Messe trifft Megafestival
Der Freitagmorgen des 12. Juni könnte einer der ungewöhnlichsten – und umstrittensten – werden, den Santa Cruz de Tenerife je erlebt hat. Und das liegt nicht nur daran, dass der Papst und der König kommen. Auf engstem Raum prallen zwei Welten aufeinander, die kaum gegensätzlicher sein könnten: die Abschlussmesse des Spanien-Besuchs von Papst León XIV., zelebriert in Begleitung von König Felipe VI., und die hektischen Vorbereitungen für das Tenerife Music Festival, ein Megaevent der urbanen Musik, das am selben Nachmittag beginnt und bis zwei Uhr nachts dauern soll.
Das Bild, das sich da abzeichnen wird, wirkt auf die einen faszinierend, auf die anderen schlicht respektlos. Keine Verwaltung wollte die politische – oder finanzielle – Verantwortung übernehmen, diesen Konflikt zu lösen. Wochenlang herrschte Uneinigkeit, Behörden konsultierten einander, und die Verwirrung wuchs. In letzter Minute haben sich alle öffentlichen und Sicherheitsinstitutionen hinter die Empfehlungen von Gutachtern geflüchtet, um sich vor möglichen Schadensersatzklagen zu schützen, falls sie das Festival abgesagt hätten.
Das Ergebnis ist eine schier surreale Konstellation. Es ist, als würde man – nur wenige Meter und Minuten entfernt – vom andächtigen „Salve, salve, Virgen Morenita“, der Hymne an die Schutzpatronin der Kanaren, direkt zu den Zeilen des Hits „Ateo“ von C. Tangana übergehen, den er mit Nathy Peluso sang: „Yo era ateo, pero ahora creo; porque un milagro como tú ha tenido que bajar del cielo“ („Ich war Atheist, aber jetzt glaube ich; denn ein Wunder wie du musste vom Himmel kommen“). All dies im Hafenbecken Dársena de Los Llanos. Ein Ort, zwei Welten: Näher am Inselregierungssitz (Cabildo) steht die Bühne des Urban-Festivals, nur 150 Meter entfernt, näher am Finanzamt (Hacienda), der Altar für die Papstmesse.
Wenn der Bass die Messe übertönt
Ab zehn Uhr morgens startet das religiös-folkloristische Rahmenprogramm vor der Messe. Zeitgleich beginnen die unvermeidlichen Soundchecks, der Aufbau und die akustischen Tests für das Festival. Während also Tausende Gläubige auf die Ankunft des Papstes und des Königs im Hafen warten, treten auf der einen Bühne Künstler wie Alejandro Abrante, Los Sabandeños und Chago Melián auf, die Stücke wie das Ave Maria oder die berühmte „Isa“ (ein traditioneller kanarischer Tanz und Gesang) zu Ehren der Virgen de Candelaria spielen.
Auf dem „Nachbaraltar“ der urbanen Musik heizen derweil Stars wie Nathy Peluso (Rap, Latin-Pop), Rels B (melodischer Rap, Trap und Reggaeton), El Arrebato (eine Fusion aus andalusischem Pop, Rumba und Flamenco-Pop) und Tay D León (Reggaeton und Latin Urban) ein. Der Soundcheck wird wie ein echtes Konzert sein – und er wird zeitgleich mit der Papstmesse um 12:15 Uhr stattfinden. Während der Papst den Segen erteilt, könnte Rels B seinen Song „A mí“ anstimmen, in dem es heißt: „Mami, no me llame‘, estoy ocupado en mi lavor… To‘ esos bobo‘ a mí me tiran y no me dan ni el calor. Tengo a to’as las babys mojadas en el backstage“ – freizügige Urban-Lyrics, die im krassen Kontrast zur feierlichen Stimmung der Messe stehen.
Höchste Sicherheitsstufe und logistischer Albtraum
Allein der Besuch von León XIV. bedeutet einen außergewöhnlichen Sicherheitsaufwand. Die Bestätigung der Anwesenheit des Königs hat die Anforderungen noch einmal in die Höhe getrieben. Bereits in den frühen Morgenstunden werden Straßensperren, Parkverbote und Zugangskontrollen aktiviert. Gleichzeitig läuft auf dem Festivalgelände ab acht Uhr morgens der volle Betrieb: Ein ständiges Kommen und Gehen von Personal, Künstlern, Zulieferern und Produktionsfahrzeugen.
Die Dimension des Aufwands ist beeindruckend: Rund 170 Pkw, 25 Lkw und Auflieger sowie etwa 400 Arbeiter werden bereits vor Einlassbeginn im Hafengebiet unterwegs sein. Dazu kommen die Tour-Busse der Künstler mit je 40 bis 60 Personen pro Act. Die Liste der beteiligten Firmen zeigt die organisatorische Komplexität: Infrastruktur, Tontechnik, Elektrik, Stromaggregate, Gastronomie, Sicherheitsdienste, Reinigung, Telekommunikation, Transport, Marketing und Produktion – sie alle müssen genau zu den Stunden Zugang zum Gelände haben, in denen Tausende Gläubige zur Papstmesse strömen.
Die Warnung aus dem Rathaus
Genau diese zeitliche Überschneidung veranlasste die Abteilung für Bürgersicherheit und Notfälle der Stadt Santa Cruz, offiziell vor einer möglichen Unvereinbarkeit der beiden Veranstaltungen zu warnen. In einem Bericht vom 23. April hieß es, die räumliche und zeitliche Nähe der Events erhöhe die Risiken und könne das Sicherheitskonzept für den Papstbesuch beeinträchtigen. Die Warnung leitete ein neues bürokratisches Kapitel ein. Die Stadtplanungsbehörde forderte eine spezifische Stellungnahme der Bezirksvertretung der spanischen Zentralregierung (Subdelegación del Gobierno) an, um zu klären, ob beide Veranstaltungen nebeneinander existieren können. Die Akten belegen die Verunsicherung innerhalb der Stadtverwaltung – so sehr, dass ein Dringlichkeitsverfahren eingeleitet und eine Anhörung zur Bewertung der außergewöhnlichen Umstände anberaumt wurde.
Grünes Licht von Hafenbehörde und Guardia Civil
Die anderen Institutionen sahen die Sache allerdings anders. Sowohl die Hafenbehörde, die für die betroffenen Flächen zuständig ist, als auch die Guardia Civil, die für die Sicherheit im Hafenareal verantwortlich ist, gaben grünes Licht. Die Bezirksvertretung der Zentralregierung kam schließlich zu dem Schluss, dass das Festival mit dem Papstbesuch vereinbar sei – vorausgesetzt, die Auflagen zur Koordination und Sicherheit werden eingehalten.
Ein besonderer Zufall: Das Festival war zuerst da
Weder Papst noch König. Eine entscheidende Randnotiz zu diesem ganzen Hickhack: Die Reservierung der Flächen und die administrativen Genehmigungen für das Festival lagen zeitlich VOR der offiziellen Ankündigung des Papstbesuchs. Der Veranstalter hatte das Projekt bereits Monate zuvor eingereicht und es sogar auf der internationalen Tourismusmesse FITUR beworben – als es noch gar keine Bestätigung für die Papstreise auf die Kanaren gab. Die Genehmigung für den Pontifex kam erst im März.
Für mehrere Stunden wird der Hafen von Santa Cruz Schauplatz einer beispiellosen Koexistenz sein: Tausende Gläubige warten auf den Papst, während nur wenige Meter entfernt Techniker, Künstler und Arbeiter die letzten Vorbereitungen für eines der größten Urban-Festivals des Jahres treffen. Es wirkt fast wie ein 2-für-1-Angebot: Messe und Megafestival in einem. Ob diese Mischung aus Weihrauch und Bass aufgeht, wird sich am 12. Juni zeigen.

