Vom Sofakauf zum Hauskauf: Ein Wettlauf gegen die Zeit
Die Zeit, die man in die Auswahl eines neuen Sofas investiert, kann länger sein als die, die man für den Kauf einer Wohnung braucht. Und das ist keine Übertreibung. Der akute Mangel an verfügbaren Immobilien hat den Wohnungsmarkt auf den Kanarischen Inseln nicht nur bei den Preisen, sondern auch im Kaufprozess selbst extrem beschleunigt. Die Flut an Kaufinteressenten ist so groß, dass Branchenkenner berichten, für eine einzige Anzeige könnten innerhalb von 24 Stunden bis zu zehn ernsthafte Käufer auftauchen.
40% aller Häuser sind innerhalb eines Monats verkauft
Der jüngste Bericht des Immobilienportals Idealista bestätigt diesen Eindruck mit harten Zahlen: 16% der auf den Kanaren verkauften Häuser fanden einen neuen Eigentümer, bevor sie überhaupt eine Woche auf dem Markt waren. Weitere 24% wurden in weniger als einem Monat verkauft. Das bedeutet, dass innerhalb von 30 Tagen satte 40% des gesamten Angebots weg sind. „Es ist ein Horror. Ein Prozess, der schön und wichtig sein sollte, wird zum Albtraum“, erklärt Sara Álvarez. Die junge Frau ist seit etwas mehr als einem Jahr auf der Suche nach einem neuen Zuhause – bisher ohne Erfolg.
„Ich war früher wählerischer“: Die schrumpfende Wunschliste
Sara Álvarez hat bereits etwa 20 Immobilien besichtigt, in der Hoffnung, dass eine ihre Ansprüche erfüllt. Eine Liste, die mit der Zeit immer kürzer wird: „Früher war ich anspruchsvoller, ich wollte Garage, Aufzug… aber jetzt begnüge ich mich mit grundlegenderen Kriterien.“ Wie viele andere Käufer muss sie blitzschnell entscheiden. „Ich habe kein Haus mehr als einmal besichtigt, weil es immer gekauft wurde, bevor ich dazu kam“, betont sie. Laut einem weiteren Idealista-Studie wurde im vergangenen Jahr irgendwo in Spanien alle 44 Sekunden ein Haus verkauft – ein Wert, der je nach Region variiert, aber die immense Nachfrage unterstreicht.
Die Philosophie der Resignation: „Wie viele andere wollen das auch?“
Aus dieser Not haben Käufer wie die junge Kanarin eine Art Philosophie der Resignation entwickelt: „Jedes Mal, wenn dir etwas gefällt, ist deine erste Frage: Wie viele andere Menschen werden wohl an genau dieser Immobilie interessiert sein?“ Laut Pablo Picasarri, Immobilienmakler beim Unternehmen Ziegel, kommen auf ein Objekt im Schnitt 5 bis 10 Interessenten, sodass der Kaufprozess selten länger als einen Monat dauert.
Die Daten von Idealista für das erste Quartal 2025 zeigen: 32% der verkauften Häuser waren zwischen einem und drei Monaten auf dem Markt, 25% zwischen drei Monaten und einem Jahr. Ein Verkaufsprozess, der sich über ein Jahr hinzieht, ist dagegen die absolute Ausnahme – hier lag der Anteil bei nur 6%.
„Man muss es nicht mal mehr online stellen“: Der private Kundenstamm reicht
Doch der Bericht erfasst nur Häuser, die online angeboten werden. Die Realität ist, dass es so viele Insulaner auf der Suche gibt, dass „man eine Immobilie oft nicht einmal mehr veröffentlichen muss“, warnt Pablo Picasarri. Die Nachfrage ist so groß, dass den Profis ihre eigene Kundenkartei reicht, um einen neuen Eigentümer zu finden. Zudem erlauben Plattformen wie Instagram oder Facebook, Häuser in kurzen Videos zu präsentieren – ein äußerst effektives Werkzeug, um noch mehr potenzielle Käufer zu erreichen. Sara Álvarez fand viele der von ihr besichtigten Objekte genau über diese Kanäle.
Ein Video, 24 Stunden, 20 Interessenten: Der Fall Siete Palmas
Ein Beispiel für die Wirksamkeit dieser Methode ist ein Fall von Pablo Picasarri im Dezember: Für eine Wohnung im grancanarischen Stadtteil Siete Palmas in Las Palmas generierte ein einziges Video in den sozialen Medien innerhalb von 24 Stunden eine Liste mit über 20 Besichtigungswilligen. Nach einer Vorauswahl fanden an einem einzigen Nachmittag zehn Besichtigungen statt. Daraus resultierten fünf konkrete Kaufangebote, zwei davon sogar über dem geforderten Preis.
Die Überbietungsspirale: Der Kampf um den Traum
Damit hat sich der Hauskauf mancherorts in ein Wettbieten verwandelt. Wie der Makler erläutert, treibt die Angst, das Traumhaus zu verpassen – gepaart mit der entsprechenden Kaufkraft – einige Bürger dazu, mehr Geld zu bieten, nur um sich gegenüber der langen Liste von Mitbewerbern durchzusetzen und den Zuschlag sicher zu bekommen.
Gegen den Strom: Die Würde der Einzelbesichtigung
Trotz aller Hektik ist die menschliche Komponente im Kaufprozess nicht verschwunden. Angesichts des Marktdrucks bestehen einige Profis auf der individuellen Besichtigung als essenziellem Bestandteil. Der Grund ist simpel: „Der Kauf einer Immobilie ist keine beliebige Entscheidung, sondern eine der wichtigsten im Leben vieler Menschen“, so Picasarri. Daher lehnt er Gruppenbesichtigungen oder ähnliche zeitsparende Formate ab. Der Käufer stehe bereits unter genug Druck, weil er mit vielen anderen konkurriere, und verdiene „wenigstens eine halbe Stunde“, um in Ruhe einzutreten, zu beobachten und zu entscheiden.
Genau darauf legt auch Sara Álvarez wert: Sie möchte die Wohnung alleine oder mit ihrer Partnerin besichtigen, mit der sie kaufen will: „So habe ich das Gefühl, gegen weniger Leute anzutreten und habe weniger Druck.“ Die einzige Gruppenbesichtigung, die sie je mitmachte, brach sie sogar vorzeitig ab. Das Gedränge, die fehlende Individualität und die Unmöglichkeit, in Ruhe über eine so gewichtige Investition nachzudenken, veranlassten sie zum vorzeitigen Gehen.

