EU verhängt Importstopp: Kanarische Fleischversorgung vor Bewährungsprobe
Mehr als die Hälfte (55 Prozent) der kanarischen Rindfleischimporte stammen aus Brasilien, bei Geflügel – fast ausschließlich Hähnchen – sind es exakt 50 Prozent. Doch nun hat Brüssel ein Problem mit diesem südamerikanischen Markt: Er erfüllt nicht die hygienischen Anforderungen des EU-Abkommens mit dem Mercosur-Bündnis (Argentinien, Uruguay, Paraguay und Brasilien). Ab dem 3. September werden Einkäufe dieser Produkte aus Brasilien daher untersagt.
Mitten im August arbeitet die Lebensmittelindustrie nun auf Hochtouren daran, neue Märkte zu erschließen, die zumindest teilweise das Loch stopfen können, das in den Regalen der Supermärkte und Märkte der Inseln entstehen wird. Auch die direkten Importeure haben die Ärmel hochgekrempelt. Sollte es nicht gelingen, den Verlust dieses Hauptlieferanten zu kompensieren, sind Preiserhöhungen vorprogrammiert – ein Schlag ins Kontor, besonders beim Hähnchen, das sich seit der Inflation im Sommer 2021 für viele Kanarier zum einzigen erschwinglichen Fleischprodukt entwickelt hat.
Antibiotika-Einsatz als Auslöser: Das steckt hinter dem Veto
Der von der EU verhängte Lieferstopp betrifft neben Fleisch auch Milchprodukte, Fisch, Honig und Pferdefleisch – für die Inseln allerdings ohne große Bedeutung. Der Ursprung liegt im übermäßigen Einsatz von Antibiotika in der brasilianischen Tierhaltung, der aus Sicht der europäischen Normen eine Gefahr für die menschliche Gesundheit darstellt, da er die Entstehung resistenter Bakterien begünstigt.
Das EU-Abkommen mit dem Mercosur hatte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen im Januar in Asunción, der Hauptstadt Paraguays, unterzeichnet. Bereits im Frühjahr forderte die EU-Gesundheitsbehörde Brasilien auf, seine Fleischproduktionsstrategien anzupassen – doch die Viehzüchter des Landes konnten Brüssel bis heute nicht überzeugen.
Kanaren massiv betroffen: 28.000 Tonnen Geflügel und 15.000 Tonnen Rind jährlich
Für die Kanarischen Inseln ist der südamerikanische Markt enorm wichtig: Jedes Jahr treffen 28.000 Tonnen Geflügel und 15.000 Tonnen Rindfleisch aus Brasilien in den Häfen des Archipels ein. „Bei der Hähnchenbrust kommen fast 95 Prozent des Verbrauchs von dort“, erklärt Jorge Escuder, Präsident von Asinca (Verband der Industriellen der Kanaren). Er betont auch, dass das Veto erst dann aufgehoben wird, wenn die brasilianischen Produzenten in der Lage sind, die Rückverfolgbarkeit ihres Fleisches in dem von der EU geforderten Detailgrad nachzuweisen.
Die Unternehmensverbände unterstreichen, wie wichtig gesicherte Importe sind. Schon allein die steigende Nachfrage auf möglichen Ersatzmärkten lässt Preiserhöhungen erwarten, die wiederum einen Verlust an Wettbewerbsfähigkeit mit sich bringen würden. Besonders bitter ist dies, weil Hähnchen für viele Kanarier als letzte erschwingliche Fleischalternative gilt – als treuer Begleiter für alle, die sich teurere Fleischprodukte nicht leisten können. Zudem gilt weißes Fleisch als gesündere Alternative zu anderen tierischen Proteinen.
Alternative Beschaffung schwierig: Rind leichter zu ersetzen
Escuder räumt ein, dass es nicht einfach sein wird, kurzfristig andere Länder zu finden, die die Lücke füllen können, die das brasilianische Hähnchen in den Supermarktregalen hinterlässt: „Das lässt sich nicht automatisch bewerkstelligen.” Beim Rindfleisch gestaltet sich die Lage etwas entspannter: Auch innerhalb des Mercosur-Bündnisses genießen Argentinien und Uruguay weltweit hohes Ansehen als Produzenten und könnten Brasilien ersetzen.
Für die Kanaren ist die aktuelle Situation ein Déjà-vu: Bereits vor einem Jahr sorgte ein Ausbruch der Vogelgrippe im brasilianischen Bundesstaat Rio Grande do Sul für Probleme. Die EU ordnete damals an, dass kein Geflügel mehr von dort in die Inseln eingeführt werden durfte. Die Lage entspannte sich allerdings, weil der Ausbruch relativ schnell unter Kontrolle gebracht wurde. Dennoch berichtet Asinca von zeitweiligen Versorgungsengpässen und Preissteigerungen von bis zu 50 Prozent.
Lange Durststrecke: Bis zu zwei Jahre ohne brasilianisches Rindfleisch
Wie lange die Probleme andauern werden, ist schwer abzuschätzen. Während Escuder für Hähnchen von einer Lösungsdauer von drei bis vier Monaten ausgeht, sieht es beim Rindfleisch deutlich düsterer aus: Wegen der längeren Aufzucht- und Mastzeiten der Tiere könnte es hier bis zu zwei Jahre dauern, bis Brasilien wieder liefern darf.
Die kanarische Regierung setzt zwar auf eine Stärkung der Ernährungssouveränität, doch die Inseln sind zu klein, um den Eigenbedarf allein durch lokale Produktion zu decken. Aktuell werden nur 15 Prozent des Geflügelbedarfs und 6 Prozent des Rindfleischbedarfs durch einheimische Landwirtschaft gedeckt. Ein Vergleich aus der Vergangenheit zeigt, wie verwundbar die Versorgung sein kann: Als im Sommer 2023 in Großbritannien ein Befall mit dem Kartoffelkäfer entdeckt wurde, mussten die Importe von Kartoffeln von dort gestoppt werden. Die Suche nach alternativen Lieferländern führte zu plötzlichen Preissteigerungen über mehrere Monate – Familien und Restaurants mussten ihren Verbrauch drastisch einschränken.
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