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Anaga: Neue Mobilitätsstrategie soll den Verkehr zähmen

Ein neuer Masterplan für das überlaufene Anaga

Die Verkehrsprobleme im Massiv von Anaga auf Teneriffa haben ein neues Level erreicht: Staus bis zu den Aussichtspunkten, zugeparkte Straßenränder und eine tägliche Herausforderung für Anwohner und Rettungskräfte. Genau hier setzt eine ehrgeizige neue Mobilitätsstrategie an, die der Inselrat nun vorgestellt hat. Vergangenen Montag präsentierten die Verantwortlichen im Besucherzentrum des Aussichtspunktes Cruz del Carmen einen detaillierten Plan, der das Biosphärenreservat nachhaltig entlasten soll. Grundlage der Initiative sind 1.411 Umfragen, die zwischen dem 1. November und dem 11. Dezember 2024 unter Anwohnern und Besuchern durchgeführt wurden.

Wissenschaftlich fundiert, aber noch im Entwurf

Die Erstellung der Strategie erfolgte unter der Schirmherrschaft des Lehrstuhls für Wirtschaft und Mobilität CajaCanarias der Universität La Laguna, geleitet von Rosa Marina González Marrero. Finanziert wurde die Studie aus den Mitteln des EU-Förderprogramms Next Generation. Die konkrete Ausarbeitung der Schlussfolgerungen übernahm das Beratungsunternehmen Colin Buchanan Consultores. Mit einem Investitionsvolumen von knapp 5,1 Millionen Euro ist das Vorhaben nicht nur gut dotiert, sondern auch als „lebendiges Dokument“ konzipiert, das sich derzeit noch in der Entwurfsphase befindet. Die Kernaussage ist jedoch klar: Weniger Privatfahrzeuge, mehr öffentlicher Nahverkehr und eine intelligente Steuerung der Zufahrten.

Die Initiative umfasst 24 konkrete Maßnahmen, die an den Ursachen des Problems ansetzen sollen und nicht nur an den Symptomen. Eine Verbreiterung der Straßen oder der Bau neuer Zufahrten ist dabei explizit ausgeschlossen. Die Planer sind sich der Grenzen eines geschützten Gebiets mit einem ohnehin engen Straßennetz bewusst. Die Lösung sehen sie in einem Bündel an Alternativen zum eigenen Auto, einer geordneten Lenkung der Besucherströme und einer besseren Verteilung der Verkehrsbewegungen auf dem begrenzten Raum. Denn: Jeder zusätzliche Verkehr wirkt sich direkt auf die Sicherheit und den Schutz der einzigartigen Natur aus.

Shuttle-Busse und ein neues Nahverkehrskonzept

Der zentrale Baustein der neuen Strategie ist die Aufwertung des öffentlichen Personennahverkehrs. Der Plan sieht die Einrichtung eines Netzes von Shuttle-Bussen vor, die von großflächigen Parkplätzen an der Peripherie zu den Hotspots der Region fahren sollen: dem Cruz del Carmen, den wichtigsten Aussichtspunkten und den Zugängen zu den meist frequentierten Wanderwegen. Ziel ist es, die Anzahl der Fahrzeuge, die gleichzeitig die am stärksten nachgefragten Zonen erreichen, drastisch zu reduzieren und einen Großteil der Besucher auf den Kollektivverkehr zu verlagern.

Ergänzt wird dieses Shuttle-System durch eine Verbesserung des regulären Busverkehrs von Titsa. Die Studie empfiehlt, die Taktung zu erhöhen, die Fahrpläne anzupassen und einzelne Streckenführungen zu überarbeiten. Nur wenn der Bus eine echte Alternative wird, die sowohl den Bedürfnissen der Einwohner als auch der touristischen Nachfrage gerecht wird, kann die Abhängigkeit vom eigenen Auto nachhaltig reduziert werden. Eine wichtige Neuerung ist zudem ein „Transport auf Abruf“ für die entlegensten Weiler. In Pilotprojekten sollen Strecken und Fahrzeiten an die tatsächlichen Bedürfnisse der Nutzer angepasst werden, bevor das System auf das gesamte Massiv ausgeweitet wird. So sollen die kleinen Dörfer besser angebunden werden, ohne zusätzlichen Verkehr auf den Straßen zu erzeugen.

Digitale Steuerung und klare Parkregeln

Der Inselrat plant die Einführung eines Systems für vorab reservierte Zufahrten. Dieses soll durch Sensoren und Verkehrszähler ergänzt werden, die die Auslastung der Straßen und Parkplätze in Echtzeit messen. Mit diesen Daten können die Behörden Überlastungen vorhersagen und den Zugang regulieren, sobald sich die Aufnahmekapazität des Gebiets seinem Limit nähert.

Ein weiterer Pfeiler des Plans ist die Regulierung des Parkens. Dazu gehören eine strengere Kontrolle von Fahrzeugen, die am Straßenrand abgestellt werden, eine spezielle Regelung für Wohnmobile sowie die Optimierung der vorhandenen Parkflächen. Ziel ist es, zu verhindern, dass die ständige Parkplatzsuche oder Falschparker die Verkehrskapazität weiter einschränken und die Durchfahrt für Busse, Anwohner und Einsatzfahrzeuge behindern. Auch für Reisebusse gibt es eine klare Empfehlung: Der Zugang zu den engsten Abschnitten soll für Fahrzeuge mit großer Länge beschränkt werden, da sie beim Kreuzen anderer Fahrzeuge regelmäßig zu Rückstaus führen. Es geht dabei nicht darum, die Anzahl der Besucher zu reduzieren, sondern die Fahrzeugart an die Gegebenheiten des sensiblen Territoriums anzupassen.

Sicherheit und Besucherlenkung

Ein verstärktes Sicherheitsgefühl soll durch eine höhere Präsenz von Ordnungskräften erreicht werden. Geplant sind vermehrte Kontrollen durch die Guardia Civil, die Kanarische Polizei, die örtlichen Polizeien sowie die Umweltbeamten. Hinzu kommen eine bessere Beleuchtung strategischer Punkte und Maßnahmen, die das friedliche Miteinander von Autos, Bussen, Radfahrern und Fußgängern fördern sollen. Das Gesamtpaket wird abgerundet durch eine Aufwertung der Aussichtspunkte, die Regulierung der Wanderweg-Zugänge, die Schaffung neuer Fuß- und Radwege sowie mehrsprachige Informationskampagnen für Besucher. Ein besonderes Augenmerk liegt auf der Vermarktung weniger bekannter Sehenswürdigkeiten, um den Besucherdruck besser zu verteilen und eine Konzentration auf immer dieselben Orte zu vermeiden.

Die Sicht der Anwohner: Zwischen Zustimmung und Skepsis

Die Strategie versteht sich als lebendiges Dokument und setzt auf die Beteiligung der Bevölkerung, wie Umweltdezernentin Blanca Pérez betont. Sie räumt ein, dass das Schwergewicht der Ausarbeitung beim Mobilitätsdezernat unter der Leitung von Eulalia García lag, sie selbst aber den Dialog mit den Anwohnervertretern führt. Die Umfrageergebnisse zeichnen ein klares Bild: Das private Auto ist das Hauptverkehrsmittel, weil das öffentliche Angebot nicht den Bedürfnissen entspricht. Fast 74 Prozent der Befragten haben regelmäßig ein Auto zur Verfügung, mehr als die Hälfte nutzt es als Hauptfortbewegungsmittel in Anaga. Die Bestandsaufnahme bestätigt das Ausmaß der Probleme: Acht von zehn Befragten stehen regelmäßig in Staus vor den Aussichtspunkten, über 70 Prozent haben Schwierigkeiten, einen Parkplatz zu finden.

Die Befragung zeigt auch eine breite gesellschaftliche Unterstützung für Regulierungsmaßnahmen – allerdings nur dann, wenn sie von wirksamen Alternativen begleitet werden. Drei von vier Teilnehmern halten eine Zugangsbeschränkung für notwendig, wenn die Kapazität des Gebiets erschöpft ist. Eine Mehrheit spricht sich für die Nutzung alterniver Transportsysteme aus, sofern diese ein ausreichendes Angebot bieten. Diese Übereinstimmung zwischen der wissenschaftlichen Analyse und der Wahrnehmung der Bevölkerung erklärt das große Gewicht, das die Strategie auf den Ausbau des ÖPNV und die Zugangssteuerung legt.

Institutionelle Zuversicht vs. Anwohner-Kritik

Umweltdezernentin Blanca Pérez unterstreicht, dass die Priorität des Inselrats der Erhalt des Biosphärenreservats ist, indem der Druck des Individualverkehrs auf diesen empfindlichen Raum reduziert wird. Sie erläutert, dass die 24 Maßnahmen Teil einer koordinierten Planung mit den Bereichen Mobilität und Straßenbau sind, die auch Investitionen zur Regulierung der öffentlichen Nutzung der Wanderwege, zur Verbesserung der Aussichtspunkte und zur Schaffung kompatibler Fuß- und Radwege vorsieht. Mobilitätsdezernentin Eulalia García sieht in der Strategie einen grundlegenden Wandel im Zugangsmanagement zum Massiv. Das System aus Reservierungen, Sensoren und Zählern werde es ermöglichen, die Auslastung in Echtzeit zu kennen und zu handeln, bevor Sättigungszustände eintreten.

Doch der Entwurf stößt bei den Bürgern auf Vorbehalte. Toño Hernández, ein Anwohner aus Taborno, fühlt sich von der Fülle des 170-seitigen Dokuments erschlagen und möchte es erst in Ruhe prüfen. Marina Suárez aus Casas de la Cumbre bemängelt, die Informationsveranstaltung habe „keine relevanten Neuigkeiten“ gebracht. Der Plan weise „weiterhin erhebliche Lücken auf“ und lasse eine klar definierte Strategie vermissen, wie die Mobilitätsprobleme tatsächlich gelöst werden sollen. Sie bedauert, dass die Fragen der Nachbarschaftsgruppen nicht konkret beantwortet wurden und kritisiert, dass das Dokument nicht rechtzeitig vor der Sitzung zur Verfügung gestellt wurde. Aus ihrer Sicht entsteht der Eindruck aufeinanderfolgender Treffen „ohne nennenswerte Fortschritte oder konkrete Entscheidungen“. Besonders an den Lösungen zum Parken übt sie Kritik: Die Schaffung neuer Parkplätze in den Weilern, wo es kaum freie Grundstücke gebe, sei schwierig umsetzbar. Die grundlegenden Entscheidungen stünden weiterhin aus – es fehle an einer „klaren, realistischen und konsensfähigen“ Planung.

Zwischen dem Optimismus der Institutionen und den Forderungen der Anwohner steht die wissenschaftliche Analyse der Universität La Laguna: Die Lösung für Anaga liegt nicht im Bau neuer Straßen, sondern in einem besseren Zugangsmanagement, einem starken ÖPNV und einer anderen Verteilung des touristischen Drucks. Die 24 vom Inselrat vorgelegten Maßnahmen sind der erste Versuch, die Mobilität aus einer ganzheitlichen Perspektive zu ordnen. Ihre Umsetzung wird zeigen, ob es gelingt, den Schutz des Biosphärenreservats, die touristische Nutzung und die Lebensqualität der Bewohner unter einen Hut zu bringen.

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