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Die Eem-Warmzeit: Eine Klima-Mahnung für die Kanaren

Als das Meer die Kanaren verschluckte

Vor rund 120.000 Jahren befand sich die Erde in einem langsamen, aber gewaltigen Klimawandel – und die Kanarischen Inseln blieben davon nicht verschont. In jener Periode, die als Eem-Warmzeit (Eemiense) bekannt ist, lagen die Temperaturen auf dem Archipel zwei bis vier Grad über dem vorindustriellen Niveau. Es ist exakt derselbe Temperaturanstieg, den Experten für das Worst-Case-Szenario des Klimawandels bis zum Jahr 2100 vorhersagen. Die Folgen waren damals drastisch: Das gesamte Ökosystem veränderte sich schlagartig. Der Meeresspiegel stieg an manchen Stellen um bis zu acht Meter an, und in den Gewässern vor den Inseln tauchten Meeresbewohner aus dem Senegal auf, die heute nur noch vor Kap Verde und im Golf von Guinea vorkommen.

Wissenschaftler sind überzeugt: Diese Situation könnte sich wiederholen – und sie warnen eindringlich davor, diese Erkenntnisse bei der langfristigen Planung des Lebens auf den Kanaren zu ignorieren. Die Eem-Warmzeit hat an mehreren Stellen des Archipels fossile Spuren hinterlassen und ist heute ein mahnendes Beispiel dafür, dass die Küstenlinien der Inseln einst völlig anders aussahen als heute.

Fossile Riesen auf Fuerteventura

Einer dieser Schlüsselpunkte ist der Strand Playa del Matorral auf Fuerteventura. Dort befindet sich eine Fossilienfundstätte mit Riesen-Schnecken der Art Tethystrombus coronatus. Heute sind diese Gehäuse vor Kap Verde weit verbreitet, auf den Kanaren findet man jedoch keine lebenden Exemplare mehr. „In jener Periode lebten sie gemeinsam mit anderen Arten des Archipels“, erklärt der Biologe José Luis Martín Esquivel, Direktor des Nationalparks Teide. Die Eem-Warmzeit war eine global sehr heiße Phase, die zeitlich mit der Besiedlung Europas durch den Neandertaler zusammenfiel. In den Kanaren, so zeigen es die Fossilien in den Küstenablagerungen, schwankte der Meeresspiegel enorm – er stieg um fünf bis sechs Meter, an manchen Stellen sogar um acht Meter.

Eine Zeitreise mit aktuellen Warnungen

Der Forscher ist Co-Autor einer neuen Studie, die in der Fachzeitschrift Frontiers of Biogeography veröffentlicht wurde. Gemeinsam mit José María Fernández Palacios und Enrique Fernández Palacios warnt er darin: Der aktuelle Klimawandel könnte ähnliche Folgen haben – allerdings erst auf sehr lange Sicht, also in mehr als 100 Jahren. „Bei einem Temperaturanstieg von zwei Grad hat man bislang geschätzt, dass der Meeresspiegel auf den Kanaren um bis zu einen Meter steigen könnte“, erläutert Martín Esquivel. Doch wenn der Trend mehrere Jahrhunderte anhält – so wie in der Eem-Warmzeit –, könnte der Meeresspiegel weit höhere Grenzen erreichen. Das hätte verheerende Auswirkungen auf Strände, Infrastruktur und die Sicherheit der Küstenbevölkerung.

Eine der Hauptursachen für den damaligen Anstieg war das Abschmelzen der Polkappen. „Als die Temperatur zwei Grad höher lag, dauerte es 1.000 Jahre, bis der Meeresspiegel entsprechend anstieg“, so der Forscher. Das bedeutet für die heutige Situation: Selbst wenn die globale Temperatur morgen wieder auf das Normalmaß sinken würde, „würden die Gletscher noch 100 Jahre lang weiterschmelzen“. Der Meeresspiegel wird also weiter steigen, weil „eine Synergie wirkt, die nur langsam abklingt“. Deshalb ist es sehr wahrscheinlich, dass das Meer bis zum Jahr 2100 viel mehr Land auf den Kanaren verschlucken wird, als die Prognosen von einem bis zwei Metern Anstieg vermuten lassen.

Natur gegen Mensch: Zwei verschiedene Ursachen, gleiches Ergebnis

Anders als beim heutigen Klimawandel, der durch menschliche Aktivitäten – insbesondere die CO₂-Emissionen aus Industrie und Verkehr – verursacht wird, hatte der Temperaturanstieg in der Eem-Warmzeit natürliche Ursachen. „Es hatte nichts mit Kohlendioxid zu tun, das damals bei rund 300 ppm (Teilchen pro Million) lag. Die Temperatur stieg unter anderem aufgrund von Sonnenzyklen oder möglicherweise durch eine erhöhte vulkanische Aktivität“, erklärt der Wissenschaftler. Trotz dieses Unterschieds und der Tatsache, dass die Erwärmung damals viel langsamer vonstatten ging als heute, „wäre der Endeffekt derselbe“. Eine der globalen Folgen war, dass die großen Wälder weit nach Norden vordrangen. Auf den Kanaren führte die Eem-Warmzeit zur Einwanderung von Arten, die heute an wärmere Klimate angepasst sind – das Archipel bot damals ein völlig anderes Bild.

Die ‚Eemisierung‘ der Kanaren hat bereits begonnen

Angesichts dieser historischen Beweise warnen die Forscher: Die Kanarischen Inseln erleben derzeit eine „Eemisierung“ der Natur. Das Absinken der Wolkendecke, die Zunahme von Waldbränden, die Verschiebung der Vegetationszonen in höhere Lagen, die Tropikalisierung der Meere oder das Auftauchen tropischer Meeres- und Landtiere – all das sind Phänomene, die die Kanaren schon damals komplett verändert haben und die heute Schritt für Schritt wieder zu beobachten sind.

„Wir haben heute mehr DANA-Wetterlagen (ergiebige Starkregenfälle) als noch vor 20 Jahren, der Calima (Wüstenstaub aus der Sahara) dringt immer häufiger auf die Inseln vor, und die Ciguatera-Krankheit (Fischvergiftung) ist so präsent, dass das Gesundheitsministerium inzwischen spezielle Protokolle für ihren Umgang erstellt hat“, betont der Forscher. Die in den letzten Jahren gesammelten Daten zeigen zudem, dass die Temperaturen bereits um anderthalb Grad gestiegen sind – auf der Höhe von Teneriffa, die am stärksten betroffen ist, sogar um fast drei Grad. Die Hitzewellen werden intensiver, die Meerestemperaturen haben sich um fast ein halbes Grad erhöht, und die Kanaren haben in den letzten 30 Jahren bereits zehn Zentimeter an Küstenlinie verloren.

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