Verkehrswende auf den Kanaren: Weniger Autos, mehr Busse und Bahnen
Die Kanarischen Inseln wollen die Art und Weise, wie sich Menschen fortbewegen, von Grund auf ändern. Die neue „Ley de Movilidad Sostenible“ (Gesetz für nachhaltige Mobilität) zeichnet einen tiefgreifenden Wandel vor: weniger Privatautos, mehr öffentlicher Nahverkehr, neue Lösungen für schlecht angebundene Gebiete und ein „Mobilitätslabor“, um Lösungen vor Ort zu testen, bevor sie auf das gesamte Archipel ausgeweitet werden. María Fernández, die Generaldirektorin für Verkehr, plant, den Gesetzentwurf im Juli im Regionalparlament einzureichen.
Transport auf Abruf für abgelegene Gebiete
Das Gesetz ermöglicht unter anderem „Transport auf Abruf“ in Gebieten mit geringer Bevölkerungsdichte. Dieses Modell ist gedacht, um Stadtteile, Mittelgebirgslagen (Medianías) und abgelegene Siedlungen mit städtischen Zentren, Krankenhäusern, Schulen und Grundversorgung zu verbinden – immer dann, wenn reguläre Linien nicht ausreichen oder unwirtschaftlich sind. Für Fernández ist die Sache klar: In einem zersiedelten Gebiet mit schwieriger Topografie und starker Abhängigkeit vom Privatfahrzeug muss man innovativ sein, sonst kommt das System immer zu spät. „Dieses Gesetz ist das Ergebnis von zwei Jahren intensiver Bürgerbeteiligung. Wir haben einen Großteil der Vorschläge übernommen. Daher wurde der Entwurf von den Inselregierungen (Cabildos) und Gemeindeverwaltungen einstimmig gebilligt, nur Las Palmas de Gran Canaria enthielt sich“, so Fernández.
Das „Mobilitätslabor“: Erst testen, dann ausrollen
Die große politische und operative Neuheit ist die Schaffung des „Mobilitätslabors“. Diese spezielle Einrichtung soll Projekte studieren, erforschen, bekanntmachen und Pilotversuche vorantreiben, um den Verkehr nachhaltiger, barrierefreier und effizienter zu gestalten. Die Idee: zuerst testen, dann messen und korrigieren, bevor eine Lösung hochskaliert wird – von technologischen Lösungen bis hin zu neuen Modellen für intermodale Verbindungen oder geteilte Mobilität (Ridesharing).
Kampf gegen Emissionen und Staus
Der Gesetzentwurf benennt das Problem unverblümt: Der Verkehrssektor ist auf den Kanaren für den größten Anteil der Treibhausgasemissionen verantwortlich – bis zu 40%. Das Gesetz zielt darauf ab, diese Umweltbelastung zu reduzieren und gleichzeitig die Staus zu bekämpfen, die die Inseln, besonders die Ballungsräume, plagen. Daher priorisiert die Regelung die sogenannten „weichen“ Fortbewegungsarten (zu Fuß gehen, Radfahren), die Elektrifizierung, die Integration von Bussen („Guaguas“), Häfen und Flughäfen sowie eine verbindliche Planung. Gemeinden mit mehr als 20.000 Einwohnern müssen künftig verbindliche Mobilitätspläne vorlegen und können nicht mehr improvisieren.
Mobilität als Grundrecht
Die Philosophie des Textes ist eindeutig: Mobilität ist nicht länger nur eine Frage von Straßen und Verkehr, sondern wird zu einem Recht, das mit Lebensqualität, dem Zugang zu Dienstleistungen und territorialer Gleichheit verknüpft ist. Die Herausforderung besteht nicht mehr nur darin, von A nach B zu kommen, sondern dies auf saubere, effiziente und bezahlbare Weise zu tun.
Gemeindeübergreifende Planung wird Pflicht
Ein interessanter Fortschritt des künftigen Gesetzes ist der Ansatz, traditionelle Verwaltungsgrenzen zu überwinden. Auf den Kanaren halten sich viele tägliche Wege – zur Arbeit, zur Ausbildung oder zu Dienstleistungen – nicht an Gemeindegrenzen. Daher fördert die Regelung sogenannte nachhaltige städtische Mobilitätspläne auf übergemeindlicher oder regionaler Ebene. In der Praxis bedeutet das, dass sich mehrere Gemeinden koordinieren können – und in vielen Fällen müssen –, um gemeinsam Verkehr, Infrastruktur und Fußgängerbereiche zu organisieren. Dieser Ansatz entspricht der offensichtlichen Realität: Ballungsräume funktionieren als ein einziges System. Es nützt wenig, den Verkehr in einer Gemeinde zu verbessern, wenn die Nachbargemeinde strukturelle Probleme hat. „Oft haben die Gemeinden, vor allem die kleinen, nicht genug Personal oder die notwendige Struktur, um ihre Mobilitätspläne umzusetzen. Wir erleichtern es ihnen nun, sich innerhalb einer Region zusammenzuschließen“, erklärt Fernández.
Von der Straße zum zentralen Gestaltungselement
Das Gesetz legt fest, dass diese Pläne erstellt werden müssen, wenn eine relevante Wechselwirkung zwischen Gemeinden besteht – etwa zwischen Wohngebieten und Arbeitsstätten. Dies ermöglicht es, Kosten und bürokratische Doppelarbeit zu reduzieren, indem Ressourcen und Analysen geteilt werden. Es fördert eine integrierte Sicht auf das Gebiet, die mit den Inselplänen und der regionalen Strategie im Einklang steht. Mit anderen Worten: Mobilität hört auf, ein Nebenprodukt zu sein, und wird zu einem zentralen Element bei der Gestaltung von Städten.
Auch Sanktionen sind vorgesehen
Schließlich widmet das Gesetz, da kein System ohne Regeln und Konsequenzen bei Verstößen funktioniert, einen vollständigen Abschnitt dem Sanktionsregime. Dieses ist als Kontrollinstrument gedacht, aber auch zur Bewusstseinsbildung. Es soll nicht nur ein Strafmechanismus sein, sondern eine Kultur der verantwortungsvollen Mobilität fördern, in der die Einhaltung der Regeln dazu beiträgt, Staus zu reduzieren, die Verkehrssicherheit zu verbessern, die Umweltauswirkungen zu verringern und eine gerechte Nutzung des öffentlichen Raums zu gewährleisten.
Das künftige Gesetz, das die Regionalregierung („Consejo de Gobierno“) in Kürze billigen wird, beschränkt sich daher nicht darauf, den Verkehr zu verbessern. Es schlägt einen tieferen Wandel vor: Mobilität als kollektives Recht zu verstehen, das mit „Lebensqualität, Nachhaltigkeit und territorialem Zusammenhalt“ verbunden ist, schließt Generaldirektorin Fernández.

