US-Militärbasis vor der Haustür der Kanaren
Die militärischen Entwicklungen direkt vor den Kanarischen Inseln schreiten rasant voran. Die USA haben in Tan-Tan, nur 300 Kilometer vom Archipel entfernt, den Bau eines großen afrikanischen Zentrums für militärische Ausbildung und Drohnen vorangetrieben. Dies geschieht im Rahmen eines Militärabkommens mit Marokko, das den Zeitraum 2026-2036 abdeckt. Die Anlage, direkt an der Atlantikküste gelegen, soll das wichtigste militärische Ausbildungszentrum des Kontinents werden und voraussichtlich vor 2030 in Betrieb gehen.
Mehr als nur Militär: Die Folgen für Migration und Geopolitik
Für die Kanarischen Inseln gehen die Auswirkungen weit über den rein militärischen Bereich hinaus. „Was die Migrationsströme betrifft, könnte dies entweder zu einer stärkeren Kontrolle führen oder aber zu einem Kontrollverlust, falls Marokko – mit dem Segen Washingtons – beschließt, die Ausfahrt von Fischerbooten und Schlauchbooten in Richtung Kanaren nicht mehr zu unterbinden“, erklärt Frédéric Mertens, Experte für Internationale Beziehungen an der Universidad Europea. Dieses Szenario gewinnt an Brisanz, wenn man bedenkt, dass das Verhältnis zwischen Donald Trump und der Regierung von Pedro Sánchez derzeit nicht das beste ist. „Migration wurde bereits als Druckmittel gegen Spanien eingesetzt“, so der Experte weiter.
Tan-Tan, das auch in unmittelbarer Nähe zur Westsahara liegt, ist zudem einer der Hauptschauplätze von „African Lion“, dem größten Manöver, das vom US-Afrikakommando AFRICOM organisiert wird und direkt vor den Kanaren stattfindet. An der letzten Ausgabe nahmen über 10.000 Soldaten aus 20 verschiedenen Ländern teil. Die wachsende militärische Präsenz der USA in Nordafrika rückt die Kanaren erneut in eine strategische Schlüsselposition – sowohl für die Verteidigung Spaniens als auch für das Sicherheitsdispositiv der NATO an ihrer Südflanke.
Ein Abkommen mit weitreichenden Folgen
Die Zusammenarbeit zwischen den USA und Marokko wurde vor einigen Monaten mit der Unterzeichnung eines Militärabkommens besiegelt, das unter anderem den Kauf von US-Militärmaterial durch Rabat vorsieht. „Jetzt muss dem nordafrikanischen Land geholfen werden, diese Waffen auch effektiv einsetzen zu können“, betont Mertens. Washington verstärkt auf diese Weise seine Präsenz in Afrika, insbesondere nach dem Einflussverlust traditioneller Großmächte wie Frankreich und Großbritannien und der wachsenden Bedeutung von China und Russland auf dem Kontinent. „Trump versucht, China alles abzunehmen, was er kann, denn Peking ist die Nummer eins unter den Feinden – noch vor dem Iran, Russland oder jedem anderen Land. Wenn China in bestimmten afrikanischen Ländern aktiv wird, will Trump das natürlich auch“, so der Experte. Alle diese Bewegungen auf dem geopolitischen Schachbrett haben aufgrund der geografischen Nähe besonders große Auswirkungen auf die Kanaren.
Ein High-Tech-Labor für die Verteidigung
Das große afrikanische Zentrum wird aus drei Hauptbereichen bestehen: einem Gelände für militärische Ausbildung, einer Drohnenschule und einem Zentrum für Innovation und Experimente. Es ist ein regelrechtes Labor der Verteidigung, das die Ausbildung von Soldaten, Schulungen für unbemannte Systeme sowie die Entwicklung und Erprobung neuer Verteidigungstechnologien vereint.
Migration als Druckmittel und die Rolle Marokkos
Über den rein militärischen Aspekt hinaus wirft die verstärkte Kooperation zwischen den USA und Marokko die Frage auf, welche realen Auswirkungen diese Entwicklungen auf die Migrationsroute zu den Inseln haben könnten. Rabat spielt eine Schlüsselrolle bei der Kontrolle der Abfahrten von der Atlantikküste. Jede Änderung seiner Sicherheitskooperationsstrategie könnte daher unmittelbare Folgen für diese Route haben. Wie sich die Lage entwickelt, wird nun von den Entscheidungen abhängen, die Marokko in Abstimmung mit Washington trifft.
Eine geopolitische Botschaft aus der Nähe der Sahara
Ein weiterer bemerkenswerter Aspekt des Projekts ist seine Lage nahe der Westsahara. Die Wahl dieses Standorts sendet eine klare geopolitische Botschaft an die Region. „Es ist ein Weg, Bedrohungen der Stabilität einzudämmen und eine Zone zu stärken, die von der Sahara bis Libyen reicht. Dort treffen viele Interessen aufeinander, sowohl für Marokko als auch für die USA, die ihre Zusammenarbeit ausbauen und die Stabilität der gesamten Region festigen wollen“, warnt Mertens.
Eine mögliche Bedrohung für Spanien
Für Spanien könnten diese militärischen Fortschritte eine „Bedrohung“ darstellen, die ernst genommen werden muss. Die geografische Nähe beider Länder und die Position der Kanaren als wichtigste südliche Außengrenze machen das Archipel zu einem besonders sensiblen Gebiet. Die Botschaft ist klar: „Alles, was auf den Kanaren passieren könnte, würde ganz Spanien betreffen.“

