Zäsur für die öffentliche Gesundheit des Archipels. Der Nachweis dieser Fälle bedeutet nämlich, dass der übertragende Vektor – die Sandmücke – nun auch auf den Kanaren heimisch ist.
Dies hat gravierende Folgen, denn das Insekt kann nicht nur Hunde, sondern auch Katzen, Pferde und andere Spezies sowie den Menschen infizieren. „Im gesamten Mittelmeerraum ist Leishmaniose ein ernstes Public-Health-Problem, besonders für Menschen mit geschwächtem Immunsystem“, warnt Montoya.
Steigende Fallzahlen in ganz Spanien
Bundesweit ist die Zahl der humanen Leishmaniose-Fälle alarmierend. Allein im Jahr 2024 wurden in Spanien laut dem jüngsten epidemiologischen Bericht des Nationalen Netzwerks für epidemiologische Überwachung (RENAVE) insgesamt 473 Fälle gemeldet. Der Trend zeigt steil nach oben: 2022 waren es 291 Fälle, 2023 bereits 387. Und für das laufende Jahr 2026 sind bis dato bereits 140 Erkrankungen registriert.
Für die Kanaren bedeutet dies: Die katastrophale Entwicklung, wie sie im Mittelmeerraum längst Realität ist, ließe sich noch abwenden – doch nur durch schnelles und entschlossenes Handeln. „Im September werden wir eine Fachtagung organisieren, um die Gesundheitsbehörden zu alarmieren und unsere Kollegen aus der Tiermedizin zu sensibilisieren. Wir müssen alle verfügbaren Mittel nutzen, um die Infektionskette zu durchbrechen“, kündigt Montoya an. Ein zentraler Punkt sei zudem die umfassende Aufklärung der Tierhalter.
Schutz für Hund und Mensch: Vorbeugung ist das A und O
Der Schlüssel zur Eindämmung liegt nach Ansicht der Experten in der Prävention. „Es gibt Impfstoffe, die zwar nicht zu 100 Prozent wirksam sind, aber die Ansteckung und Ausbreitung der Krankheit enorm reduzieren“, erklärt der Forscher. Allerdings müssten sich die Tierärzte erst darüber klarwerden, dass die Seuche nun endemisch ist, und den Impfstoff daher aktiv anbieten. Neben dem Vakzin sind auch spezielle antiparasitäre Halsbänder hochwirksam, die den Stich des Insekts verhindern, sowie sogenannte Immunitätsaktivierer. „Es gibt auch eine Therapie“, so Montoya, wenngleich er betont, dass die Krankheit sehr aggressiv und die Sterblichkeit bei Tieren hoch sei. Die Behandlung könne den Verlauf lediglich chronifizieren, aber nicht heilen, da der Parasit „für immer im Körper des Patienten verbleiben kann“. Wichtig zu wissen: Die gängigen, rezeptpflichtigen Antiparasiten-Tabletten für Hunde sind gegen den Stich der Sandmücke wirkungslos.
Schleichender Tod: So äußert sich die Krankheit
Leishmaniose ist für Hunde potenziell tödlich. Ohne Behandlung schreitet die Krankheit unaufhaltsam voran. Erste Symptome zeigen sich oft erst einige Monate nach dem infektiösen Stich. Meist treten zunächst Hautprobleme auf: Geschwüre, Krusten, Nasenbluten und Bindehautentzündungen. Die betroffenen Hunde leiden zudem unter übermäßigem Nagelwachstum oder einer trockenen Nasenschleimhaut. Greift die Erkrankung um sich, gelangt der Erreger in den Blutkreislauf und das Knochenmark und kann lebenswichtige Organe schädigen – mit schweren Folgen wie Nierenversagen, schwerer Blutarmut und Augenschäden. „Die Tierhalter leiden sehr unter dieser Krankheit, weil sich der Zustand ihrer Tiere stetig verschlechtert“, sagt Montoya. In den meisten Fällen sei eine vollständige Heilung ausgeschlossen. „Das Beste ist daher zweifellos die Vorbeugung und regelmäßige Gesundheitschecks.“
Auch beim Menschen zeigt die Zoonose ähnliche Symptome. Sie ist hierzulande als „Orientbeule“ bekannt und äußert sich in Form von Hautgeschwüren. Spanien zählt heute bereits zu den Ländern, in denen die Krankheit in beiden Formen – der viszeralen (inneren Organe betreffenden) und der kutanen (Haut-)Leishmaniose – übertragen wird.

