Streit um Bebauung am Guaza-Berg erreicht Brüssel
Die sogenannte „städtebauliche Bedrohung“ für den geschützten Berg Montaña de Guaza auf Teneriffa hat nun die europäische Ebene erreicht. Umweltverbände haben eine formelle Beschwerde bei der Europäischen Kommission eingereicht. Darin warnen sie, dass zwei geplante Bauprojekte in der Gemeinde Arona bedrohte Tierarten und Lebensräume von gemeinschaftlichem Interesse innerhalb eines Natura-2000-Gebiets zerstören könnten. „Das Vorsorgeprinzip lässt keine andere Antwort zu, als die Verweigerung der Baugenehmigungen“, argumentieren die Naturschützer. Sie fordern die sofortige Einstellung aller Genehmigungsverfahren und den vollständigen Erhalt des gesamten Areals.
Zwei Bauprojekte, ein Berg
Konkret geht es um zwei Bauanträge, die beim Rathaus von Arona eingereicht wurden. Die Madrider Firma Metrovacesa plant den Bau eines Wohngebäudes mit 28 Wohneinheiten, vier Geschäften sowie Abstellräumen, Tiefgaragen und einem Gemeinschaftspool. Die zweite Antragstellerin ist die Bauträgerin Lemwey, die zum einflussreichen belgischen Konzern Los Menceyes gehört. Sie möchte eine Luxuswohnanlage zwischen dem Strand von Palm-Mar und dem Berg Guaza errichten.
Wie die Online-Zeitung „Canarias Ahora“ unter Berufung auf die vorliegenden Unterlagen berichtet, umfasst das als „Gara“ bezeichnete Projekt von Metrovacesa eine Fläche von 3.200 Quadratmetern in Küstennähe. Die Gemeindeverwaltung bestätigte, dass die Genehmigung monatelang auf Eis lag, weil das Grundstück vom europäischen Schutzgebietsnetz Natura 2000 betroffen ist. Gleiches gilt für das Projekt der Gruppe Los Menceyes mit dem Namen „The Cliff“.
Ein Dossier mit schwerwiegenden Vorwürfen
Die Umweltverbände haben ihre Beschwerde nicht nur nach Brüssel geschickt, sondern auch der Kanarischen Regionalregierung, der Inselregierung (Cabildo) von Teneriffa und der Gemeindeverwaltung von Arona zugestellt. Damit soll „formell festgehalten werden, dass alle zuständigen Behörden von den beanstandeten Tatsachen und Verstößen Kenntnis haben“. In dem Dokument, das dieser Redaktion vorliegt, wird betont, dass keines der Projekte einer ordnungsgemäßen Verträglichkeitsprüfung für das Natura-2000-Netz unterzogen wurde.
Die Beschwerde beruft sich auf das Vorsorgeprinzip der EU-Umweltpolitik. Es verpflichtet die Behörden, „erhebliche Umweltschäden vorherzusehen und zu verhindern, sobald ein Risiko besteht“. Die Umweltschützer warnen: „Die wissenschaftlichen Belege sind eindeutig: Wir stehen vor erheblichen und irreversiblen Schäden für eines der am besten erhaltenen Küstenschutzgebiete im Süden Teneriffas, das Heimat endemischer, geschützter und vom Aussterben bedrohter Arten ist.“
Bedrohte Arten im Fokus
Der Beschwerde liegt ein umfangreicher Anhang mit technischen Gutachten zu Flora, Fauna und Geomorphologie bei. Diese Unterlagen belegen laut den Verbänden, dass die Projekte Arten betreffen, die sowohl nach kanarischem als auch nach spanischem Recht als vom Aussterben bedroht gelten. Dazu zählt der küstenbewohnende Teneriffa-Schwarzkäfer (Pimelia canariensis), ein endemischer Käfer der Insel, „dessen lokales Aussterben aufgrund seiner äußerst geringen Ausbreitungsfähigkeit praktisch irreversibel wäre“.
Eine weitere betroffene Art ist die Teneriffa-Rieseneidechse (Gallotia intermedia), von der auf der gesamten Insel nur noch zwei Populationen überleben. Eine davon befindet sich „nur wenige Meter von den geplanten Bauarbeiten entfernt“ und leidet seit Jahren unter einem „dramatischen Rückgang“. Die Montaña de Guaza ist zudem Teil einer besonderen Vogelschutzzone (ZEPA). Die Gutachten dokumentieren Nester des Gelbschnabelsturmtauchers (Calonectris borealis) „direkt im Baubereich“ sowie weitere geschützte Vogelarten, darunter den Wüstengimpel (Bucanetes githagineus) und den Triel (Burhinus oedicnemus).
Bauarbeiten als Störfaktor
In der Beschwerde heißt es: „Die Durchführung der Bauarbeiten und später die Anwesenheit eines bewohnten Gebäudes würden zu erheblichen Beeinträchtigungen führen.“ Genannt werden Lärm und Vibrationen durch Baumaschinen, erhöhter Fußgängerverkehr sowie nächtliche künstliche Lichtquellen. Auch die Vegetation ist betroffen: Die Gutachten identifizieren Wolfsmilchgewächse und Säulenkakteen-Bestände (tabaibal cardonal) – einen Lebensraum von gemeinschaftlichem Interesse – sowie Pflanzenarten, die denselben Schutzstatus genießen wie der giftige Kanaren-Ehrenpreis (viborina triste), der bereits das Bauprojekt „Cuna del Alma“ gestoppt hatte.
Eingriff in das natürliche Gleichgewicht
Das Projekt der Gruppe Los Menceyes sieht unter anderem eine Hangbefestigung vor, um „einen möglichen Steinschlag zu verhindern“. Die Umweltverbände halten dem entgegen, dass der Hang ein „stabilisiertes System“ sei, das keinerlei Gefahr für Menschen oder Infrastruktur darstelle. Im Gegenteil: Die geplanten Baumaßnahmen wie Betonierungen, Zementierungen und die Anbringung von Drahtnetzen würden den Wasserhaushalt, die geomorphologische Dynamik sowie den landschaftlichen und kulturellen Wert der Montaña de Guaza „irreversibel“ verändern.
Rechtliches Tauziehen um die Baugenehmigung
Die Gemeindeverwaltung von Arona vertritt die Auffassung, dass sie die Baugenehmigung für Metrovacesa ohne vorherige Umweltprüfung nicht erteilen darf, da das Gebiet europäisch geschützt ist. Das Unternehmen teilt diese Rechtsauffassung nicht und zog vor das Verwaltungsgericht. Am 9. Dezember 2025 gab der Obere Gerichtshof der Kanarischen Inseln (TSJC) der Bauträgerin recht und entschied, dass für die Genehmigung keine Umweltprüfung erforderlich sei. Nur etwas mehr als einen Monat später kündigte Arona an, das Urteil vor dem Obersten Gerichtshof Spaniens angefochten zu haben. Ziel sei es, eine klare Rechtslage für Bauvorhaben mit möglichen Auswirkungen auf Schutzgebiete zu schaffen und „Interpretationen zu vermeiden, die in der Praxis zu einer Schwächung der Umweltstandards führen könnten“.
Ein Präzedenzfall mit Signalwirkung
Die nun bei der EU-Kommission eingereichte Beschwerde betont, dass die Erteilung einer Baugenehmigung ohne die erforderlichen Umweltkontrollen einen „manifesten Rückschritt“ für den Schutz der Montaña de Guaza bedeuten würde. Zudem würde ein solcher Schritt die Tür für weitere Bauprojekte in diesem geschützten Gebiet öffnen. Die Entscheidung aus Brüssel wird mit Spannung erwartet – sie könnte weitreichende Folgen für den Naturschutz auf den Kanarischen Inseln haben.

