Streit um Ocean Citizen: Greenpeace wirft Betreiber Täuschung vor
Die Umweltschutzorganisation Greenpeace hat förmliche Einwände bei der spanischen Generaldirektion für Küsten- und Meeresraumverwaltung der Kanaren eingereicht. Anlass ist der Antrag auf Nutzung des öffentlichen Küsten- und Meeresbereichs für das Projekt „Ocean Citizen“ in Punta Blanca (Gemeinde Guía de Isora, im Süden Teneriffas). Der Eingriff soll mitten in der „Franja Marina Teno-Rasca“ erfolgen – einem besonderen Schutzgebiet (ZEC) des europäischen Netzes Natura 2000 und dem einzigen Walschutzgebiet der Europäischen Union.
Getarnter Freizeitpark statt echter Meeresforschung
Greenpeace zufolge wird das mit EU-Geldern finanzierte Projekt als gemeinnützige wissenschaftliche Forschung getarnt. Tatsächlich sei es aber untrennbar mit dem sogenannten „Sea Garden“ verbunden, einem Teil des touristischen Großprojekts „Underwater Gardens Park Tenerife“. Dieses war bereits 2022 vom Inselrat Teneriffas (Cabildo) als von übergeordnetem Inselinteresse erklärt worden und wird von derselben Firma in Punta Blanca vorangetrieben.
Die Umweltschützer fordern die Ablehnung des Antrags. Unter anderem argumentieren sie, die Aufteilung des Projekts in einen marinen und einen landseitigen Teil solle eine umfassende und kumulative Umweltverträglichkeitsprüfung umgehen. Ziel sei es, die wahre, nämlich touristische und freizeitorientierte, Natur des Vorhabens zu verschleiern.
86 künstliche Riffe – zufällig genau dort, wo der Freizeitpark entstehen soll
„Ocean Citizen“ ist ein Zusammenschluss von über 20 öffentlichen und privaten Einrichtungen aus verschiedenen europäischen Ländern, darunter Spanien, Deutschland, Dänemark und Italien sowie zwei israelischen Firmen. Den Antrag bei der Küstenbehörde stellte jedoch allein die Firma Underwater Gardens International, S.L. – der private Partner des Konsortiums.
Die geplanten Arbeiten auf Teneriffa umfassen die Installation von 86 Modulen künstlicher Riffe, die von ebenjener Firma patentiert wurden. Sie sollen in verschiedenen Wassertiefen verlegt werden, der Großteil jedoch im Flachwasser vor Punta Blanca – ausgerechnet dort, wo das Unternehmen seinen Themenpark errichten und Unterwassererlebnisse wie „Unterwassergärtnerei“ oder „ökologisches Tauchen“ verkaufen will.
„Reines Greenwashing“ und „klarer Rechtsmissbrauch“
„Der Betreiber verwendet systematisch Begriffe wie ‚ökologische Wiederherstellung‘ oder ‚Regeneration‘, um unter dem Deckmantel wissenschaftlicher Selbstlosigkeit zu verbergen, was in Wirklichkeit ein profitorientiertes Freizeitgeschäft ist. Das ist purer Etikettenschwindel. Das eigentliche Ziel ist nicht der Erkenntnisgewinn oder die Wiederherstellung von Ökosystemen – so sehr man auch interessiert auf die wissenschaftlichen Partner im Ocean-Citizen-Konsortium verweist. Ziel ist die Schaffung eines Tauchparks im Natura-2000-Gebiet, der als Grundlage für den geplanten Themenpark in Punta Blanca dienen soll“, erklärt Kilian López, Sprecher von Greenpeace auf den Kanarischen Inseln.
Greenpeace: Das Projekt schadet mehr, als es nützt
Zu den Kernpunkten der Einwände gehört auch der Vorwurf, das Projekt weise keine tatsächliche Notwendigkeit für den Eingriff im Schutzgebiet Teno-Rasca nach. Statt einer Wiederherstellung der Meereslebensräume schaffe es künstliche und nicht zu rechtfertigende Veränderungen. Darüber hinaus habe Greenpeace weitere Mängel festgestellt: Das Projekt gebe vor, angeblich geschädigte Lebensräume wiederherzustellen, unternehme aber nichts, um die Ursachen dieser Schädigung zu bekämpfen. Im Gegenteil: Der massive Touristenstrom zum Land- und Meeresthemenpark werde die Belastung sogar noch verschlimmern.
„Unerträglich: EU-Steuergelder ebnen den Weg für Privatpark“
„Es ist unerträglich, dass eine mit öffentlichen EU-Mitteln finanzierte Initiative dazu genutzt wird, einem privaten Themenpark in einem so sensiblen Gebiet wie Punta Blanca und einer so stark belasteten Schutzzone wie Teno-Rasca den Weg zu ebnen. Wir haben es mit einem klaren Rechtsmissbrauch zu tun: Das gemeinsame Naturerbe soll unter einer falschen Nachhaltigkeitsrhetorik zu Geld gemacht werden. Punta Blanca ist eine der wenigen noch nicht verbauten Ecken im Süden der Insel. Dieses Gebiet sollte der Natur zurückgegeben werden, nicht mit den 3.000 Besuchern pro Tag bestraft werden, die Underwater Gardens dorthin locken will“, so der Greenpeace-Sprecher abschließend.
Ein Juwel der Natur unter Druck
Die Südwestregion Teneriffas zählt zu den biologisch und geologisch bedeutendsten Räumen des gesamten Kanarischen Archipels – und damit auch der Europäischen Union. Von besonderem Wert ist die marine Artenvielfalt mit ansässigen Wal- und Delfinpopulationen von globaler Bedeutung, Meeresschildkröten, großen Kolonien von Seevögeln, Lebensräumen von gemeinschaftlichem Interesse sowie einer Küstenlinie mit zahlreichen botanischen Endemiten und besonderen bodenkundlich-geologischen Merkmalen.
Dieses Naturerbe steht unter enormem menschlichem Druck. Ursache ist ein Entwicklungsmodell, das die Expansion von Siedlungs- und Tourismusflächen seit jeher über die Unversehrtheit der Ökosysteme gestellt hat. Obwohl die Region bereits zu den am dichtesten mit touristischen Einrichtungen besiedelten Gebieten der Kanaren zählt, drohen neue Projekte wie „Underwater Gardens“ in Punta Blanca oder „Cuna del Alma“ im nahe gelegenen Puertito de Adeje die letzten unberührten Küstenabschnitte zu zerstören und die Meereszone Teno-Rasca – eines der wichtigsten marinen Schutzgebiete Europas – noch weiter zu überlasten.
Breiter gesellschaftlicher Widerstand
Das „Underwater Gardens“-Projekt hat einen gesellschaftlichen Konflikt von auf den Kanaren selten gesehenem Ausmaß ausgelöst. Der Widerstand hat sich in der Plattform „Salvar Punta Blanca“ (Rettet Punta Blanca) organisiert, einem Zusammenschluss von 34 Gruppen, darunter auch Greenpeace. Sie kämpfen gemeinsam gegen die Bebauung an Land ebenso wie gegen das marine Vorhaben, das Gegenstand der aktuellen Einwände ist. Eine internationale Online-Petition auf der Plattform WeMoveEurope hat bereits über 62.000 Unterschriften gesammelt.

