Ein Ort, an dem das Meer den Takt vorgibt
Der Geruch von Salzwasser liegt in der Luft, am Kai lehnen die Fischkörbe, die Tampen sind sorgfältig aufgerollt, Möwen ziehen ihre Kreise über der Küste, und die Stimmen der Fischer vermischen sich mit dem Wellengang. Das ist der alltägliche Anblick im kleinen Hafen von Punta del Hidalgo auf Teneriffa. „Na, dann ab aufs Meer!“, ruft einer der erfahrensten Seeleute einem Kollegen zu, der gerade sein Boot losmacht, um auszufahren. Andere bereiten derweil ihre Fanggeräte vor oder genießen den ersten Kaffee des Tages an der Hafenbarkasse.
Doch hinter diesem beschaulichen Idyll steckt eine Geschichte, die weit darüber hinausgeht: Die kürzlich erfolgte Übergabe der Hafenanlagen an die Fischereigenossenschaft Nuestra Señora de la Consolación beendet einen jahrelangen Kampf um die Nutzungsrechte und läutet ein neues Kapitel für die Fischerei im Norden Teneriffas ein.
Zwei Welten auf wenigen Metern
Nur wenige Schritte vom Hafen entfernt locken die natürlichen Meerwasserpools täglich Dutzende Badegäste an, die Abkühlung von der Sommerhitze suchen. Doch wer die Mole überquert, taucht in eine völlig andere Welt ein: Hier teilen sich kleine handwerkliche Fischerboote und Sportboote das Wasser. Manche tragen Namen, die an Familienmitglieder erinnern – wie „Melania“ oder „Mary Cruz“ –, andere wie „La Libertad“ spiegeln die tiefe Verbundenheit ihrer Besitzer mit dem Meer wider.
Inmitten des Kommens und Gehens der Boote steht die Cofradía – die Fischereigenossenschaft – vor einer großen Aufgabe: Sie muss die Anlagen verwalten, die sie bisher ohne formelle Genehmigung genutzt hat. Doch der Traum ist größer: Die Genossenschaft möchte den Hafen als Sprungbrett nutzen, um die Zukunft der handwerklichen Fischerei dauerhaft zu sichern.
Bisher haben die Fischer de facto schon den Alltag auf dem Gelände organisiert. Sie haben die Rechnungen für Wasser und Strom bezahlt, die Anlagen sauber gehalten und sogar eigenes Personal dafür eingestellt. Der entscheidende Unterschied ist nun: Die Genossenschaft kann den Hafen offiziell verwalten, den Bootsverkehr regulieren und eine Einnahmequelle schaffen, die ihnen langfristig Unabhängigkeit verschafft.
„Unser Ziel ist es, die Zukunft der handwerklichen Fischerei zu sichern und die Cofradía so aufzustellen, dass sie sich allein trägt – ohne auf Subventionen angewiesen zu sein“, erklärt David Lorenzo, der Patron der Genossenschaft, mit einem Lächeln. In der Seefahrerwelt kennt man ihn besser unter seinem Spitznamen „Curro“. Lorenzo lebt ausschließlich von der Fischerei.
Ein Pachtvertrag mit Perspektive
Der Nutzungsvertrag hat eine Laufzeit von zunächst vier Jahren und kann um weitere vier Jahre verlängert werden. Damit dürfen die Mitglieder der Cofradía Räumlichkeiten wie die Fischauktionshalle, die Ausrüstungskammern und die Lagerräume für Fangmaterial nutzen. Zusätzlich stellte die Regionalregierung ein Projekt zur Neugestaltung des Hafenbeckens vor, um die Arbeitsbedingungen der Fischer weiter zu verbessern.
Hinter diesen Plänen steht eine Genossenschaft, die zahlenmäßig klein ist, aber eine historische Bedeutung besitzt, die weit über ihre Größe hinausgeht. Knapp 30 Mitglieder zählt die Cofradía derzeit, dazu gehört eine Flotte von bis zu 14 Booten – fast alle in der handwerklichen Fischerei aktiv. Diese Fischerei, so erklärt Patron Lorenzo, „setzt auf kleinere Fangmethoden und erfordert, dass jedes Fanggerät je nach Zielfischart von Hand gefertigt wird“.
„Die Fischerei war schon immer das Fundament dieses Dorfes. Hier hat jeder einen Großvater, Vater oder Verwandten, der vom Meer gelebt hat. Sie ist die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft der Menschen von Punta del Hidalgo“, betont Lorenzo.
Handwerk mit Tradition
Diese Philosophie prägt den Alltag der Genossenschaft. Nur zwei Boote sind auf Thunfischfang spezialisiert. Die anderen wechseln je nach Jahreszeit und Zielart zwischen Reusen, Langleinen, Hundshai-Fischerei und dem Sammeln von Meeresfrüchten. „Jede Fangmethode ist auf eine bestimmte Fischart ausgelegt“, erklärt der Patron. „Es gibt Netze für Stöcker und Schwarzfische, andere für Meerbarsche, Kaiserfische oder Papageienfische – je nachdem, was wir fangen wollen, setzen wir eine andere Technik ein.“
Die handwerkliche Philosophie endet nicht am Hafen. Die Fischer vermarkten ihren Fang direkt, ohne Zwischenhändler. „Wir arbeiten mehr, verdienen aber auch besser“, sagt Lorenzo und rechnet vor: „Ein Zwischenhändler kann bis zu drei Euro pro Kilo verdienen. Wenn man 200 Kilo pro Woche verkauft, verliert man praktisch ein Monatsgehalt.“
Doch während die Fischerei anderswo auf den Kanaren um ihre Existenz kämpft, kann die Cofradía in Punta del Hidalgo auf Nachwuchs setzen. Erst in den letzten Wochen kam ein neuer Fischer Anfang 30 hinzu, zwei weitere mit 23 und 25 Jahren sind bereits Mitglieder. „In vielen Genossenschaften dominieren Leute über 50 oder 60. Wir haben zum Glück junge Menschen, die weiterhin vom Fischfang leben wollen“, freut sich Lorenzo, der mit 40 Jahren bereits seit einem Jahrzehnt als Patron an der Spitze steht.
Der Blick nach vorn: Ein Schutzgebiet als Hoffnungsträger
Doch die Übergabe der Hafenanlagen ist kein Endpunkt, sondern der Beginn einer weitaus ambitionierteren Reise. Nachdem das jahrelange administrative Hindernis endlich beseitigt ist, richtet sich nun der Blick auf ein ehrgeiziges Ziel: die Einrichtung des Meeresschutzgebiets von Anaga (Reserva Marina de Interés Pesquero). Seit Jahren fordern die Fischer dies, nun scheint der Prozess wieder in Gang gekommen zu sein.
Das Projekt sieht den Schutz eines Küstenabschnitts durch ein Zonierungssystem vor: Bereiche mit maximalem Schutz, Zonen mit eingeschränkter Nutzung und Flächen, auf denen die handwerkliche Fischerei unter Nachhaltigkeitskriterien weiterhin möglich sein soll. Auch die Freizeitnutzung soll reguliert werden.
Für die Cofradía ist das Schutzgebiet keine Einschränkung, sondern eine Chance, die Fischbestände zu regenerieren und den Beruf langfristig zu sichern. „Wenn wir das nicht tun, ist die Ressource in Gefahr“, warnt Lorenzo. Die Logik dahinter ist einfach: „Bestimmte Gebiete müssen sich natürlich erholen, damit mittel- und langfristig die Fischbestände in der gesamten Region zunehmen.“ Er räumt ein: „Am Anfang wird es schwer, weil wir in den ersten Jahren Verzicht üben müssen – aber danach wird das Meer wieder viel mehr Fisch hergeben.“
Die Hoffnung ist konkret: Während heute rund 30 Reusen nötig sind, um einen bestimmten Fang zu erzielen, sollen es nach der Erholung des Ökosystems nur noch zehn sein – bei weniger Aufwand und geringerem Druck auf die Bestände.
Drei Säulen für die Zukunft
Neben dem Schutzgebiet hat die Genossenschaft zwei weitere Prioritäten. Die erste ist die Modernisierung und Erweiterung des Hafens, um mehr Liegeplätze zu schaffen und den Hafenbetrieb effizienter zu machen. Die zweite betrifft das Genossenschaftsrestaurant, das einer umfassenden Renovierung bedarf. Es ist die wichtigste Einnahmequelle neben den Subventionen und gilt als Schlüssel für das wirtschaftliche Überleben der Cofradía.
„Mit diesen drei Säulen – dem Schutzgebiet, dem Hafen und dem Restaurant – kann die Cofradía allein und selbstbestimmt weitermachen“, blickt der Patron voller Hoffnung nach vorn. Das ist die Vision, die die Organisation seit Jahren verfolgt: Die Hafenübergabe nicht nur als administrativen Erfolg zu sehen, sondern als Ausgangspunkt, um die handwerkliche Fischerei an der Küste von Punta del Hidalgo in eine sichere Zukunft zu führen. Nachdem der Kurs nun frei ist, gilt es, das Ruder endgültig in die Hand zu nehmen.
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