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Energiewende auf den Kanaren: Sonne und Wind perfekt kombinieren

Das Paradoxon der Energiewende

Es klingt zunächst widersprüchlich, ist aber ein vielversprechender Ansatz für ein vollständig auf erneuerbaren Energien basierendes Stromsystem: Solarpaneele und Windräder nicht nur dort zu errichten, wo die Ausbeute am größten ist, sondern gezielt auch an Standorten, die im Jahresmittel weniger produktiv sind. Der Clou: Diese Anlagen produzieren dann Strom, wenn die Regionen mit der besten Sonnen- oder Windausbeute gerade Flaute haben. Dieses Prinzip nennt sich räumlich-zeitliche Komplementarität und adressiert die größte Herausforderung der Energiewende: die natürliche Schwankung von Sonne und Wind.

Nicht alle Eier in einen Korb legen

Die Grundidee ist simpel und elegant: Anstatt die gesamte Erzeugung auf die windigsten oder sonnigsten Flecken zu konzentrieren, wird ein Netz aus verschiedenen Anlagen geknüpft, die sich gegenseitig als „Rettungsanker“ dienen. Ziel ist es, ein stabiles System zu schaffen, als ob man auf eine konstante Energiequelle zurückgreifen könnte. Nur so lässt sich die goldene Regel des Stromnetzes einhalten: Die Erzeugung muss jederzeit exakt der Nachfrage entsprechen. Andernfalls drohen ständige Schwankungen aufgrund der unberechenbaren Einspeisung aus erneuerbaren Quellen.

Kanarische Inseln: 50 Prozent Schwankung drohen

Einer neuen Studie zufolge würde die Diskrepanz zwischen Erzeugung und Verbrauch auf den Kanarischen Inseln bei gleichbleibender Strategie zur Standortwahl zwischen 40 und 50 Prozent betragen. Die gute Nachricht: Es gibt Lösungen. Wissenschaftler der Universität Murcia (UM) und der Forschungsgruppe für Erdbeobachtung und Atmosphäre (GOTA) der Universität La Laguna (ULL) haben untersucht, wie der Archipel das Ziel der räumlich-zeitlichen Komplementarität erreichen kann – und das in zwei Szenarien: einmal mit und einmal ohne leistungsstarke Batteriespeicher.

Supercomputer CLIMAX errechnet den optimalen Mix

Für ihre Arbeit nutzten die Forscher das hochentwickelte Computerprogramm CLIMAX. Dieses kreuzt Wetterdaten mit der tatsächlichen Stromverbrauchskurve und bewertet Tausende von Kombinationsmöglichkeiten, um das optimale Rezept für den Ausbau der Erneuerbaren zu finden. Dabei werden automatisch Gebiete ausgeschlossen, die aus Umweltschutz- oder Verwaltungsgründen nicht bebaut werden dürfen. „Unser Ansatz verwirft die produktivsten Zonen nicht, denn sie garantieren eine hohe Durchschnittsproduktion. Er berücksichtigt aber auch Standorte, die diese Anlagen ergänzen, wenn die Ressource dort versiegt – mit dem Ziel, dass die Gesamtproduktion einer stabilen Grundlast so nahe wie möglich kommt“, erklärt Sonia Jerez, Erstautorin der Studie und Forscherin an der Universität Murcia.

Die Ergebnisse: Neue Erkenntnisse für die Energiepolitik

Die Ergebnisse wurden kürzlich im renommierten Wissenschaftsjournal „Sustainable Energy Technologies and Assessments“ veröffentlicht. Die Autoren bitten jedoch um Vorsicht bei der Interpretation, da sie für ihre Berechnungen eine methodische Vereinfachung vornehmen mussten: Sie gingen von einem perfekt vernetzten Stromnetz der Kanaren aus – was in der Realität nicht der Fall ist. Derzeit sind nur Lanzarote und Fuerteventura sowie Teneriffa und La Gomera (seit Februar 2026 durch ein neu verlegtes Seekabel) miteinander verbunden. Die Forscher betonen, dass diese Annahme ihnen erlaubt habe, das „maximale theoretische Potenzial der Inseln“ abzuschätzen. Sie fügen jedoch hinzu, dass die Methodik problemlos auf jede einzelne Insel separat angewendet werden könnte.

Ohne Speicher: Windkraft dominiert

Die Studie kommt zu dem Schluss, dass ohne den Einsatz von Batteriespeichern die Windkraft den Energiemix der Inseln mit einem Anteil von 60 Prozent dominieren müsste (davon 48 Prozent an Land und 12 Prozent auf See). Die restlichen 40 Prozent würden aus Solarenergie stammen. Die Photovoltaik-Anlagen wären demnach hauptsächlich im Norden Gran Canarias und im Nordosten Lanzarotes zu finden.

Mit Speichern: Solarenergie wird zum Zugpferd

Ganz anders sieht das Szenario mit großen Speichern aus: Hier könnte die Solarenergie ihren Anteil auf satte 86 Prozent steigern, da der tagsüber erzeugte Überschuss für die Nacht gespeichert werden kann. Die optimalen Standorte dafür wären der Südwesten Teneriffas, der Südwesten Gran Canarias, der Norden der Rundinsel (Gomera) und weite Teile Lanzarotes.

Die Alternative: Solaranlagen auf Dächern statt auf freiem Feld

Die Forscher machten keine Angaben darüber, wie viele Hektar Land in den jeweiligen Szenarien benötigt würden oder wie viele Megawatt (MW) installiert werden müssten. Sie schlagen jedoch eine alternative Strategie vor, um den Eingriff in die Landschaft zu minimieren: die Nutzung von Dachflächen. Würde man 30 Prozent aller Dächer in den urbanen Zentren des Archipels mit Solarmodulen bestücken, ließe sich laut Studie nahezu der gesamte Solarbedarf decken – ohne neue Flächen versiegeln zu müssen.

Weniger Schwankungen, mehr Sicherheit

Eine solche Energiewende – die Anpassung des Energiemixes und die Förderung der Komplementarität – würde die Schwankungen des zukünftigen erneuerbaren Stromsystems auf den Kanaren um zwanzig Prozentpunkte reduzieren. Für die isolierten Inseln wäre ein solcher Stabilitätsgewinn enorm wichtig, um die lang ersehnte Energieunabhängigkeit zu erreichen, besonders nach den Schocks der geopolitischen Krisen.

Ein Plädoyer für die Schönheit der Energiewende

Die Wissenschaftlerin Sonia Jerez räumt abschließend ein, dass jede Entwicklung die Landschaft verändert. Sie appelliert jedoch, beim Streit um Erneuerbare nicht den Kampf gegen den Klimawandel aus den Augen zu verlieren. „Wenn ich eine Solaranlage sehe, gefällt mir das. Klar will ich nicht, dass Schutzgebiete oder Flächen mit einheimischen Arten bebaut werden. Aber diese Anlagen haben eine Botschaft – nicht nur eine visuelle, sondern auch eine des Umweltschutzes.“ Sie weist auf die aktuelle Situation hin: Auf den Kanaren stammen nur 22,7 Prozent der Stromerzeugung aus erneuerbaren Quellen. Der Rest wird mit fossilen Brennstoffen gedeckt – durch Gaskraftwerke (41,3 Prozent), Dieselmotoren (19,7 Prozent) und Dampfturbinen (13,5 Prozent). „Unser Lebensstil ist es, der durch die Klimakrise gefährdet wird. Mich stört ein Einkaufszentrum viel mehr. Und trotzdem scheint das gesellschaftlich akzeptierter zu sein. Jede Entwicklung hat Auswirkungen. Aber diese hier, sie bringt so viele Vorteile mit sich“, so die Expertin abschließend.

Hürden auf dem Weg zur grünen Insel

Der Ausbau Erneuerbarer auf den Kanaren stagniert seit Jahren. Die Gründe dafür sind vielfältig: isolierte Stromsysteme, veraltete und unflexible Kraftwerke, die nicht schnell genug hoch- und runtergefahren werden können, um Platz für Solar- und Windstrom zu schaffen, sowie fehlende Speicherkapazitäten. Die für die ökologische Wende zuständige Abteilung der Kanarischen Regierung unter der Leitung von Mariano Zapata (PP) treibt zwar die Einrichtung von „Beschleunigungszonen für Erneuerbare“ (ZAR) voran, ist jedoch bislang am Widerstand der Inselregierungen von Fuerteventura und Lanzarote gescheitert, die mehr Konsens fordern.

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