Die Kanaren: Ein ideales Testfeld für Desinformation
Die Kanarischen Inseln sind zum Experimentierfeld für Desinformation und Falschmeldungen geworden. Die Verwundbarkeit der Region gegenüber den bereits spürbaren Folgen des Klimawandels und ihre geografische Nähe zu den Migrationsrouten aus Afrika haben den Archipel zu einem Ort gemacht, an dem gezielt Botschaften entwickelt und dem kognitiven Verzerrungsprozess der Gesellschaft ausgesetzt werden. Diese Botschaften sind heute fester Bestandteil einer leugnenden oder fremdenfeindlichen Erzählung, die laut einem aktuellen Bericht des spanischen Nationalen Sicherheitsrats als Bedrohungsfaktor für ganz Spanien eingestuft wird.
Experteneinblick: Wie Fake News entstehen und wirken
Rocío Benavente, Wissenschaftsjournalistin und auf Faktencheck spezialisiert bei der Stiftung Maldita.es, beschrieb dies auf einer Fachtagung zur Bekämpfung von Falschmeldungen und Desinformation im Bereich des Klimawandels. Die Veranstaltung wurde vom IRLab der Kanarischen Regierung organisiert. „Diese beiden Themen – Klima und Migration – aktivieren oder sensibilisieren vorgefasste Meinungen in Spanien und Europa“, erklärte Benavente. Sie erläuterte, wie diese Falschinformationen entstehen, ihren historischen Verlauf und wie soziale Medien die Art der Verbreitung grundlegend verändert haben.
Benavente betonte: „Die Kanaren sind ein Ort, der besonders anfällig für Wetterextreme ist, und gleichzeitig eine Region, in der die Migration die größten Auswirkungen hatte.“ Sie präzisierte: „Auf den Kanaren werden Argumente wie in einem Reagenzglas getestet, um mit desinformierenden Narrativen zu experimentieren.“ So lasse sich ermitteln, welche Botschaften bei der Bevölkerung am besten ankommen – und welche „einsickern und dann eskalieren“.
Die Macht der viralen Botschaft: Vom Handy im Hotel bis zur „Heilung“ der Natur
Ein besonders wirkmächtiges Narrativ auf den Kanaren ist die Behauptung, Migranten würden besser behandelt als die einheimische Bevölkerung. Diese Grundaussage steckt hinter viralen Botschaften wie: „Die Migranten, die in Fischerbooten ankommen, bekommen ein Handy und werden in 5-Sterne-Hotels einquartiert, während bei meiner Mutter das undichte Dach nicht repariert wird.“ Im Bereich des Klimawandels wiederum verbreitet sich die Botschaft: „Die Natur holt sich zurück, was ihr gehört“, was die unterschwellige Erzählung nährt, es gebe keine praktikable Lösung für die Klimakrise.
„Beide Themen – Migration und Klimawandel – werden sehr häufig miteinander kombiniert und nach vorne getrieben, weil das gesamte Ökosystem dies begünstigt und ermöglicht“, so Benavente.
Fünf Risiken, eine Alarmglocke
Benaventes Aussagen fielen am selben Tag, an dem der Bericht des Nationalen Sicherheitsrats insgesamt fünf Risiken auflistete, die sich in den letzten fünf Jahren verschlechtert haben. Neben der Migration sind dies die Verwundbarkeit des Cyberraums, die strategische und regionale Spannung, die Folgen des Klimawandels sowie Not- und Katastrophenlagen. Der Bericht warnt davor, dass Desinformationskampagnen bewusst darauf abzielen, „politische Prozesse zu beeinflussen, das Vertrauen in Institutionen zu untergraben, die öffentliche Meinung zu formen und die internationale Zusammenarbeit zu schwächen“. Besonders hervorgehoben wird die Strategie, Migration mit Sicherheitsbedenken zu „verweben“, um eine Verschlechterung der öffentlichen Sicherheit zu suggerieren.
Ein Blick zurück: Fake News gibt es seit 1835
Rocío Benavente begann ihren Vortrag im Sitz des Regierungspräsidiums mit der beruhigenden, aber auch ernüchternden Feststellung: „Falschmeldungen sind nichts Neues.“ Die erste dokumentierte Fake-News-Kampagne stammt aus dem Jahr 1835. Damals erschienen in einer US-amerikanischen Zeitung mehrere Artikel, in denen behauptet wurde, ein Forscher habe Leben auf dem Mond entdeckt. „Die Quelle war ein königlicher Astronom“, erinnerte Benavente. Die insgesamt sechs Artikel verbreiteten sich dank der Eisenbahn im ganzen Land.
Heute brauchen Informationen keinen rasanten Landtransport mehr. Sie verbreiten sich mit enormer Geschwindigkeit und Effizienz durch soziale Medien. „Desinformation bewegt sich dort, wo öffentliche Debatten stattfinden“, sagte Benavente. „Und das geschieht heute in einem besonders verwundbaren Umfeld.“ Soziale Netzwerke erfüllen dabei eine doppelte Funktion: Einerseits erweitern sie den öffentlichen Diskurs über die traditionellen Medien hinaus, andererseits fragmentieren sie die Aufmerksamkeit der Bevölkerung.
Die perfide Seite der sozialen Medien: Polarisierung und Echokammern
Den Vorteilen der sofortigen Verfügbarkeit und der Verbindung über weite Entfernungen stehen mit der Zeit offenbar gewordene perverse Konsequenzen gegenüber. Eine davon ist die gesellschaftliche Polarisierung. „Ein Mensch kann im öffentlichen Nahverkehr neben einem anderen sitzen und eine völlig andere Wahrnehmung ein und desselben Ereignisses haben“, verdeutlichte die Journalistin. Hinzu kommt, dass Informationen auf diesen Plattformen oft durch Gruppen oder bekannte Personen geteilt werden, ohne dass „ein professionelles Kriterium für eine Bewertung oder Einordnung existiert“.
Die Coronapandemie war ein entscheidender Wendepunkt für die Verbreitung von Fake News, obwohl bereits zuvor – etwa während des katalanischen Referendums 2017 – „Techniken ausländischer Einflussnahme in Desinformationskampagnen getestet wurden“. Mit dem Ausbruch des Coronavirus entstanden Telegram-Gruppen, in denen tausende Menschen Falschmeldungen zur Pandemie verbreiteten. „Doch irgendwann wurde in denselben Gruppen auch über andere Themen gesprochen, wie den Krieg in der Ukraine oder die Klimakrise“, berichtete Benavente. Die Faktenchecker erkannten, dass es den Akteuren nicht primär um gesundheitliche Desinformation ging, sondern darum, „Alternativen zum Status quo des wissenschaftlich-demokratischen Konsenses zu schaffen“.
Der gemeinsame Nenner: „Sie belügen uns“
Der gemeinsame Nenner all dieser Themen ist stets derselbe: „Sie belügen oder betrügen uns.“ Die Botschaft lautet: „Es gibt ein großes Interesse daran, diese Art von Narrativen zu verbreiten, und es gibt großes Talent dafür. Das Ziel ist es, die Menschen aus dem gesellschaftlichen Konsens zu lösen und in die dialektische Blase der ‚Lager‘ zu treiben.“ Das Ergebnis, so Benavente und der bestätigende Bericht des Nationalen Sicherheitsrats, ist ein „schwerwiegender Einfluss auf die demokratische und soziale Qualität sowie ein Problem für die Sicherheit und das Leben der Menschen“.

