Ein Ritual mit Verspätung: Hunderte Ziegen erobern den Hafen
Der Morgen des 24. Juni beginnt früh am Fischereihafen von Puerto de la Cruz. Die Spuren der nächtlichen Feierlichkeiten sind noch überall zu sehen: Die Feuerstellen sind verkohlt, und die Brunnen sind mit Früchten und Palmblättern geschmückt. Doch die Aufmerksamkeit der Menge gilt längst dem Meer. Mehrere Ziegenhirten treiben ihre Herden aus den mittleren Höhenlagen des Orotava-Tals hinab zum Strand – begleitet von ihren Hütehunden und beobachtet von Hunderten Schaulustigen. Sie alle sind Zeugen eines Rituals, das zum kulturellen Erbe der Hafenstadt gehört. Es ist der Tag des Ziegenbades.
„Wo bleiben die Ziegen?“ – Spannung vor dem großen Schauspiel
Mit einer Verspätung von anderthalb Stunden und bei noch geschlossenen Geschäften erreichen die über 300 Ziegen schließlich den Hafen – begleitet von den Klängen eines traditionellen Tajaraste-Tanzes, dem Klang von Schneckenhörnern, Trommeln und den typischen „Pitos herreños“ (Panflöten von El Hierro). Schon vor ihrer Ankunft hatten sich die Menschen entlang des Kais postiert, um die besten Plätze zu ergattern. Denn in der kleinen Bucht des Hafens sollten die Tiere bei bestem Wetter ein erfrischendes Bad nehmen. Manche ließen es sich sogar nicht nehmen, sich vor dem offiziellen Start des Rituals selbst ins Wasser zu stürzen. „Weder kalt noch sonst was, das war grandios, Meister“, ruft einer der Badenden. Der Wassertemperatur scheint ihm nichts anzuhaben.
Ein Leben mit der Tradition: Stimmen aus der Menge
Antonio, ein 80-jähriger Anwohner, hat sein ganzes Leben lang die Ankunft der Ziegen am Hafen miterlebt. Für ihn ist es eine Selbstverständlichkeit: „Jedes Jahr. Jedes Jahr … und das seit jeher.“ Während er auf das Eintreffen der Herden wartet, scherzt er über die Verspätung: „Heute sind die Ziegenhirten aber faul, oder? Die geben den Tieren nichts zu fressen … ein Ziegenstreik“, sagt er lachend. Doch hinter der Anekdote steckt mehr: Antonio erinnert sich an eine Zeit, als dieses Ritual ein ganz alltäglicher Bestandteil des Landlebens war – und nicht nur auf die Ziegen an San Juan beschränkt. „Die Ente, die Glucke, das Pferd … alles wurde gebadet“, erinnert er sich. Für ihn entsprang dieser Brauch einem alten Volksglauben. „Man tat es auch, um ihnen die Hitze zu nehmen, eine Tradition, die heute am Hafen als eine der letzten sichtbaren Verbindungen zu jener ländlichen Welt überlebt hat“, meint er.
Uralte Wurzeln: Vom Guanchen-Ritual zur Wiederbelebung
Tatsächlich reichen die Wurzeln des Ziegenbades tief in die Geschichte der indigenen Guanchen-Kultur Teneriffas zurück. Über Jahrzehnte hinweg war es ein Ritual der Reinigung, Gesundheit und Fruchtbarkeit für das Vieh. Der Kontakt mit dem Meerwasser diente, so die ethnografische Deutung, der Säuberung und Entwurmung der Tiere und hatte gleichzeitig eine symbolische Bedeutung im Kreislauf des Lebens und der Fruchtbarkeit. Die Tradition wurde jedoch nicht ununterbrochen gepflegt. Wie so viele Ausdrucksformen des Volksgedächtnisses geriet sie im Laufe des 20. Jahrhunderts in Vergessenheit. Erst Anfang der 1980er Jahre, als kulturelle Vereinigungen und Menschen aus dem Orotava-Tal sich für die Wiederbelebung der Identität der Region einsetzten, wurde das Ziegenbad wiederbelebt. Seitdem ist es untrennbarer Bestandteil des Festkalenders der Johannisfeierlichkeiten.
„Der schönste Tag des Jahres“: Die Hirten und ihre Herde
„Der schönste Tag des Jahres“, ruft Amílcar Farráis, Vorsitzender des Kulturvereins „Freunde des Ziegenbades“, und schreit dazu ein kräftiges „Viva San Juan!“. Víctor Manuel Dóniz Farráis ist einer der Ziegenhirten. Er erklärt, dass die diesjährigen Ziegen von seinem Bruder stammen, obwohl mehrere Viehzüchter an der Organisation beteiligt sind. Vom Berg in Los Realejos sind sie herabgestiegen, um einer Verabredung nachzukommen, die für ihn Teil eines gemeinsamen Gedächtnisses ist. „Das ist eine Tradition, das ist ein sehr schöner Tag, den wir unser ganzes Leben lang machen. Heute baden wir die Ziegen im Meer, damit sie brünstig werden“, erklärt er. Carlos López, ein weiterer Ziegenhirte aus La Vera, bestätigt, dass die Vorfreude auf dieses Datum eine besondere Bedeutung für diejenigen hat, die die Tradition am Leben erhalten. „Jedes Jahr warten wir auf diesen Tag, er bedeutet uns sehr viel“, sagt er, während er eine Ziege am Genick packt.
Ein Spektakel für Jung und Alt: Zwischen Angst und ausgelassener Stimmung
„Warum greifst du nicht selbst eine und machst sie nass?“, fragte ein Großvater seinen Enkel, während er einen der Ziegenböcke an den Hörnern packte. Der Enkel hingegen versteckte sich ängstlich zwischen den Beinen seines Opas, als ein stattlicher Ziegenbock in seine Nähe kam. Zuerst wurde eine der Ziegen ins Wasser geführt, und dann, der Leitziege folgend, gingen die anderen nach und nach hinein. Einige Tiere wurden an den Hörnern geführt, die sich wehrten, wurden kurzerhand hochgehoben und ins Wasser getragen. Am Ende planschten alle im Nass, während Kinder – und so mancher Erwachsener – die typischen „Mäh!“-Rufe der Tiere nachahmten. Zwischen Gebrüll, Gelächter, Kuhglocken und Spritzern verwandelt sich der Hafen in einen Ort, an dem Erinnerung, Feierlaune und kulturelles Erbe miteinander verschmelzen.
Mehr als eine Kuriosität: Das Ziegenbad als kulturelles Erbe
Was für Besucher wie ein ungewöhnliches Bild wirken mag, ist für Puerto de la Cruz eine tief bedeutungsvolle Tradition. Es ist eine Art, die Hirtenkultur zu würdigen und für einen Tag an die historische Verbindung zwischen den mittleren Höhenlagen, der Küste und dem Meer zu erinnern.

