Streik eskaliert: Ärzte lehnen Offerte ab und fordern Clavijo
Der Ärztestreik auf den Kanarischen Inseln droht sich weiter zu verschärfen. Die Gewerkschaft CESM (Sindicato Médico de Canarias) hat ein neues Angebot der Regionalverwaltung umgehend zurückgewiesen und kündigt an, die Arbeitsniederlegungen fortzusetzen. Der Schritt kommt nur wenige Stunden nachdem die Behörden die Offerte als Verhandlungsgrundlage präsentiert hatten. Die Ärzte werfen der Regierung vor, ihre Kernforderungen nicht ernst zu nehmen, und fordern nun direkt den Präsidenten der Kanarischen Inseln, Fernando Clavijo, in die Verantwortung.
Doppelter Arbeitskampf: Nationale und regionale Fronten
Die aktuelle Eskalation ist das Ergebnis eines monatelangen, zweigleisigen Konflikts. Bereits seit Mitte Februar 2026 befinden sich die Ärzte der Inseln im Ausstand. Zunächst richtete sich der Protest ausschließlich gegen das spanische Gesundheitsministerium in Madrid. Im Kern geht es um das sogenannte „Estatuto Marco“, ein landesweites Gesetz, das die grundlegenden Arbeitsbedingungen im öffentlichen Gesundheitsdienst festlegt. Die Ärzte fordern hier ein eigenständiges Berufsgesetz, das die Besonderheiten ihres Fachgebiets besser berücksichtigt.
Ab April eskalierte die Situation zusätzlich. Die Gewerkschaft rief zu einem regionalen Ausstand auf, der sich direkt gegen den Kanarischen Gesundheitsdienst (SCS) richtet. Der Grund: Die Regierung soll Vereinbarungen, die im Rahmen eines Streiks im Jahr 2023 getroffen wurden, nie vollständig umgesetzt haben. Seitdem gab es bereits vier regionale Streiktage – am 30. April, 4. Mai und 25. Mai sowie am gestrigen Montag, dem 22. Juni. Parallel dazu finden seit Februar jeden Monat landesweite Protestwochen statt. Die jüngste dieser Aktionen lief erst in der vergangenen Woche. Neue Termine sind bereits ab September in Planung.
Die zentralen Forderungen der Ärzteschaft
Die Liste der Forderungen ist lang und berührt mehrere essentielle Punkte der Arbeitsrealität kanarischer Mediziner: Im Mittelpunkt steht die Forderung nach einer deutlichen Aufbesserung der Vergütung für Bereitschaftsdienste. Zudem verlangen die Ärzte eine Angleichung der sogenannten „Berufslaufbahn“ (carrera profesional) – einer leistungs- und erfahrungsabhängigen Zulage – an das Niveau der drei am besten bezahlten Autonomen Gemeinschaften Spaniens. Ein weiterer Streitpunkt ist die Einführung eines offenen und dauerhaften Versetzungssystems, das Medizinern einen Wechsel innerhalb des SCS ermöglicht, ohne auf neue Ausschreibungen warten zu müssen.
Ein besonders heikles Thema ist die Abschaffung der 24-Stunden-Dienste. Die Ärzte sind sich der praktischen Schwierigkeiten bewusst, fordern aber zumindest verbindliche Ruhezeiten von 48 Stunden nach einem solchen Dienst. Weitere Punkte sind die Regulierung von Ärzten in ständiger Rufbereitschaft („guardias localizadas“), die Senkung der Patientenhöchstgrenzen für Fachärzte und umfassende Investitionen in die maroden Infrastrukturen des SCS.
Das Angebot des SCS: „Eine Zumutung“
Als Reaktion auf die anhaltenden Proteste legte die Regionalregierung nun ein Paket mit Vorschlägen vor. Dieses sieht unter anderem die Erhöhung der Zahl der Fachkräfte, eine 20-prozentige Aufbesserung der Bereitschaftsdienst-Vergütung, eine Senkung der Patientenhöchstzahlen für Hausärzte und Kinderärzte sowie die Garantie angemessener Erholungszeiten nach Diensten vor.
Doch die Gewerkschaft zeigte sich empört. Der Vorsitzende des CESM bezeichnete die Offerte als „beschämend“ und „inakzeptabel“. Die Kritik ist fundamental: Die vorgeschlagene Vergütung der Bereitschaftsdienste liege nicht auf dem Niveau der drei bestbezahlten Regionen, wie zunächst in Aussicht gestellt. Zur Angleichung der Berufslaufbahn gebe es nur vage Absichtserklärungen, aber keinen konkreten Zeitplan. Die Themen Infrastruktur, Ruhezeiten und die Regulierung der Rufbereitschaft würden komplett ausgeklammert. Die Begrenzung der Patientenzahlen wiederum sei nur für Hausärzte und Kinderärzte vorgesehen – für andere Fachrichtungen bleibe sie aus.
Unverständnis auf beiden Seiten
Während die Ärzte das Angebot als Provokation werten, zeigt sich die Gesundheitsbehörde ratlos. Aus der Verwaltung heißt es, das Dokument sei als Verhandlungsgrundlage für die sektorale Verhandlungskommission gedacht und keinesfalls als finale Entscheidung. Man könne die vollständige Ablehnung nicht nachvollziehen. Zudem betont die Behörde, dass die angebotenen Maßnahmen ausschließlich jene Bereiche beträfen, die in der Zuständigkeit des SCS lägen. Bezüglich des nationalen „Estatuto Marco“ verwies Gesundheitsministerin Esther Monzón in den letzten drei Sitzungen des Interterritorialen Gesundheitsrates die Verantwortung an ihre Amtskollegin in Madrid.
Millionenschaden und Aufruf an den Präsidenten
Die wirtschaftlichen Folgen des Arbeitskampfes sind enorm. Bislang wurden über 57.000 Arzttermine verschoben, fast 1.500 Operationen abgesagt und tausende Diagnosetests verschoben. Der bezifferte Schaden für das Gesundheitssystem des Archipels beläuft sich bereits auf mehr als 150 Millionen Euro. In diesem Klima der Frustration wächst der Druck auf den Regionalpräsidenten. Die Gewerkschaft erinnert an ein Versprechen von Fernando Clavijo aus dem Jahr 2023, in dem er zusagte, jederzeit für Gespräche mit den Ärztevertretern zur Verfügung zu stehen. Jetzt, so die Mediziner, sei der Moment gekommen, dieses Wort einzulösen und die Führung in den Verhandlungen persönlich zu übernehmen.

