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Kreuzfahrt-Boom auf den Kanaren: Sorge um Umwelt und Anwohner

Barcelona zieht die Schraube an – die Kanaren öffnen die Tore

Der sozialistische Bürgermeister von Barcelona, Jaume Collboni, hat diese Woche einen weiteren Schritt unternommen, um die Auswirkungen des Massentourismus auf seine Stadt und ihre Bewohner zu reduzieren. Zu den bereits bestehenden Maßnahmen zur Eindämmung des Besucheransturms und zum Erhalt der Lebensqualität der Bürger kommt nun ein Vorschlag: Die Touristenabgabe für Kreuzfahrtpassagiere soll von fünf auf acht Euro steigen. Ziel, so der Bürgermeister, sei es, die städtischen Dienstleistungen zu finanzieren, die diese Passagiere nutzen, und gleichzeitig eine Urlaubsform finanziell unattraktiver zu machen, die in Barcelona kaum Einnahmen generiert, aber erhebliche Auswirkungen auf das Stadtgefüge hat. Insbesondere die sogenannten „Transit-Kreuzfahrten“ – bei denen die Schiffe nur für einen Zwischenstopp anlegen – stehen im Visier Collbonis, da sie seiner Ansicht nach die touristische Überlastung befeuern.

Barcelona ist mit diesen Maßnahmen gegen Kreuzfahrtschiffe kein Vorreiter. Andere Städte wie Amsterdam oder Venedig, ebenfalls internationale Touristenmagneten, haben diese Art des Tourismus bereits vor Jahren eingeschränkt. Ihre Begründung: Der Kreuzfahrttourismus verursache mehr negative Folgen als Nutzen für die Städte und ihre Bewohner. Auch in Spanien selbst haben andere Hafenstädte wie Palma de Mallorca oder Vigo diesen Reisezweig reguliert – der laut verschiedener Studien als umweltschädlichste Form des Tourismus gilt. Berechnungen zufolge stößt ein im Hafen liegender Kreuzfahrer mit laufenden Motoren so viel CO2 aus wie 12.000 Autos und produziert täglich mehrere Tonnen Abfall.

Besucherflut und lokale Reibungen

Die Städte haben längst verstanden, dass die gleichzeitige Ankunft von mehreren Zehntausend Menschen für nur wenige Stunden kaum Einnahmen bringt, aber viele Konflikte mit der lokalen Bevölkerung hervorruft. Diese fühlt sich von der plötzlichen Besucherflut an den wichtigsten Sehenswürdigkeiten überrannt. Von der Begrenzung der gleichzeitig anlegenden Schiffe bis zur Reduzierung der erlaubten Schiffsgrößen reichen die Gegenmaßnahmen.

Kanaren geben Vollgas – Rekorde bei Kreuzfahrtpassagieren

Während der Rest der Welt den Kreuzfahrttourismus in den Häfen zu bremsen versucht und auf sauberere Treibstoffe setzt, schlagen die Kanarischen Inseln den entgegengesetzten Kurs ein: „Möglichst viele Schiffe her!“ So deutlich formulierte es der Bürgermeister von Santa Cruz de Teneriffa, José Manuel Bermúdez (von der Kanarischen Koalition), erst Anfang Mai 2026 in einem parlamentarischen Ausschuss zum Thema Tourismus. In seiner Rede kritisierte er zudem, dass das regionale Tourismusministerium den Kreuzfahrtsektor nicht in seine strategischen Planungen aufgenommen habe.

Santa Cruz de Teneriffa ist einer der bedeutendsten Häfen im mittleren Atlantik und empfing im Jahr 2025 fast 950.000 Kreuzfahrtpassagiere. Allein in den ersten drei Monaten des laufenden Jahres 2026 waren es bereits über 477.000 – davon 60 Prozent sogenannte „Homeport“-Passagiere, deren Reise in der Stadt beginnt oder endet. Der Hafen mit den meisten Kreuzfahrtpassagieren in ganz Spanien ist jedoch Las Palmas de Gran Canaria. In den Häfen der östlichen Provinz der Kanaren, angeführt vom Hafen La Luz, wurden 2025 über zwei Millionen Kreuzfahrer gezählt – ein absoluter Rekord. Erst kürzlich wurde dort das größte Kreuzfahrtterminal Europas eröffnet.

Krisengewinn für die Kanaren – politischer Wille zum Wachstum

Das Tourismusministerium reagierte auf Bermúdez‘ Vorstoß und bestätigte, dass man für den Winter mit einem Anstieg der Anlegeanfragen rechne – dem üblichen Trend. Ob der Nahost-Konflikt auch in der Sommersaison 2027 zu einer ähnlichen Steigerung führen werde, sei noch zu früh, um dies zu beurteilen. Allerdings haben einige Reedereien, wie etwa Costa, bereits bestätigt, dass die Kanaren in der kommenden Wintersaison stärker im Programm gewichtet werden, während Routen durch den Nahen Osten erneut ausfallen. Die zuständige Ministerin, Jéssica de León, betonte jedoch, dass dieses touristische Segment auch Chancen für andere Wirtschaftszweige biete, etwa die Versorgung und Wartung von Schiffen im Hafen, inklusive der Reparatur von Schiffen.

Die kanarische Regierung plant daher keineswegs, diesen Tourismus einzuschränken – ganz im Gegenteil. Über die Auswirkungen der Kreuzfahrerflut auf die lokale Bevölkerung wurde in dem erwähnten Ausschuss kein Wort verloren.

Gesundheitsgefahr durch Schiffsabgase: Brisengespür gegen Lungenfreundlichkeit

„Es muss dringend etwas gegen die Emissionen des Hafens unternommen werden“, erklärte Xavier Querol, Forscher am spanischen Wissenschaftsrat CSIC und Experte für Luftverschmutzung, bereits 2022 gegenüber dem spanischen Medium elDiario.es. Der Geologe wies darauf hin, dass die in Barcelona liegenden Kreuzfahrer eine solche Schadstoffwolke produzieren, die mit der Meeresbrise direkt in die Stadt getragen wird. „Das Geld, das sie einbringen, sollte in die Reduzierung der Emissionen investiert werden“, forderte er.

Ähnliches gilt für Las Palmas de Gran Canaria und Santa Cruz de Teneriffa. In beiden Städte wehen vorherrschend die Nordostpassatwinde und treiben die Abgase aus den Häfen direkt in die Innenstädte. Dennoch hat bisher keine Behörde die Kreuzfahrtschiffe öffentlich für die Luftverschmutzung in den kanarischen Städten verantwortlich gemacht. Ganz im Gegenteil.

EU geht voran – Kanaren bremsen beim Umweltschutz

Während die Europäische Union auf die Dekarbonisierung ihrer Häfen hinarbeitet, setzte die kanarische Regionalregierung beim Staat durch, dass die Inselhäfen von der Pflicht zur Nutzung sauberer Treibstoffe ausgenommen wurden. Dies geschah im Jahr 2025 – ähnlich wie bereits 2023 bei den Flugtreibstoffen, als die Inseln ebenfalls von der Nutzung nachhaltigerer Kraftstoffe befreit wurden. Die Ausnahme wurde damals von der Koalitionsregierung aus Kanarischer Koalition und Volkspartei sowie von den Tourismusverbänden gefeiert. Bei Experten, die vom kanarischen Medium Canarias Ahora befragt wurden, löste dies jedoch Besorgnis aus: Sie warnten, dass die Inseln bei der Dekarbonisierung zurückfielen, während ein weniger nachhaltiger Tourismus fortgesetzt werde.

Fakt ist: Die kanarischen Häfen von Las Palmas und Santa Cruz de Teneriffa, die von dieser verpflichtenden Regelung (Emissionskontrollzone, kurz ECA) im Rest der Europäischen Union ausgenommen sind, werden einer Studie des europäischen Verkehrsverbands Transport and Environment (T&E) zufolge bis 2027 zu den schmutzigsten Häfen Europas gehören. Die Analyse „Untersuchung des Elektrifizierungspotenzials von Fähren in Europa“ zeigt: Ohne Emissionskontrollen auf den Kanaren wird der Hafen von Las Palmas von Platz vier (2023) auf Platz eins der Schadstoffliste im Jahr 2027 klettern. Santa Cruz de Teneriffa würde sich im gleichen Zeitraum von Platz zehn auf Platz zwei hocharbeiten.

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