Historischer Besuch auf der Insel
Am letzten Tag seines bevorstehenden Spanienaufenthalts wird Papst Leon XIV. das Flüchtlingszentrum „Las Raíces“ auf Teneriffa besuchen. Das Oberhaupt der katholischen Kirche wird dort mit Migranten zusammentreffen – ein kurzes Gespräch, auf das sich die Bewohner intensiv vorbereiten: mit Spanischunterricht und der großen Hoffnung, Zeugen eines historischen Augenblicks zu sein.
Fünf Jahre Arbeit unter schwierigen Bedingungen
Die Organisation Accem betreut die Einrichtung seit 2021. In dieser Zeit hat sich das Team um eine Vielzahl unterschiedlicher Migrantenschicksale gekümmert: Menschen, die nach einer gefährlichen Überfahrt über den Atlantik auf den Kanaren ankamen. Diese Route gilt als eine der gefährlichsten und tödlichsten der Welt. Die Flüchtenden fliehen vor aussichtslosen Situationen in ihren Heimatländern und träumen von einem besseren Leben.
Zwei von ihnen sind Musa und Kebba, junge Männer aus Gambia und dem Senegal. Sie erreichten „Las Raíces“ vor knapp einem Monat, nach einer qualvollen Seereise in einem seeuntüchtigen Boot. Nun sind sie auf den Kanaren angekommen – in Spanien, in der EU. Doch sie wissen: Die Schwierigkeiten sind damit nicht vorbei. Rassismus begegnet ihnen auch hier. „Überall gibt es gute und schlechte Menschen“, sagt Musa nüchtern.
Wandel der Migration: Jünger, afrikanischer, anders
Francisco Navarro, regionaler Leiter von Accem, blickt auf fünf Jahre zurück, die er als „sehr komplex, sehr wechselhaft und von vielen Veränderungen geprägt“ beschreibt. In einem Gespräch mit Europa Press erinnert er an die Migrationskrise von 2021, die zur Eröffnung des Zentrums führte – einer Einrichtung des spanischen Ministeriums für Integration, soziale Sicherheit und Migration. Ein entscheidender Wendepunkt sei gewesen, dass El Hierro ab 2023 zur Hauptankunftsinsel wurde.
Auch das Profil der Neuankömmlinge habe sich verändert. Zwischen 2021 und 2022 kamen vor allem Menschen aus Marokko und Algerien. Später waren es zunehmend Senegalesen, Gambier und Malier. „Die Ankömmlinge wurden immer jünger. Viele waren Teenager. Auch wenn wir hier nur erwachsene Männer aufnehmen, sehen wir einen deutlichen Anstieg bei 18- bis 20-Jährigen“, so Navarro. Die aktuell ruhigere Lage mit deutlich weniger Ankünften erlaube zudem bessere Verfahren zur Altersfeststellung bei Minderjährigen.
Kritik und Verteidigung: „Wir haben getan, was möglich war“
Angesichts von Kritik an den Zuständen in „Las Raíces“ räumt die Organisation zwar Verbesserungen bei Infrastruktur und Personal ein, verteidigt aber die Anfangsarbeit trotz aller Widrigkeiten: „Wir haben getan, was möglich war.“ Manche Migranten, die auf dem Gelände spazieren gehen, werden nach ihrem Alltag befragt – einige antworten nicht oder werden von Mitbewohnern davon abgehalten. Andere hingegen sagen offen, die Bedingungen seien gut und das Personal freundlich.
Leistungsfähig und bereit für den Ernstfall
„Las Raíces“ verfügt über rund 3.500 Plätze, derzeit sind etwa 500 belegt. 350 Mitarbeiter von Accem kümmern sich um die Bewohner. „Momentan gibt es auf den Kanaren keinen Migrationsdruck, der die Aufnahmekapazitäten überfordert. Das System ist stark und für Notfälle gewappnet“, betont Navarro. Und weiter: „Wir wissen, dass dieses große Zentrum Fragen aufwirft. Aber unsere Arbeit basiert auf 30 Jahren Erfahrung. Die jungen Männer danken uns für die Aufnahme und unsere Arbeit.“
Rund-um-die-Uhr-Betreuung und Sprachkurse als Schlüssel
Rund um die Uhr, sieben Tage die Woche, sorgt ein multidisziplinäres Team aus Sozialarbeitern, Anwälten, Integrationshelfern, medizinischem und psychologischem Personal sowie Haus- und Verwaltungskräften für den Betrieb. „Unsere Aufgabe ist es, Schwachstellen zu erkennen: ältere Menschen, mögliche Opfer von Menschenhandel oder Asylbewerber. Wir bieten Informationsworkshops, Spanischkurse und Treffen mit anderen Organisationen – denn wir wollen, dass die Menschen aktiv am Leben in ihrem neuen Land teilnehmen“, erklärt Navarro.
Das Herzstück von „Las Raíces“ sind die Spanischkurse, ergänzt durch Seminare zur politischen und wirtschaftlichen Lage Spaniens. Diese Orientierungshilfe sei entscheidend, um in der neuen Realität Fuß zu fassen.
Vorfreude auf den Papst: „Sie lernen kleine Sätze“
Papst Leon XIV. wird das Zentrum am 12. Juni besuchen – seine erste Station auf Teneriffa. Für den Pontifex bietet der Ort die Gelegenheit, einen direkten Eindruck vom Leben der Migranten zu gewinnen. Geplant ist ein Treffen mit einer Gruppe von Bewohnern. „Einige von ihnen sind Christen und fragen schon, ob sie teilnehmen können. Die Vorfreude ist riesig“, so Navarro. Die Männer, die noch kaum Spanisch sprechen, üben bereits einfache Sätze im Unterricht, um ein kurzes Gespräch mit dem Papst führen zu können.
Nach seinem Aufenthalt auf Gran Canaria sieht das Programm des Papstes auf Teneriffa neben dem Zentrumsbesuch ein Treffen mit Migrationsorganisationen in La Laguna, eine Fahrt durch die Straßen der Stadt, eine Papamobil-Fahrt durch Santa Cruz de Tenerife sowie eine Messe im Hafen der Hauptstadt vor.

