Vom Karotten-Monopol zur Vielfalt
Drei Jahrzehnte lang war Jonathan Molina der Erbe einer der größten Karottenproduktionen Teneriffas. Doch vor 15 Jahren traf er gemeinsam mit seinem Bruder eine mutige Entscheidung: Sie wandelten das traditionelle Familienunternehmen grundlegend um. Statt auf Monokultur setzten sie auf Diversifizierung und das Prinzip „Kilometernull“. In Tegueste eröffneten sie einen eigenen Verkaufsstand – eine Seltenheit in einer Insel, in der die Nachfolge in der Landwirtschaft oft scheitert. Molina sieht die Zukunft der heimischen Landwirtschaft pessimistisch, doch sein Betrieb ist die Ausnahme, die die Regel bestätigt.
Die Stärke des Kilometernull-Konzepts
„Unser Erfolgsrezept sind die Produkte aus der Region. Wir verkaufen pro Woche zwischen zwei und zweieinhalb Tonnen unserer eigenen Ernte“, erklärt Molina. Das Volumen ist beachtlich, auch wenn eine genaue Kalkulation schwierig ist. „Solche Analysen sind komplex und führen oft zu Überschätzungen oder Vereinfachungen.“
Der Unterschied zur Konkurrenz vom Festland oder aus dem Ausland ist nicht immer eindeutig. „Eine Zwiebel, die auf dem spanischen Festland maschinell angebaut wird, hat durch die Millionenmengen niedrige Energiekosten pro Kilo. Der Seetransport nach Teneriffa kommt dann noch dazu. Der Vergleich mit einem Container aus Córdoba ist nicht einfach“, so Molina. Anders sehe es bei Gewächshauskulturen aus: „Dort sind wir fast genauso produktiv. Der Unterschied ist dagegen enorm, wenn man einen Kiwi aus Neuseeland oder eine Tomate aus Polen betrachtet. Es hängt stark vom Produkt und seiner Herkunft ab.“
Der Kampf gegen die Supermärkte
Molina ist überzeugt: „Fast jeder schätzt lokale Produkte – mehr, als wir glauben. Das Problem ist die Realität des Alltags. Viele greifen dann doch zu den großen Supermärkten, weil sie alles unter einem Dach haben. Der Zeitaufwand ist geringer. Unser Hofladen bietet Qualität, aber dafür muss der Kunde sich bewegen und die anderen Waren woanders besorgen. Das ist unser größter Nachteil.“
Qualität ist für Molina der einzige Weg, um zu bestehen. „Wenn ich die gleichen Sorten anbiete wie die großen Ketten, habe ich keine Chance. Ich muss eine bessere Tomate, eine bessere Karotte, ein besseres Gemüse liefern.“
Weniger Anbau, steigende Preise
Das Problem sei nicht, dass die Menschen weniger konsumieren, sondern dass immer weniger angebaut wird. „In einem ungeregelten Markt sollte ein hoher Preis ein Anreiz sein, mehr anzubauen. Früher war das so: Wenn Paprika zwei Saisons lang gut Geld brachte, wurde die ganze Insel damit vollgepflanzt, der Preis fiel – der Markt regulierte sich selbst. Heute gibt es Kulturen, die teuer verkauft werden, aber trotzdem nicht rentabel sind. Das ist alarmierend.“
Molina befürchtet, dass der Großteil der kanarischen Produkte, die der Konkurrenz standhalten, bald nur noch in den großen Supermärkten landen wird. „Wenn die Kontrollen und Auflagen auf dem Großmarkt Mercatenerife weiter verschärft werden, werden sich viele Landwirte um die 60 einfach zur Ruhe setzen. Sie haben ja schon ihr Auskommen.“
Der Verbraucher zahlt die Zeche
Auch wenn Molina wenig optimistisch ist, appelliert er an die Verbraucher: „Das Problem wird sie direkt im Geldbeutel treffen. Wenn nicht mehr angebaut wird, steigen die Preise. Der Durchschnittspreis für Paprika hat sich enorm erhöht: Lag er früher bei etwa 80 Cent, liegt er heute im Obstladen oft bei über drei Euro.“ Er selbst kalkuliere seine Preise nach Einkaufskosten. „Der Landwirt leidet, weil er verschwinden kann, aber der Verbraucher merkt es erst beim Jahresbudget. Eine Familie, die viel Gemüse isst, kann unterm Strich 600 bis 800 Euro mehr im Jahr ausgeben – ohne es bewusst zu registrieren.“
Potenzial und Bedrohung zugleich
Teneriffa biete enorme Vorteile: Klima, Produktionskapazität, Bevölkerung, Tourismus, Nachfrage. „Doch die Bedrohungen sind ebenso groß. Der Anbau wird hier immer schwieriger, weil Pflanzenschutzmittel verboten werden. Das ist ökologisch sinnvoll, aber wenn diese Mittel im Ausland weiter erlaubt sind und die Produkte hier einwandern, schaden wir uns selbst. Es geht nicht um ein ‚Ja‘ oder ‚Nein‘ zu einer politischen Agenda, sondern darum, die Folgen zu analysieren. Wenn europäische Auflagen am Ende Produkte aus der Türkei oder Marokko bevorzugen, müssen wir die Politik überdenken.“
Bürokratie – das wahre Hindernis
Für den kleinen Landwirt sei es fast unmöglich, mit den großen Agrarunternehmen mitzuhalten. „Um an die Supermärkte zu liefern, musst du deren Spiel mitspielen: Subventionen, Kontrollen, Zertifikate. Einem 60-jährigen Bauern wird gesagt, er müsse einen Zaun bauen, einen Traktor nachweisen oder Auflagen erfüllen. Viele antworten dann: ‚Dann pflanz du mal.‘ Die Bürokratie ist ein Hauptproblem. Unsere Konkurrenten außerhalb der Kanaren oder Europas müssen oft nicht dieselben Regeln einhalten.“
Der Weg der Veränderung
Der Wandel begann vor etwa 15 Jahren, als Molina sein Studium der Agrartechnik abschloss. „Gemeinsam mit meinem Bruder entstand die Idee, anders anzubauen. Karotten erfordern viel Monokultur, aber wir wollten nachhaltiger wirtschaften. Der einzige Weg war die Einführung vieler Kulturen in Fruchtfolge. Das war eine der großen Veränderungen.“
Beruflich hätte Molina andere Wege wählen können: Forschung oder die Arbeit im etablierten Familienbetrieb. „Die Selbstständigkeit war die größere Herausforderung. Wir hatten alle Türen offen: die Erfahrung unserer Eltern, den Markt, eine etablierte Marke. Der Hofladen war Neuland, aber er läuft gut. Unser Wachstum war bewusst langsam, ohne Social Media, rein natürlich.“
Planung als Schlüssel
Die größte Hürde ist heute die Abstimmung zwischen Anbauplanung und Verkaufsprognose. „Je mehr wir verkaufen, desto einfacher wird alles. Wir verkaufen zum Beispiel etwa 600 Kilo Tomaten pro Woche – im Laden und an die Gastronomie. Da ist die Planung viel einfacher, als wenn ich nur 30 oder 40 Kilo verkaufen würde. Ich kann größere Mengen anbauen: Wenn es zu wenig ist, kaufe ich zu, wenn etwas übrig bleibt, verkaufe ich es auf dem Großmarkt. So balanciere ich das aus.“
Die Herausforderung liegt in der Vielfalt: „Ich muss entscheiden, welche Kulturen ich ganzjährig anbaue, welche saisonal sind, und versuchen, Kontinuität zu gewährleisten. Bei Zwiebeln haben wir unsere eigenen zehn Monate im Jahr, bei Kürbissen etwa sieben Monate, Karotten versuchen wir ganzjährig anzubauen, und bei Gewächshauskulturen überschneiden wir die Pflanzungen. Die Kartoffel ist ein weiterer Schwerpunkt – wir bauen lokale Kartoffeln an und nutzen einen Großteil unserer Flächen, um den Laden das ganze Jahr zu versorgen.“

