Kontrollen trotz Schengen: Ein Pulsschlag für Europas offene Grenzen
Mehr als 50.000 Menschen überquerten innerhalb von nur 48 Stunden die Grenze nach Ceuta. Zehn Tage später war ein Teil dieser Migrationskrise bereits wieder nach Marokko zurückgekehrt, doch ihre Folgen hatten schon tausende Kilometer bis ins Herz Europas zurückgelegt. Italien, das keine Landgrenze mit Spanien teilt, entschied sich angesichts der Ereignisse in der nordafrikanischen Enklave dennoch dazu, die Grenzkontrollen zu Spanien wieder einzuführen – und Madrid konterte im diplomatischen Schlagabtausch mit einer gleichwertigen Maßnahme für Reisende aus Italien.
Damit wird eines der wichtigsten Symbole der europäischen Integration infrage gestellt: die Freizügigkeit der Bürger im Schengen-Raum. Besonders deutlich werden die Auswirkungen dieser Entscheidung von Giorgia Meloni und Pedro Sánchez auf den Kanarischen Inseln, denn die italienische Gemeinschaft ist die größte ausländische Bevölkerungsgruppe des Archipels.
61.000 Italiener und ein Boom an Urlaubern
Rund 61.000 Italiener leben laut Daten des ISTAC und des offiziellen Melderegisters dauerhaft auf den Inseln. Hinzu kommen jährlich Hunderttausende Besucher aus dem Mittelmeerland: Allein im Jahr 2025 reisten etwa 430.000 italienische Touristen auf die Kanaren – von insgesamt 5,68 Millionen Italienern, die Spanien als Reiseziel wählten. Italien ist damit nach Großbritannien, Frankreich und Deutschland der viertwichtigste Quellmarkt für den spanischen Tourismus. Lanzarote zog mit rund 97.000 Gästen fast ein Viertel aller italienischen Besucher der Region an.
Für die Bewohner der Inseln ist der Streit zwischen Rom und Madrid also keineswegs ein fernes Problem. Italiener, die die Kanaren zu ihrer Heimat gemacht haben, Pendler zwischen beiden Ländern, Familien mit Wurzeln auf beiden Seiten und Touristen, die es gewohnt sind, grenzenlos zu reisen – sie alle stehen nun vor einem Szenario, das bis vor wenigen Tagen undenkbar schien.
„Ein Sicherheitsfilter“: Gemischte Reaktionen unter Italienern auf den Inseln
Wie nehmen die in Canarias lebenden Italiener die Entscheidung ihrer Regierung auf? Angelo, 56 Jahre alt und seit über 30 Jahren Resident, kam einst als Urlauber zu den Inseln und verliebte sich in Land und Leute. Die neuen Kontrollen sieht er gelassen: Er betrachtet sie als „Sicherheitsfilter“ und notwendige Verstärkung der Grenzen innerhalb des Schengen-Raums. Zwar sei er zuletzt nicht gereist, doch er vertraue darauf, dass seine italienische Staatsbürgerschaft ihm keine Schwierigkeiten bereiten werde.
Alessandro, 24 Jahre, lebt seit seinem 14. Lebensjahr in Las Palmas de Gran Canaria. Seine Familie zog damals aus beruflichen Gründen von Italien auf die Insel, auf der Suche nach einem Neuanfang. Zehn Jahre später ist für ihn klar: „Canarias ist mein Zuhause“, auch wenn die Verbindung zur alten Heimat bleibt. Die Entscheidung Italiens, wieder Grenzkontrollen einzuführen, hält er für „eine ziemlich harte Maßnahme“. Erst kürzlich hat er die Folgen selbst gespürt: „Man wird mehr kontrolliert und es dauert länger“, berichtet er. Ein gravierendes Problem sei es nicht, aber eine spürbare Erschwernis für alle, die regelmäßig zwischen beiden Ländern unterwegs sind.
Ganz entspannt zeigt sich Damiana, die seit vielen Jahren im Süden Teneriffas in Los Abrigos lebt. „Persönlich ist es mir egal. Es ändert nichts für mich“, sagt sie. Kontrollen seien für sie sogar ein Zeichen von Ordnung: „Kontrollen sind gut für alle, die etwas zu verbergen haben. Wer ein reines Gewissen hat, muss keine Angst vor einer Sicherheitskontrolle haben.“
„Übertrieben“: Junger Content-Creator hofft auf problemlose Rückreise
Cristiano Cupe, 23 Jahre alt, kam im Alter von 15 Jahren mit seinen Eltern nach Teneriffa – die Familie wollte dem hektischen Leben in Rom entfliehen. Heute ist die Insel sein Zuhause, und als Content-Creator zeigt er regelmäßig seine Verbundenheit mit dem Archipel. Die Maßnahme der italienischen Regierung findet er „maßlos übertrieben“, auch wenn er noch nicht sicher ist, ob sie ihn persönlich treffen wird. Kurz vor Einführung der Kontrollen reiste er nach Rom und hofft nun, dass seine Rückkehr nach Teneriffa am 13. August ohne Zwischenfälle über die Bühne geht.
Kein Grenzschluss, aber längeres Warten
Fest steht: Für Bewohner und Reisende bedeutet die Maßnahme weder eine Schließung der Grenzen noch den Verlust der Rechte als EU-Bürger. Italiener, die legal in Spanien leben, behalten ihr Aufenthalts- und Arbeitsrecht. Allerdings müssen sie bei Reisen zwischen beiden Ländern künftig mit verstärkten Dokumentenkontrollen und längeren Wartezeiten an Flughäfen und Häfen rechnen. Eine Veränderung, die einige Residenten wie Alessandro bereits zu spüren bekommen haben – während andere wie Damiana gelassen bleiben und ihr Alltag unverändert weiterläuft.
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