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Eine Reise, die der Logik widerspricht
Ein Blick auf die Landkarte der Kanaren suggeriert eine geordnete, schrittweise Besiedlung: von der afrikanischen Küste aus zunächst nach Lanzarote und Fuerteventura, dann weiter nach Gran Canaria, Teneriffa, La Gomera, La Palma und schließlich El Hierro. Doch diese räumliche Logik täuscht gewaltig. Biogeografische Untersuchungen haben längst bewiesen, dass die evolutionäre Realität der Arten völlig anders aussieht. Um den tatsächlichen Weg der Eidechsengattung Gallotia zu entschlüsseln, musste die Wissenschaft zwei entscheidende Informationsquellen miteinander verknüpfen: die molekulare Uhr der DNA, die den Verwandtschaftsgrad zwischen Populationen bestimmt und den Zeitpunkt ihrer genetischen Trennung berechnet, sowie die geologische Uhr der Gesteinsschichten, die das Datum festlegt, an dem jeder vulkanische Bergriese aus dem Meer auftauchte.
Der überraschende genetische Fahrplan
Kreuzt man die genetischen Daten mit dem Alter der Inseln, offenbart sich eine Kolonisierungsroute, die mit der geografischen Kontinuität bricht. Die ersten Vorfahren der heutigen Eidechsen erreichten vor etwa 20 Millionen Jahren das Archipel – damals jedoch ausschließlich die östlichen Inseln Lanzarote und Fuerteventura. Von dort aus startete der Linienzweig, der sich später zur Art Gallotia atlantica entwickeln sollte. Der nächste Schritt führte die Tiere nach Gran Canaria, wo sie in völliger Isolation lebten und sich zum heutigen Riesen-Lagarto von Gran Canaria, der Gallotia stehlini, entwickelten.
Der gewagte Sprung in den Westen
Doch nun kommt der Clou, der die bisherigen Theorien auf den Kopf stellt: Entgegen der landläufigen Annahme stammen die Eidechsen von Teneriffa, La Gomera, La Palma und El Hierro nicht von ihren Artgenossen von Gran Canaria ab. Genetische Beweise belegen, dass sie vor rund zehn Millionen Jahren einen direkten Weg vom damaligen Ostblock aus nahmen – also von Lanzarote und Fuerteventura aus – und entweder La Gomera oder das alte Paläo-Territorium von Teneriffa ansteuerten. Dort angekommen, formte die Millionen Jahre währende Isolation auf jeder einzelnen Inselmasse die verschiedenen Arten und Unterarten, die wir heute auf dem Archipel finden.
Das Rätsel der Überfahrt
Wie aber schaffte es ein reines Landreptil, Dutzende Kilometer offenes Meer zu überwinden? Diese Frage bleibt die große Unbekannte der Forschung. Der wissenschaftlich am meisten gestützte Erklärungsansatz ist die sogenannte passive Verdriftung: Eidechsen könnten auf natürlichen Flößen aus Vegetation, die durch Starkregen oder große Waldrutschungen ins Meer gespült wurden, die Überfahrt gewagt haben. Diese Theorie gilt weiterhin als wahrscheinlichste Erklärung für ein Phänomen, das die Naturgewalten ebenso wie den Zufall als Architekten der Artenvielfalt zeigt.
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