Fast jeder zweite Kanarier ist Abstinenzler
Die Bewohner der Kanarischen Inseln sind die Spanier, die am häufigsten angeben, noch nie einen Tropfen Alkohol getrunken zu haben. Laut der aktuellen Gesundheitsstudie des spanischen Gesundheitsministeriums liegt der Anteil der lebenslangen Abstinenzler auf den Inseln bei beeindruckenden 42,8 Prozent. Damit sind die Kanarier nicht nur die Enthaltsamsten im ganzen Land, sie gehören auch zu denen, die am seltensten betrunken sind. Nur 18,3 Prozent der Inselbewohner greifen regelmäßig zu einem Bier oder einem Glas Wein – sei es aus gesundheitlichen Gründen, aus Überzeugung oder schlichtweg, weil sie nie Interesse daran hatten.
„Ich war einfach nie neugierig“
Juan José Hernández, ein 21-jähriger Teneriffa-Bewohner, bringt es auf den Punkt: „Ich habe keinen klaren Grund, es ist weder Religion noch ein Verbot, ich hatte einfach nie Lust, es zu probieren.“ Obwohl in seinem direkten Umfeld der Alkoholkonsum völlig normal ist, hat ihn das Getränk nie gereizt. Hernández ist mit dieser Einstellung keineswegs allein. Die Daten der „Encuesta de Salud 2023“ (Gesundheitsumfrage 2023), die im Mai dieses Jahres veröffentlicht wurde, belegen einen klaren Trend. Das Ministerium hat die Ergebnisse in einem Sonderbericht speziell zum Alkoholkonsum zusammengefasst.
Spanien im europäischen Mittelfeld
Im europaweiten Vergleich liegt Spanien mit einer Abstinenzrate von 33,4 Prozent auf dem fünften Platz der Eurozone. Spitzenreiter ist die Türkei mit 85,1 Prozent, gefolgt von Serbien (50,7 %), Kroatien (38,3 %) und Italien (34,8 %). Die Gründe für den Verzicht sind vielfältig. Für viele ist es eine Entscheidung, die mit der Zeit reift – oft dann, wenn die gesundheitlichen Folgen des Konsums sichtbar werden.
„Alkohol schwächt mein Immunsystem“
Der 32-jährige David Acosta, ebenfalls von Teneriffa, sagt: „Alkohol verursacht bei mir Entzündungen und schwächt mein Immunsystem, das wollte ich nicht in meinem Leben.“ Er schränkt seinen Konsum bereits seit seinem 25. Lebensjahr drastisch ein. „Ich bin noch nicht zu 100 Prozent abstinent, aber letztes Jahr habe ich vielleicht vier Mal getrunken“, erklärt er. Valeria Fernández ist seit ihrer Volljährigkeit Abstinenzlerin, jedoch nicht aus freien Stücken, sondern aus gesundheitlichen Gründen. Kurz vor ihrem 18. Geburtstag probierte sie einige empfohlene Cocktails, die ihr aber nicht schmeckten. Ob ihr eine andere Sorte geschmeckt hätte, wird sie nie erfahren, denn mit der Volljährigkeit wurde bei ihr Lupus diagnostiziert – eine chronische Krankheit, deren Behandlung mit Alkoholkonsum unvereinbar ist.
Verzicht ohne Reue – außer im Ausland
„Persönlich hat es mich nicht groß gestört. Ich gehe feiern und habe am nächsten Tag keinen Kater. Aber wenn ich in andere Länder wie Japan oder Korea reise, ärgert es mich schon ein wenig, nicht die volle Erfahrung bei bestimmten Gerichten machen zu können, weil ich keinen Sake oder Reiswein trinken kann“, gesteht Fernández. Die Studie zeigt deutlich: Frauen sind dem Alkohol gegenüber deutlich zurückhaltender. Ganze 50,7 Prozent der Kanarierinnen über 15 Jahre haben noch nie in ihrem Leben Alkohol getrunken, bei den Männern sind es 34,7 Prozent.
Ein fundamentaler Wandel der Trinkkultur
Der Rückgang des Alkoholkonsums ist kein vorübergehendes Phänomen, sondern ein klarer Trend. Die Ergebnisse zeigen einen signifikanten Wandel der Trinkgewohnheiten in den letzten zwei Jahrzehnten. Der regelmäßige Alkoholkonsum sinkt stetig und erreicht seinen stärksten Rückgang in der jungen Bevölkerung. Gleichzeitig bestehen jedoch weiterhin Muster von intensivem Rauschtrinken sowie soziale und geschlechtsspezifische Ungleichheiten fort, die eine kontinuierliche Stärkung von Präventions- und Gesundheitsförderungsstrategien erforderlich machen.
Vom „Botellón“ zum Wasserfläschchen
Iris Pérez ist eine von vielen, die von der Rumflasche zur Wasserflasche gewechselt sind. „Ich war früher eine, die immer ihren ‚Botellón‘ (selbst gemixte Getränke zum Mitnehmen) dabei hatte oder ein Bier in der Hand hielt“, erklärt die junge Frau. Bei ihr war der Verzicht eher ein Experiment als eine Überzeugung. „Eines Tages habe ich versucht, im Karneval ohne Alkohol auszugehen, und es hat mir super gefallen. Dann habe ich es immer öfter gemacht, wenn ich feiern ging, und mir wurde klar, dass ich genauso extrovertiert, tanzfreudig und lustig bin – ganz ohne Alkohol“, betont sie.
Neben dem Ausbleiben negativer Folgen entdeckte Pérez auch die vielen Vorteile ihres neuen Verhaltens. „Am nächsten Tag fühlte ich mich großartig, ich konnte Sport treiben und Zeit mit meiner Familie verbringen“, verrät sie.
Die jungen Kanarier: Vorreiter des Verzichts
Die Kanarier gehören auch zu denjenigen, die am seltensten mehrmals pro Woche zu einem Glas Wein, Bier oder einem Schnaps greifen. Nur 18,3 Prozent der Inselbewohner pflegen diese Gewohnheit – ein krasser Gegensatz zu den Balearen (46,7 %) oder den Bewohnern der Rioja-Region (42,8 %). Beim täglichen Konsum liegen die Kanarier ebenfalls am unteren Ende der spanischen Skala. Nur fünf Prozent der Inselbewohner trinken täglich Alkohol, fast dreimal weniger als auf den Balearen (14,3 %) und nur halb so viele wie in der Mancha-Region (zehn Prozent).
Männer pflegen diese Gewohnheit deutlich häufiger: Prozentual gesehen trinken doppelt so viele Männer wie Frauen regelmäßig. Konkret greifen 26,7 Prozent der Männer einmal pro Woche zum Glas, aber nur 10,2 Prozent der Frauen. Regelmäßiger Konsum ist zudem in höheren Altersgruppen verbreiteter, während die jungen Menschen immer seltener zu Alkohol greifen. Dieser Trend ist in der jungen Generation besonders stark ausgeprägt. Seit 2006 ist die Prävalenz des regelmäßigen Konsums bei den 15- bis 24-Jährigen in ganz Spanien von 43,8 auf 17,9 Prozent gesunken – ein Rückgang von fast 60 Prozent und der stärkste Rückgang aller untersuchten Altersgruppen. Gleichzeitig steigt der Konsum in der Altersgruppe der 55- bis 64-Jährigen auf 39,7 Prozent. Der Unterschied zwischen Jung und Alt beträgt somit satte 21,8 Prozentpunkte.

