Vier Tonnen Kokain: Der letzte Trip des „Little Girls“
Die spanische Nationale Strafkammer (Audiencia Nacional) hat grünes Licht gegeben: Der Hafen von Las Palmas darf den „Little Girls“ abwracken. Das Drogenschiff war im Oktober rund 1.100 Kilometer vor den Kanaren gekapert worden – mit vier Tonnen Kokain aus Panama an Bord. Ziel der Fracht war der galicische Hafen Vigo. Der „Little Girls“ fuhr unter der Flagge Tansanias und war 1975 gebaut worden. Ursprünglich diente er als Versorger (sogenannter Supply Ship), der andere Schiffe auf hoher See mit Nachschub und Treibstoff belieferte. Mit seinen 54 Metern Länge und 12 Metern Breite wurde er im Oktober von Spezialkräften der Nationalpolizei (Grupo Especial de Operaciones) geentert. Die Aktion trug den Decknamen „Operación Traba“ und wurde durch einen Hinweis der US-amerikanischen Drogenbekämpfungsbehörde (DEA) ausgelöst. Die Spanier wurden vom Hochsee-Patrouillenboot „Atalaya“ der Marine unterstützt.
Drogen in einer extra dafür gebauten Versteckstruktur
Auf seiner letzten Reise hatte die Besatzung 140 Ballen mit insgesamt 4.000 Kilogramm Kokain in einer nachträglich ins Schiff eingebauten Lagerstruktur und im Laderaum versteckt. Der geschätzte Straßenverkaufswert der Drogen liegt bei 21,4 Millionen Euro. Die neun Besatzungsmitglieder wurden festgenommen – das Schiff selbst liegt seitdem im Hafen von Arinaga vor Anker, da die Nationale Strafkammer die Hafenbehörde von Las Palmas zum gerichtlichen Verwahrer bestimmt hatte.
Baufälligkeit und Platznot: Das Schiff muss weg
Antonio Castellano, Chef der Abteilung für Seeverkehr und damit verbundene Operationen der Hafenbehörde, erklärt: „Der fehlende Unterhalt und das Alter des Schiffs haben seinen Zustand so sehr verschlechtert, dass wir fürchten, es könnte kentern. Deshalb haben wir die richterliche Erlaubnis für den Abbruch beantragt.“ Der „Little Girls“ sei mit seinen 50 Jahren längst am Ende seiner Nutzungsdauer angelangt. In der Schifffahrt würden solche alten, heruntergekommenen Schiffe oft für den Drogenschmuggel eingesetzt – unter Seeleuten und Hafenarbeitern sind sie als „Schiffe der letzten Reise“ berüchtigt. Mit der Abwrackung wird außerdem ein Liegeplatz frei – und das in einem Hafen, der derzeit zu 100 Prozent ausgelastet ist. Beatriz Calzada, Präsidentin der Hafenbehörde von Las Palmas, bestätigt: „Wir haben Schiffe, die zwei Seemeilen vor der Küste Gran Canarias warten, um einen freien Platz an den Kais von La Luz zu ergattern.“ Auch der Hafen von Arinaga selbst stehe derart unter operativem Druck, dass man den Platz dringend zurückgewinnen müsse.
Hohe Kosten für den Steuerzahler entfallen
Nicht zuletzt entledigt sich die Hafenbehörde damit der hohen Kosten, die das Schwimthalten eines so heruntergekommenen Schiffs verursacht. Castellano betont, dass die Verwahrung beschlagnahmter Schiffe für die Behörde ein zusätzliches Problem darstelle: „Man muss die Wartung, Überwachung und Sicherheit des Schiffes übernehmen, während das Gericht noch über das endgültige Schicksal entscheidet.“ Jetzt, da die Nationale Strafkammer die Zerstörung des Schiffs genehmigt hat, bereitet die Hafenbehörde den Schleppzug nach Las Palmas de Gran Canaria vor.
Der lange Weg zum Schrott: So wird der „Little Girls“ zerlegt
Die Manöver sollen in etwa einem Monat stattfinden – abhängig vom Wetter und der technischen Koordination, um das Schiff sicher zu bewegen. Bevor die eigentliche Abwrackung beginnen kann, fordert die Hafenbehörde bei der Schifffahrtskapitän (Capitanía Marítima) einen Zustandsbericht an: Nur so könne man die reale Lage des Bootes erfassen und die nötigen Maßnahmen festlegen, um Risiken bei Verwahrung, Transport und Zerstörung zu vermeiden. Dann wird der „Little Girls“ in den Hafen von Las Palmas geschleppt – zur einzigen Firma im Hafen von La Luz, die solche Arbeiten durchführt: Logiscrap. Dort wird das Schiff erst einer vollständigen Inspektion unterzogen, um Bauteile zu identifizieren, die eine Gefahr für die Umwelt oder die Arbeiter darstellen. In dieser ersten Phase werden Treibstoffe, Öle, Schmiermittel, Bilgenwasser und andere Schadstoffe entnommen. Gefährliche Materialien wie Asbest, giftige Farben und Chemieabfälle werden lokalisiert. Auch wiederverwertbare oder wertvolle Teile wie Motoren, Verkabelung, Elektronik, Möbel, Metallteile und Navigationsinstrumente werden ausgebaut. Erst wenn das Schiff entgiftet und entleert ist, beginnt der eigentliche Rückbau: Abschnitt für Abschnitt wird die Konstruktion von den oberen Decks bis zum Kiel mit Schneidbrennern, Spezialmaschinen und Schwerlastkränen zerlegt. „Der erste Teil der Arbeiten findet noch im Wasser statt“, erklärt Castellano. „Wenn die Höhe des Rumpfes fast die Wasserlinie erreicht hat, wird der Rest ins Trockendock gehoben – dann wird weitergemacht.“ Zuletzt werden die Materialien getrennt: Stahl und andere Metalle gehen in die Recyclinganlagen oder in die Schmelzhütten.

