Ein neuer Stern am Wirtschaftshimmel
Die Kanarischen Inseln stürzen sich furchtlos in eines der vielversprechendsten wirtschaftlichen Abenteuer der letzten Jahrzehnte. Jahrelang schwebte die Chance auf wirtschaftliche Diversifizierung wie ein Versprechen über dem Archipel – jetzt packt man sie entschlossen beim Schopf. Die Inseln wollen sich zu einer festen Größe in der Luft- und Raumfahrtindustrie entwickeln. Eine Vision, die in den vergangenen Jahren massiv vorangetrieben wurde und nun erste Früchte trägt. Ersten Schätzungen zufolge generiert der Sektor bereits jetzt – direkt und indirekt – einen Umsatz von rund 430 Millionen Euro und sichert 4.600 Arbeitsplätze. Und das ist erst der Anfang.
Das Vorbild: Die Filmindustrie
Das ehrgeizige Ziel der Kanaren ist es, den rasanten Aufstieg der Film- und Fernsehbranche auf den Inseln zu wiederholen – und am Ende sogar zu übertreffen. Die audiovisuelle Industrie war einst ein Nischengeschäft und hat sich inzwischen zu einem der wichtigsten Wirtschaftszweige der Region entwickelt. „Die Entwicklung der Raumfahrtbranche auf den Kanaren erinnert stark an die Anfänge der Filmindustrie. Wenn nicht sogar noch schneller“, erklärt David Pérez-Dionis, Generaldirektor für Organische Koordination und strategische Projekte. Um dieses Tempo zu halten, haben die Inseln ihre Kräfte gebündelt und eine einheitliche Strategie entwickelt.
Die Raumfahrtstrategie der Kanaren
Vor etwas mehr als einem Jahr wurde die „Estrategia Aeroespacial de Canarias“ vorgestellt. Ihr Ziel: Die Kanaren als Drehkreuz für die Raumfahrt im mittleren Atlantik zu positionieren. Die Strategie bündelt öffentlich-private Initiativen unter einem Dach und schafft ein koordiniertes Vorgehen, das nicht nur ausländische Unternehmen anlocken, sondern auch die heimische Wirtschaft diversifizieren soll. Der Sektor wurde bereits 2024 als strategisch bedeutsam eingestuft, und seitdem wird fieberhaft an seinem Ausbau gearbeitet. Offizielle, umfassende Wirtschaftsdaten gibt es noch nicht, aber vorläufige Zahlen sind vielversprechend: Rund 200 Unternehmen mit Sitz auf den Kanaren sind bereits aktiv und erwirtschaften 430 Millionen Euro Umsatz bei 4.600 Beschäftigten.
Pérez-Dionis betont jedoch, dass in diesen Zahlen nicht nur reine Raumfahrtfirmen stecken, sondern auch Technologieunternehmen, die Dienstleistungen für diesen Sektor erbringen. Er ist zuversichtlich, dass die Entwicklung exponentiell verlaufen wird.
Zahlen, die beeindrucken
Ein Blick in die letzten beiden Geschäftsberichte von Proexca – der öffentlichen Gesellschaft, die die Internationalisierung der kanarischen Wirtschaft vorantreibt – bestätigt diesen Optimismus. Die Entwicklung in nur einem Jahr ist bemerkenswert:
- 2024: Potenzielle Investitionen von 0,5 Millionen Euro, zehn geplante Arbeitsplätze.
- 2025: Potenzielle Investitionen von 53 Millionen Euro und 780 offene Stellen.
Dabei geht es nicht nur um Quantität, sondern vor allem um Qualität. Die Jobs sind hoch qualifiziert und schaffen eine Perspektive für Fachkräfte auf den Inseln, die bisher oft ins Ausland abwanderten. „Die Ausbildung, die dieser Sektor hervorbringt, ist ein weiterer Gewinn für das Archipel“, sagt Pérez-Dionis. „Er bietet den Kanarern die Chance, in einem hochspezialisierten Bereich zu arbeiten, ohne ihre Karriere außerhalb der Inseln aufbauen zu müssen.“
Auch bei der Akquise von sogenannten Leads – potenziellen Kundenkontakten – ist ein Sprung zu verzeichnen. Waren es 2024 noch vier, stieg die Zahl im vergangenen Jahr auf 25. Ein klares Zeichen für das wachsende und reife Interesse der globalen Industrie.
Ideale Bedingungen – vom Klima bis zu den Steuern
Doch was macht die Kanarischen Inseln so attraktiv für die Raumfahrt? Experten bestätigen: Das Archipel hat alles, was die Branche braucht. Dazu gehören:
- Ein ganzjährig mildes Klima, das Tests an rund 365 Tagen im Jahr ermöglicht.
- Eine abwechslungsreiche Geografie mit Schluchten, Bergen und Küsten.
- Die Nähe zum Meer und zum afrikanischen Kontinent.
- Ein bestehendes Forschungsökosystem, das seit Jahren in diesem Bereich arbeitet.
- Steuerliche und wirtschaftliche Anreize, die Investitionen erleichtern.
Während Filmproduktionen auf den ersten Blick weniger komplex erscheinen, wirkt die Raumfahrt oft wie eine unüberwindbare Hürde. „Wenn man von Raumfahrt spricht, denken viele sofort an die NASA“, räumt Pérez-Dionis ein. „Dabei ist es dank der sogenannten Demokratisierung des Raums viel einfacher geworden. Früher war der Zugang nur einem kleinen Kreis wissenschaftlicher Zentren vorbehalten. Heute ermöglicht die Technologie, dass man keine riesige Industrie mehr braucht und auch weniger Fläche verbraucht – das macht die Kanaren zum idealen Kandidaten.“
Vielfältige Einsatzmöglichkeiten
Die Bandbreite der Luft- und Raumfahrt auf den Kanaren ist enorm. Sie reicht von Unterwassergleitern (Glidern) über kleine Drohnen (SUAS – Small Unmanned Aerial Systems) mit einem Gewicht von bis zu 25 Kilogramm bis hin zu HAPS (High Altitude Pseudo-Satellites), die in über 20.000 Metern Höhe als Beobachtungs- und Kommunikationsstationen dienen. Diese Plattformen werden immer alltäglicher und finden Anwendung in der Landwirtschaft, bei Filmaufnahmen, der Überwachung von Anlagen und sogar im Personentransport.
Die Kanaren sind nicht nur ein perfektes Testgelände für Prototypen, sondern könnten auch Produktionsstätten beherbergen. „Wir können eine wichtige Rolle bei der Montage aller Arten von Komponenten spielen, Dienstleistungen für Observatorien erbringen, Cybersicherheit anbieten – die Möglichkeiten sind riesig“, so Pérez-Dionis.
Bereits gestartet, aber noch lange nicht am Ziel
Die kanarische Strategie definiert bereits konkrete Projekte: die Verwaltung von Satellitenkonstellationen, nachhaltige Startplätze – sogar vom Meer aus – und die Entwicklung eines Raumfahrt-Hubs für die sogenannte Blue Economy (Meereswirtschaft) und maritime Überwachung. Auch der Lufttransport von Gütern zwischen den Inseln soll Teil des Konzepts werden.
Die Inseln starten nicht bei null. Seit Jahrzehnten arbeiten hier Forschungszentren, die sich auf Luft- und Raumfahrt spezialisiert haben. Die Kanaren gelten als einer der besten Orte der Welt für die Beobachtung des Universums. Jetzt gilt es, diese Stärken in wirtschaftlichen Erfolg umzumünzen. Die neue Raumfahrtwirtschaft hat auf den Kanaren bereits abgehoben – und es wird spannend sein zu sehen, wie hoch sie fliegt.

