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Millionen-Aufträge für Ex-Politiker: Ist das System krank?

Millionen für eine junge Firma

Eine auf den Kanarischen Inseln neu gegründete Beratungsfirma sorgt für Aufsehen. Die Rede ist von Cumbre 8 Islas, einem Unternehmen, das im Oktober 2023 aus der Taufe gehoben wurde. An der Spitze steht Marcos Cohen, ein ehemaliger Spitzenfunktionär der Partei Ciudadanos. In weniger als zwei Jahren hat die Firma Aufträge im Wert von fast zehn Millionen Euro von verschiedenen öffentlichen Stellen der Inseln erhalten. Die Vergabe erfolgte teils über Kleinaufträge, teils über öffentliche Ausschreibungen. Auffällig: Bei drei großen Wettbewerben gewann die Firma fast immer dann, wenn subjektive Kriterien bewertet wurden.

Der entscheidende Vorteil bei subjektiven Kriterien

Besonders deutlich wird das bei zwei Großaufträgen. Im ersten Fall ging es um die Akquise von EU-Mitteln für die Stadt San Cristóbal de La Laguna, die von einer Koalition aus PSOE und CC regiert wird. Der Auftrag war 2,76 Millionen Euro schwer. Hier lag Cumbre 8 Islas bei den objektiven, also automatisch messbaren Kriterien, hinter der Konkurrenz. Trotzdem bekam die Firma den Zuschlag, weil sie bei den subjektiven Bewertungspunkten die Nase vorn hatte. Auch bei einem zweiten Großauftrag der kanarischen Wirtschaftsförderungsgesellschaft Proexca (eine Tochter der Regionalregierung aus CC und PP) im Wert von 3,79 Millionen Euro wiederholte sich das Muster. Die Firma von Cohen lag in den objektiven Punkten erneut zurück, gewann aber aufgrund der subjektiven Bewertung. Gegen diesen Zuschlag legte ein Mitbewerber, die Firma EVM Group, Beschwerde beim Verwaltungsgericht für öffentliche Aufträge ein – jedoch ohne Erfolg.

Der dritte große Brocken: Lanzarote und die Rolle der Handelskammer

Der dritte große Auftrag der Firma kam von den Zentren für Kunst, Kultur und Tourismus (CACT) Lanzarote, einer Einrichtung des Inselrates (Cabildo), der von CC und PP geführt wird. Hier ging es um die Entwicklung eines neuen Tourismusmodells, ausgeschrieben für drei Millionen Euro. Die subjektiven Kriterien dieser Ausschreibung wurden von der Handelskammer von Lanzarote bewertet. Diese hatte den Auftrag am 16. Dezember 2024 von den CACT erhalten. Nun kommt der pikante Teil: Während die Handelskammer noch die Angebote für diesen Großauftrag analysierte, vergab sie selbst einen Auftrag an genau diese Firma. Für 198.400 Euro sollte Cumbre 8 Islas einen wirtschaftlichen und sozialen Entwicklungsplan für Lanzarote und La Graciosa erstellen. Der Vertrag dafür wurde am 24. Dezember 2024 unterzeichnet. Am 16. Januar 2025 legte die Handelskammer dann ihr Bewertungsgutachten für den CACT-Großauftrag vor. Das Ergebnis: Cohens Firma erhielt 41 Punkte, der weltweit bekannte Wettbewerber PricewaterhouseCoopers (PwC) nur 26,6 Punkte. Besonders krass war der Unterschied bei einem Unterkriterium: „Kenntnis und Spezifität der Probleme des Cabildo von Lanzarote“. Hier gab es 9 zu 1 Punkte für Cumbre 8 Islas.

Nicht immer die Nummer eins – aber fast immer die Gewinnerin

Bemerkenswert ist, dass die Firma von Cohen nicht in allen Bereichen die beste war. Bei den objektiven Kriterien des CACT-Auftrags lag sie mit 50,91 Punkten vor PwC (43 Punkte). Nur in diesem einen Fall gewann sie sowohl objektiv als auch subjektiv. Bei den anderen beiden Großaufträgen war das anders. In La Laguna lag die Firma bei den objektiven Kriterien hinter Mitbewerbern wie Deloitte oder Ernst & Young. Bei Proexca wurde sie bei den objektiven Kriterien nur Zweite hinter EVM Group. Die drei Millionenaufträge plus der Auftrag der Handelskammer ergeben eine Summe von 9,84 Millionen Euro, die Cumbre 8 Islas zugesprochen wurden.

Die Masche mit den „kleinen“ Aufträgen

Neben diesen Großaufträgen gibt es noch acht sogenannte „Direktaufträge“ (contratos a dedo), die oft knapp unter der 15.000-Euro-Grenze für Kleinaufträge liegen. Auch hier zeigt sich das Netzwerk:

  • Inselrat von Lanzarote: 14.500 Euro für eine Beratung zum „Aktionsplan 2024“.
  • Außenwirtschaftsförderung von Lanzarote: 14.990 Euro für technische Unterstützung bei der Vergabe einer Tourismuskampagne.
  • Inselrat von Teneriffa (CC/PP): 14.800 Euro für die Koordination des Innovationsleitplans.
  • Generaldirektion für Analyse und Studien der kanarischen Regierung: 14.900 Euro für einen Bericht über den Arbeitskräftebedarf auf Gran Canaria.
  • Stadt Puerto de la Cruz (PP/ACP/CC): Zweimal 6.000 Euro für das Sponsoring der Gastronomiepreise „Mesa Abierta“ 2024 und 2025.
  • Lokale Energieagentur (ALGE) der Stadt Las Palmas (PSOE/NC/Podemos): 4.990 Euro für ein wirtschaftliches Gutachten.
  • Messeinstitution der Kanaren (INFECAR) des Inselrates von Gran Canaria (PSOE/NC): 14.990 Euro für technische Dokumentation.

Diese acht Kleinaufträge summieren sich auf 91.000 Euro. Addiert man alle Posten, kommt man auf insgesamt 9,93 Millionen Euro. Zieht man die Aufträge von Stellen ab, an denen die Partei Coalición Canaria (CC) nicht beteiligt ist (wie die Stadt Las Palmas, INFECAR oder die Handelskammer von Lanzarote), bleiben immer noch 9,71 Millionen Euro, die von CC-geführten Behörden vergeben wurden.

Der Gründer: Ein Mann mit Vergangenheit

Marcos Cohen ist kein Unbekannter in der kanarischen Politik. Vor seiner Selbstständigkeit war er Senior Manager und Direktor bei PwC auf den Kanaren. Politisch war er 2019 auf Platz drei der Liste von Ciudadanos für den spanischen Kongress in der Provinz Santa Cruz de Tenerife. Im selben Jahr wurde er in ein Krisengremium der Partei auf den Inseln berufen. Seine Firma gründete er im Oktober 2023 mit einem lächerlichen Startkapital von nur 100 Euro. Der Slogan seiner Agentur lautet: „Wir denken kanarisch, wir transformieren die Kanaren.“ Auf die Frage nach den vielen Aufträgen sagt Cohen: „Bei bestimmten Kriterien gewinnt man, bei anderen nicht. Aber insgesamt ist man besser als die anderen – zumindest in den Verfahren, an denen wir teilgenommen haben.“ Er verweist auf die tiefe Kenntnis des Archipels, die in den Ausschreibungsunterlagen stark bewertet werde: „Der Schlüssel liegt darin.“ Zum fragwürdigen Verfahren auf Lanzarote meint er, die beteiligten Institutionen hätten „große Rechtsabteilungen und Compliance-Abteilungen“, die solche Vorgänge prüfen müssten.

Ein weitreichendes Netzwerk und ein gescheiterter Millionen-Deal

Bereits in der Vergangenheit war Cohen umstritten. Wie die Zeitung Canarias Ahora berichtete, traf er sich zwischen 2019 und 2020 mit dem damaligen Kern des Rathauses von Santa Cruz de Tenerife. Ziel war es, für seinen damaligen Arbeitgeber PwC einen Auftrag über rund zwei Millionen Euro pro Jahr für die Digitalisierung der Stadtverwaltung zu ergattern. Das Projekt sollte von Juan Ramón Lezcano (Ciudadanos), dem damaligen Stadtrat für Stadtplanung, vorangetrieben werden. Der Deal platzte jedoch. Kurz darauf trat Lezcano zurück. Seine Nachfolgerin Evelyn Alonso sicherte einer Misstrauensabstimmung gegen den sozialistischen Bürgermeister die Mehrheit, woraufhin der Nationalist José Manuel Bermúdez (CC) die Macht übernahm. Cohen soll auch bei den Reisen des neuen Stadtrats nach Paris dabei gewesen sein, um erfolglos die Gründung eines Rodin-Museums in Santa Cruz zu verhandeln. Die Zeitung El Español berichtete damals kritisch über Cohens Rolle. Ramón Trujillo, damals Sprecher von Unidas Podemos in Santa Cruz, kritisierte die Vorgänge scharf, ohne Cohen namentlich zu nennen: „Es gab absolut keinen Grund, warum er dort sein musste.“

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