WM 2030 auf Gran Canaria: 200 Millionen für drei Spiele?

Ein teurer Traum vom Fußballfest

Die Ernennung von Gran Canaria zum Austragungsort der Fußball-Weltmeisterschaft 2030 hat auf den Kanaren eine hitzige Debatte über Ethik und finanzielle Vernunft entfacht. Das architektonische Prestigeprojekt „La Nube“ (Die Wolke), entworfen vom Studio L35, soll die Kapazität des Estadio de Gran Canaria auf über 44.000 Zuschauer erweitern. Nach Berechnungen des Baugewerbeverbands wird dies die öffentlichen Kassen mit mehr als 200 Millionen Euro belasten. Der Inselrat von Gran Canaria hat die direkten öffentlichen Ausgaben fast vollständig auf die Umgestaltung des Hauptstadions konzentriert, um die strengen Auflagen des Fußballweltverbandes FIFA zu erfüllen.

Das Milliardenprojekt „La Nube“

Der Großteil der lokal getragenen Kosten ist für den Komplettumbau und die Erweiterung des Estadio de Gran Canaria bestimmt. Das vom Inselinstitut für Sport genehmigte Ausschreibungsbudget liegt offiziell bei 174,7 Millionen Euro. Der Bauplan sieht vor, die aktuelle Kapazität von 32.418 Plätzen auf die geforderten 44.020 Zuschauer zu erhöhen. Zudem sind ein leichtes Dach nach Vorbild des Bernabéu oder Camp Nou, eine komplett neue Fassade mit Mustern kanarischer Pintaderas (traditionelle Tonstempel) sowie die Neugestaltung der Tribünen und Nebenanlagen vorgesehen.

Das Verfahren hat jedoch einen herben Rückschlag erlitten: Die öffentliche Ausschreibung für die Bauarbeiten blieb mangels Interessenten erfolglos. Der Bauverband argumentiert, dass die tatsächlichen Materialkosten die 200-Millionen-Marke überschreiten und die strengen Vertragsstrafen bei Zeitverzug die Firmen abgeschreckt haben. Der Inselrat sucht nun nach einer Direktvergabe im Verhandlungsweg, um Verzögerungen zu vermeiden, die den WM-Status gefährden könnten. Im Gespräch ist zudem ein gemischtes Finanzierungsmodell mit dem örtlichen Club UD Las Palmas, der sich mit 60 Millionen Euro an den Reformen beteiligen will. Im Gegenzug soll der Verein nach dem Turnier die Nutzungs- und Betriebsrechte für die Multifunktionsarena erhalten.

Das FIFA-Geschäftsmodell: Risiko für die Insel, Gewinn für den Verband

Das Organisationsmodell der FIFA folgt einem strikten Muster des extraktiven Kapitalismus. Durch Exklusivverträge und einseitige Forderungen zwingt der internationale Verband die lokalen Behörden, 100 Prozent der Infrastrukturkosten sowie der Sicherheitsmaßnahmen zu tragen. Im Gegenzug eignet sich die FIFA vertraglich die lukrativsten Einnahmequellen an: TV-Rechte, globale Sponsoring-Partner und Ticketverkäufe – und das dank vollständiger Steuerbefreiung und kommerzieller Ausschlusszonen, die lokalen Kleinhändlern die direkte Teilhabe verwehren, während multinationale Konzerne profitieren.

Während der kanarische Steuerzahler das finanzielle Risiko für ein potenzielles „Elefantenweiß“ – monumentale, nach dem Turnier defizitäre Bauten – trägt, konzentrieren sich die großen privaten Nutznießer auf die Bau- und Hotelbranche, die kurzfristig mit Umsatzsteigerungen rechnet.

Die Schattenseite: Was mit dem Geld fehlt

Diese millionenschwere Geldspritze in die Infrastruktur kontrastiert scharf mit den chronischen Problemen der Inseln: den langen Wartelisten im kanarischen Gesundheitsdienst, dem Mangel an öffentlichen Pflegeplätzen für Senioren und dem Defizit an klimagerechten Bildungseinrichtungen. Für die einheimische Bevölkerung birgt das Mega-Event laut Kritikern die Gefahr einer weiteren Verschärfung der Wohnungskrise und eines allgemeinen Anstiegs der Lebenshaltungskosten.

Die FIFA ist formal ein gemeinnütziger Verein mit Sitz in der Schweiz – mit mehr Mitgliedsverbänden als die Vereinten Nationen Mitgliedsstaaten haben. Ihr politischer und wirtschaftlicher Einfluss ist enorm. Kritiker und Analysten betonen, dass das kapitalistische Modell des Fußballs aus dem „König der Turniere“ ein reines Profit-Spektakel gemacht hat, das auf ständige Expansion und immer neue, teure Austragungsorte angewiesen ist.

Die finanzielle Schieflage ist eklatant: Die Gastgeberländer übernehmen fast die gesamten Infrastrukturkosten, während die FIFA den Großteil der direkten kommerziellen Erträge steuerfrei einstreicht. Diese Asymmetrie führt regelmäßig zu massiven Schulden und unrentablen Anlagen für die Gastgeber. Die Verteilung der WM-Einnahmen ist eines der deutlichsten Beispiele für dieses Ungleichgewicht. Die FIFA sichert sich vertraglich die drei profitabelsten Säulen des Turniers: Fernsehübertragungsrechte, Ticket- und VIP-Hospitality-Verkäufe sowie globale Sponsoring-Verträge.

Für die Gastgeber bleiben oft nur die „Brotkrümel“: Sie sind fast ausschließlich auf indirekte Tourismuseinnahmen (Hotels, Restaurants, Transport) während der Turnierwochen angewiesen. Unabhängige Wirtschaftsstudien zeigen jedoch, dass dieser Effekt oft überschätzt wird und die massiven Investitionen in Beton und Asphalt selten rechtfertigt.

Die Rechnung: 200 Millionen Euro – aber wofür sonst?

Um die Ausgaben vor Ort zu rechtfertigen, prognostizieren der Inselrat und die Tourismusbranche einen mittelfristigen Rückfluss von rund fünf Milliarden Euro durch Tourismuseinnahmen, Kongressgeschäft und Investitionen. Das Viertel Siete Palmas soll zu einem 365-Tage-Freizeitzentrum umgebaut werden. Dennoch zeigt ein Vergleich die Dimensionen auf: Die veranschlagten 200 Millionen Euro für den Fußball übersteigen die jährlichen Investitionen der Regionalregierung in hochtechnologische Ausrüstung und Großsanierungen ganzer Krankenhauskomplexe (rund 27 Millionen Euro) um ein Vielfaches.

Das Bildungssystem auf den Inseln leidet unter Lehrermangel, überfüllten Klassen und unzureichender Klimatisierung bei Hitzewellen. Die Summe der Stadionreform würde ausreichen, um rund 30 neue öffentliche Schulen oder weiterführende Schulen komplett auszustatten – und zwar nach modernen, bioklimatischen Standards. Zudem ließe sich damit die Klassengröße in allen Stufen nachhaltig senken, pädagogisches Hilfspersonal einstellen und die letzten verbliebenen Container-Klassenzimmer beseitigen.

Ein weiteres Beispiel: Der Bau eines öffentlichen Pflegeheimplatzes kostet durchschnittlich 60.000 bis 80.000 Euro. Das Geld für die FIFA-Auflagen würde ausreichen, um auf einen Schlag 2.500 bis 3.000 neue öffentliche Pflegeplätze auf Gran Canaria zu schaffen. So ließe sich das insulare Defizit beheben und Krankenhausbetten, die derzeit von Senioren ohne alternative Unterkunft belegt werden, freimachen.

Oder die Umwelt: Mit den Mitteln ließen sich die Abfallwirtschaftszentren der Insel (wie Salto del Negro oder Juan Grande) komplett modernisieren. Möglich wären hochmoderne Kompostieranlagen, die Digitalisierung der Mülltrennung in allen 21 Gemeinden und die Sanierung überlasteter Deponien, um EU-Strafen zu vermeiden – eine Investition in die ökologische Gesundheit der Insel statt in Asphalt und Sportbeton.

Die Profiteure und die unbequeme Wahrheit

Die Bau- und Tourismusbranche auf dem Archipel sind die Hauptnutznießer dieser öffentlichen Milliardeninvestition. Während soziale Ausgaben um öffentliche Gelder konkurrieren, sehen große lokale Unternehmen in der WM eine einmalige Chance, sich Millionenaufträge zu sichern und ihre Gewinnmargen zu maximieren. Die Vergabe der WM-Spielorte war zudem von Korruptionsvorwürfen und Vetternwirtschaft überschattet.

Das Geschäftsmodell bürdet den Gastgeberländern oft überproportionale Kosten auf und verwandelt öffentliche Investitionen in Infrastruktur für ein Turnier, das in dokumentierten Fällen zu massiven Kostenüberschreitungen, überdimensionierten Bauten und Korruption bei der Vergabe öffentlicher Aufträge geführt hat. Nachdem die erste Ausschreibung über 174,7 Millionen Euro aufgrund der volatilen Preise gescheitert ist, haben die lokalen Baufirmen den Inselrat nun in Zugzwang gebracht. Dies wäre gleichzeitig die Chance, von der Idee der WM-Ausrichtung Abstand zu nehmen – zumal das Stadion in Siete Palmas mit großer Wahrscheinlichkeit nur Schauplatz von maximal drei Vorrundenspielen ohne große sportliche Bedeutung wäre.

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