Wohnungskrise auf den Kanaren: Die Lage eskaliert
Die Kanarischen Inseln erleben eine beispiellose Wohnungskrise. Mieter werden aus ihren Vierteln verdrängt, die Preise schießen in nie dagewesene Höhen und die Politik steht in der Kritik, untätig zu sein. Aus diesem Grund rufen soziale Organisationen zu drei großen Demonstrationen im Archipel auf. Diese finden im Rahmen der landesweiten Kampagne für das Recht auf Wohnen statt – unter dem Motto: „Die Wohnungssuche bringt uns noch um.“ Die Veranstalter hoffen, dass diese Proteste einen Wendepunkt im Kampf gegen die Wohnungsnot auf den Kanaren markieren.
Die drei Demonstrationen im Juni
Die Plattform „Derecho al Techo“ (Recht auf ein Dach) hat für Samstag, den 20. Juni, um 11:00 Uhr in Las Palmas de Gran Canaria zu einer Kundgebung aufgerufen. Der Protestzug wird vom Parque del Canódromo im Stadtteil Schamann zum Parque de Don Benito führen. Auf La Palma findet die Demonstration am 26. Juni um 18:00 Uhr auf der Plaza de España in Los Llanos de Aridane statt. Und der Mieterverband von Teneriffa ruft für den 27. Juni um 11:30 Uhr zu einer weiteren Mobilisierung auf, und zwar im Parque Estudiante Javier Fernández Quesada in San Cristóbal de La Laguna.
Eine alarmierende Bestandsaufnahme
Der enormen Bevölkerungszuwachs, der enorme touristische Druck mit unzähligen Ferienwohnungen und eine politische Steuerung, die von den sozialen Gruppen als „totaler Fehlschlag“ bezeichnet wird, haben eine Situation des Kollapses geschaffen. Die Analyse zeigt ein alarmierendes Bild: Anwohner werden aus ihren Vierteln vertrieben, Familien landen auf der Straße. Laut dem Generalrat der spanischen Justiz (CGPJ) gab es im letzten Jahr auf den Kanaren 1.426 Zwangsräumungen. Knapp 80 Prozent davon waren auf Mietrückstände zurückzuführen.
Die Wohnungskrise ist einer der Hauptgründe, warum es immer schwerer wird, der Armut zu entkommen. Fast 700.000 Menschen im Archipel sind von sozialer Ausgrenzung bedroht – das bedeutet, ihr monatliches Einkommen liegt unter 965 Euro. Das sind mehr als 30 Prozent der Bevölkerung, wie das Europäische Netzwerk zur Bekämpfung von Armut (EAPN) mitteilt.
Preise schießen in Rekordhöhen
Während die Gehälter stagnieren, steigen die Immobilienpreise unaufhörlich. Im Februar 2024 trat das Dekret der kanarischen Regierung mit Sofortmaßnahmen im Wohnungsbau in Kraft, mit dem der Wohnungsnotstand für den Archipel ausgerufen wurde. Doch seitdem sind die Preise auf den Inseln nur noch weiter gestiegen. Aktuell liegt der Quadratmeterpreis bei 2.234 Euro und damit auf einem neuen historischen Höchststand. Das entspricht einem Anstieg von 13,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.
Für die Organisatoren der Proteste ist das kein Zufall. Sie sind überzeugt: „Diese Realität ist nicht das Ergebnis einer natürlichen Marktentwicklung, sondern die direkte Folge von politischen Entscheidungen, die Spekulation und die Kommerzialisierung eines grundlegenden Rechts begünstigt haben.“
Zahl der Sozialwohnungen: Ein Armutszeugnis
Die Zahlen sind ernüchternd: Auf den Kanaren gibt es insgesamt rund 18.000 öffentliche Wohnungen – das sind weniger als zwei Prozent des gesamten Wohnungsbestands des Archipels, so die Organisation Provivienda. Dem gegenüber stehen jedoch 34.000 registrierte Bewerber für eine Sozialwohnung. Und in den letzten drei Jahren wurden nach Angaben des Kanarischen Wohnungsinstituts (ICAVI) gerade einmal 24 neue Wohnungen fertiggestellt. Ein Tropfen auf den heißen Stein.
Leerstand? Hunderttausende Wohnungen stehen leer
Leerstehende Häuser gibt es dagegen in Hülle und Fülle. Schätzungen zufolge stehen auf den Inseln rund 211.000 Wohnungen leer. Das ist etwa jede fünfte Immobilie. Die Zahl stammt aus der Volks- und Wohnungszählung 2021 des spanischen Statistikinstituts (INE). Die meisten dieser leerstehenden Wohnungen konzentrieren sich auf Touristenorte und die Hauptstädte – wobei Las Palmas de Gran Canaria die Gemeinde mit den meisten leerstehenden Wohnungen im gesamten Archipel ist.
Doch die kanarische Regierung hat in den letzten zehn Jahren gerade einmal eine einzige leerstehende Wohnung wieder dem Markt zugeführt. Das ICAVI bestätigte auf eine Anfrage des Transparenzportals, dass seit 2015 nur ein einziges unbewohntes Haus wieder vermittelt wurde – und zwar 2023 in Las Palmas de Gran Canaria im Rahmen des Wohnungsbauplans 2020-2025. Nun verspricht die Regierung, in den nächsten zwei Jahren immerhin 100 Wohnungen zu mobilisieren, doch das Budget dafür beträgt gerade einmal eine Million Euro.
Selbst die Immobilienbranche sieht Handlungsbedarf
Sogar der Verband der Immobilienberatungsunternehmen ist dafür, leerstehende Wohnungen zum Verkauf oder zur Vermietung anzubieten. Der Verband schätzt, dass die Kanaren mindestens 44.000 Wohnungen benötigen, um die aktuelle Nachfrage zu decken. Es würde schon ausreichen, ein Fünftel der geschlossenen Häuser zu mobilisieren.
In dieser angespannten Lage ist die Zahl der Hausbesetzungen auf dem Archipel im Jahr 2025 um mehr als zehn Prozent zurückgegangen, wie das spanische Innenministerium mitteilt. Im vergangenen Jahr wurden auf den Kanaren 596 Fälle von Hausfriedensbruch und illegalem Betreten von Wohnungen registriert – Hauptursache dafür waren erneut Mietrückstände.
Vielvermietende: Ein Geschäft mit der Not
Gleichzeitig gehören die Kanarischen Inseln zu den Regionen Spaniens, in denen Vermieter die meisten Immobilien besitzen. In Las Palmas de Gran Canaria und Santa Cruz de Tenerife ist die Konzentration von Multi-Vermietern am höchsten: Fast 65 Prozent der Vermieter besitzen zwei oder mehr Wohnungen zur Vermietung – ein höherer Anteil als in Madrid oder Barcelona. Im Archipel gibt es mehr als 50.500 Eigentümer mit über vier Immobilien. Fast 14.000 Eigentümer besitzen zwischen 11 und 25 Wohnungen, und knapp 3.000 haben mehr als 25 Objekte.
Die kanarische Bevölkerung sieht die Wohnungssuche als das Hauptproblem an, und 90 Prozent halten einen Wandel des Tourismusmodells für notwendig. Laut dem INE sind die Inseln nach Madrid und Barcelona die dritte Region Spaniens, in der die Wohnungssuche am erfolglosesten ist.
Ferienwohnungen: Regulierung verpufft
Das kanarische Gesetz zur Ferienvermietung hat die Krise ebenfalls nicht entschärft. Die Zahl der verfügbaren Ferienwohnungen ist zwar von 47.100 auf 42.300 gesunken. Das spanische Wohnungsministerium forderte die kanarische Regierung erst letzten Monat auf, die mehr als 14.200 illegalen Ferienwohnungen zu überprüfen und zu schließen, die das Grundbuchamt in diesem Jahr entdeckt hat. Damit sind die Kanaren die viertgrößte Region mit diesem Problem. Das Ministerium betonte: „Diese Wohnungen könnten dazu dienen, das Angebot an bezahlbarem Wohnraum auf den Kanaren zu erhöhen, anstatt Tausende von Kanaren aus ihren Vierteln, ihren Städten und letztlich von ihren Inseln zu vertreiben.“
13 Maßnahmen für den Notstand: Was die Bewegung fordert
Angesichts dieser Lage haben der Mieterverband von Teneriffa und die Plattform „Derecho al Techo“ auf Gran Canaria einen Wohnungsnotstandsplan ausgearbeitet. Dieser umfasst 13 dringende Maßnahmen, die sofort umgesetzt werden könnten, wie sie betonen: „Sie zielen darauf ab, direkt in den Wohnungsmarkt einzugreifen und die Gentrifizierung unserer Viertel zu stoppen.“
Die Kernforderungen im Überblick:
- Mietendeckel durchsetzen: Sofortige Ausweisung von angespannten Wohnungsmärkten und wirksame Begrenzung der Mietpreise. Die Regierung von Fernando Clavijo hat sich dem bisher beharrlich verweigert und sogar den Vorschlag abgelehnt, Las Palmas de Gran Canaria zum angespannten Gebiet zu erklären, mit der Begründung, es gebe auf den Kanaren „keine Großvermieter“.
- Unbefristete Mietverträge: Einführung von Mietverträgen ohne Befristung, um den Mietern langfristige Stabilität zu garantieren.
- Leerstand bekämpfen: Rückgewinnung leerstehender Wohnungen durch harte steuerliche Maßnahmen gegen Großvermieter wie Banken oder Heuschreckenfonds. Diese Immobilien sollen in Sozialwohnungen oder günstigen Wohnraum umgewandelt werden. Die Organisationen fordern eine Erhöhung der Grundsteuer (IBI) und eine steuerliche Bestrafung für das Leerhalten von Wohnungen – anstelle der aktuellen freiwilligen Anreize.
- Spekulation verbieten: Verbot des spekulativen Wohnungskaufs durch Investmentfonds, Unternehmen, Großkapital und Privatpersonen – unabhängig von deren Herkunft.
- Keine Werbung für digitale Nomaden: Abschaffung von institutionellen Kampagnen zur Anlockung digitaler Nomaden, da diese den Wohnungsmarkt zusätzlich unter Druck setzen und das Angebot an normalem Wohnraum verknappen.
- Boden unter öffentliche Kontrolle: Beendigung der Abgabe öffentlicher Grundstücke an private oder touristische Interessen.
- Nachhaltige Stadtplanung: Anpassung der Bauleitplanung an die tatsächliche Tragfähigkeit des Inselgebiets.
- Lokale Geschäfte schützen: Regulierung der Ansiedlung von Franchise-Unternehmen durch städtebauliche Instrumente, um den Einzelhandel in den Vierteln und die wirtschaftliche Vielfalt zu schützen.
- Sozialwohnungen für alle: Abschaffung von ausschließenden Kriterien beim Zugang zu Sozialwohnungen. Insbesondere sollen wirtschaftliche oder bürokratische Hürden beseitigt werden, die die am stärksten prekarisierten Bevölkerungsgruppen vom bezahlbaren Wohnraum ausschließen.
- Ferienwohnungen zurückverwandeln: Rückführung von Ferienwohnungen und Kurzzeitvermietungen in dauerhaften Wohnraum, inklusive eines sofortigen Stopps neuer Lizenzen für Ferienwohnungen.
- Öffentlichen Wohnungsbau ausbauen: Erweiterung des öffentlichen Wohnungsbestands durch die Integration von Immobilien der „Bad Bank“ SAREB und anderer öffentlicher Vermögenswerte, bei gleichzeitiger Sicherung vor einer späteren Privatisierung.
- Vorkaufsrecht für den Staat: Einführung eines Vorkaufs- und Rückkaufsrechts für die öffentliche Hand beim Kauf von Wohngebäuden. Zudem soll die Verpflichtung gelten, 50 Prozent jeder neuen Bau- oder großen Sanierungsmaßnahme für Sozialwohnungen oder bezahlbaren Wohnraum zu reservieren.
- Zwangsräumungen stoppen: Vollständige Aussetzung von Zwangsräumungen ohne garantierte Alternativunterkunft durch die öffentliche Hand. Außerdem sollen Unternehmen, die gewerbsmäßig Räumungen durchführen, illegalisiert werden, um außergerichtliche Vertreibungen zu beenden.
„Wohnung ist keine Ware“
Die Organisationen kritisieren scharf, dass der Zugang zu einer angemessenen Unterkunft zu einem der größten sozialen Probleme des Archipels geworden ist. Sie prangern an, dass das aktuelle Wirtschaftsmodell Wohnraum in einen Finanzwert verwandelt habe, „der der Spekulation mit Immobilien, den Investmentfonds und den Großvermieter dient.“ Ihr Schlussappell ist deutlich: „Wohnen darf nicht länger als eine Ware behandelt werden, die der Logik des privaten Profits unterworfen ist.“
Aufruf zum Protest
„Derecho al Techo“ und der Mieterverband von Teneriffa rufen daher zur Teilnahme an den Demonstrationen am kommenden 20., 26. und 27. Juni auf. Ziel ist es, eine Machtdemonstration zu schaffen, die einen neuen Zyklus im Kampf für das Recht auf Wohnen auf den Kanarischen Inseln einleiten kann.

