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Armut auf den Kanaren: Wenn Freizeit zum unerschwinglichen Luxus wird

Wenn das Überleben den Alltag bestimmt

Urlaub, Kinoabende oder ein entspanntes Essen mit Freunden – was für viele selbstverständlich klingt, ist für einen großen Teil der kanarischen Bevölkerung ein unerreichbarer Traum. Für sie ist Freizeit zu einem Luxusgut geworden, das sie sich schlichtweg nicht leisten können. Rund 304.000 Menschen über 16 Jahren – das sind 15,2 Prozent der Bevölkerung – fehlt das Geld, um regelmäßig an Freizeitaktivitäten teilzunehmen. Sie kämpfen darum, die Grundbedürfnisse wie Nahrung und Hygiene zu decken; alles andere muss zurückstehen.

„Es geht nicht nur darum, nicht ins Kino oder essen gehen zu können. Wir sprechen hier von einem Leben in permanenter Anspannung, ohne jeden Raum für Entlastung“, erklärt der tinerfeñische Psychologe Leocadio Martín die prekäre Lage.

Ein Teufelskreis aus Scham und sozialem Rückzug

Die Zahlen des jüngsten Berichts des spanischen EAPN-Netzwerks (Europäisches Netzwerk zur Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung) sind alarmierend: Fast die Hälfte der Kanarier (49,8 Prozent) ist nicht in der Lage, unerwartete Ausgaben zu stemmen. Damit liegen die Inseln im landesweiten Vergleich ganz hinten – nur in der autonomen Stadt Ceuta (58,2 Prozent) ist die Lage noch dramatischer. Dieses Leben am finanziellen Abgrund hat weitreichende Folgen: Jeder zehnte Insulaner kann es sich nicht einmal leisten, einmal im Monat mit Freunden oder Familie etwas zu unternehmen.

„Armut erzeugt tiefe Scham. Zuzugeben, dass man sich keinen Urlaub leisten kann oder kein Geburtstagsgeschenk kaufen kann, ist unglaublich peinlich. Viele entscheiden sich deshalb lieber dafür, sich zurückzuziehen, als sich erklären zu müssen“, so Martín. Die Folge ist oft der Bruch sozialer Kontakte und eine tiefe Einsamkeit, die der Psychologe als „einen der stillsten und schwerwiegendsten Schäden der Armut“ beschreibt.

Besonders tragisch ist, dass auch Kinder unter dieser Situation leiden. „Wenn ein Kind nicht an einem Ausflug oder einer Geburtstagsfeier teilnehmen kann, bleibt es außen vor – bei Gesprächen, Witzen und gemeinsamen Erlebnissen, die in diesem Alter das Fundament von Freundschaften bilden“, betont Martín. Dies führe unweigerlich zu einem Verlust des Selbstwertgefühls und dem Gefühl, nicht dazuzugehören. „Das Härteste ist, dass das Kind dies nicht als wirtschaftliches Problem begreift, sondern als persönliches Versagen“, fügt er hinzu.

Soziale Arbeit als Brücke aus der Isolation

Für Betroffene ist der Aufbau von sozialen Kontakten überlebenswichtig, weiß die Sozialarbeiterin Isabel Delgado. „Es ist entscheidend, Verbindungen zu knüpfen – sowohl zu Menschen in einer ähnlichen Lage, um zu spüren, dass man nicht allein ist, als auch zu anderen Bürgern, die einem vielleicht den entscheidenden Impuls geben können, etwa eine Jobchance“, erklärt sie. In ihrer täglichen Arbeit erlebt sie jedoch oft, dass die Betroffenen zunächst nur das Nötigste preisgeben. „Sie sagen uns, dass sie keine Arbeit haben, aber beim ersten Gespräch können wir nicht tiefer in die Materie einsteigen.“

Erst in einem zweiten, umfassenderen Gespräch können die tatsächlichen Bedürfnisse und Ursachen ermittelt werden. „Wenn man keine stabilen Einkünfte hat oder kaum über die Runden kommt, denkt man zuletzt an Selbstfürsorge oder Freizeitgestaltung. Aber das sollte nicht so sein“, stellt Delgado klar. Der EAPN-Bericht zeigt, dass sogar jeder fünfte Kanarier es sich nicht leisten kann, sich wöchentlich einen kleinen Betrag zu gönnen. Diese Vernachlässigung sei besonders bei alleinerziehenden Müttern zu beobachten. Dennoch betont Delgado: „Die Suche nach Arbeit und die Stärkung des sozialen Netzes gehen immer Hand in Hand. Das eine ist ohne das andere nicht denkbar. Um der Armut zu entkommen, muss man auch die soziale Ausgrenzung überwinden.“

Die unsichtbare Last für die Psyche

Die ständige Sorge um die Miete oder eine offene Rechnung verschwindet nicht, wenn man abends auf der Couch sitzt oder das Wochenende beginnt. Armut ist daher nicht nur ein wirtschaftliches Problem, sondern hat tiefgreifende Auswirkungen auf das emotionale Wohlbefinden. „Wenn sich jemand keine Pause, keine Ablenkung und nichts gönnen kann, das über das reine Überleben hinausgeht, staut sich die Erschöpfung an. Es fehlt ein Ventil, und das hat einen realen Preis für die psychische Gesundheit“, argumentiert Psychologe Martín. Die Folgen sind vielfältig: erhöhte Angstzustände und Depressionen, Schlafstörungen und ein schleichender Verlust des Gefühls, dass das Leben lebenswert ist. „Echte Erholung braucht ein Mindestmaß an Sicherheit, das prekäre Verhältnisse einfach nicht zulassen“, so Martín.

Doch obwohl die meisten unter dieser psychischen Belastung leiden, suchen sie aus Kostengründen oft keine Hilfe. Martín sieht darin einen der „großen Widersprüche“ des Systems: „Diejenigen, die am dringendsten psychologische Unterstützung benötigen, sind oft diejenigen, die sie sich am wenigsten leisten können.“ Er fordert daher, dass die öffentliche Verwaltung Fachpersonal in Gesundheitszentren, Sozialdiensten und Schulen in besonders benachteiligten Vierteln integriert. „Um die zu erreichen, die nicht kommen können, muss man aktiv auf sie zugehen. Dafür braucht es den festen Willen der Politik“, so sein abschließender Appell.

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