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Justiz ermittelt gegen fünf Amtsträger wegen Abwasser-Skandal

Ermittlungen nach fast einjähriger Badesperre

Die Justiz ermittelt gegen fünf öffentliche Amtsträger wegen eines mutmaßlichen Umweltdelikts. Der Vorwurf: Verantwortung für die Einleitung von Fäkalabwasser an der Playa Jardín im Norden Teneriffas. Das Verfahren befindet sich in der Vorermittlungsphase beim Gericht Erster Instanz (Juzgado de Instancia número 2) in Puerto de la Cruz. Auslöser war eine Anzeige der Umweltstaatsanwaltschaft von Santa Cruz de Tenerife, nachdem das Baden an diesem Strand aufgrund extrem hoher Fäkalbakterien-Werte im Wasser fast ein Jahr lang offiziell untersagt war.

Wer steht im Fokus der Ermittlungen?

Bei den Beschuldigten handelt es sich laut Bestätigung des Oberlandesgerichts der Kanarischen Inseln (TSJC) um:
– Den ehemaligen Bürgermeister von Puerto de la Cruz, Marco Antonio González Mesa (PSOE).
– Den Stadtrat für Beschäftigung, Alberto Cabo (Asamblea Ciudadana Portuense).
– Den Geschäftsführer des Inselwasserrats von Teneriffa (Consejo Insular de Aguas de Tenerife, CIATF), Javier Dávara.
– Den aktuellen Stadtrat und Vizebürgermeister David Hernández (ACP).
– Die für Naturressourcen zuständige Inselrätin (Consejera del Medio Natural) des Cabildo (Inselregierung) und Vizepräsidentin des CIATF, Blanca Pérez (CC).

Wie aus Justizkreisen zu erfahren war, schließt das Gericht nicht aus, dass das Verfahren im Laufe der Ermittlungen für einige der Beschuldigten eingestellt werden könnte. In der letzten Verfügung vom 6. Februar wurde die Staatsanwaltschaft aufgefordert, sich zur möglichen Entlastung einzelner Beschuldigter zu äußern. Nicht auf der aktuellen Liste der Ermittelten steht der ehemalige Tourismusdezernent des Cabildo, Alberto Bernabé Teja (CC), gegen den die Anzeige ursprünglich ebenfalls erstattet worden war.

Ein Jahr mit gefährlich belastetem Wasser

Die Chronologie des Skandals: Am 21. Juni 2024 warnte der öffentliche Gesundheitsdienst in einem Bericht vor hohen Werten von E.coli und Enterokokken im Wasser der Playa Jardín und riet vom Baden ab. Erst am 3. Juli desselben Jahres folgte die offizielle Badewarnung der Gemeinde Puerto de la Cruz. Sie blieb bis Juni 2025 in Kraft – kurz vor den traditionellen Johannisfeuern (Hogueras de San Juan).

Trotz der Warnung waren in dieser Zeit weiterhin Badende am Strand zu sehen. Dabei zeigten Analysen vom 23. September 2024 an drei Messpunkten Werte von bis zu 1.000 bakteriellen Einheiten von E.coli pro Milliliter. Zum Vergleich: Für die Einstufung der Wasserqualität als „ausgezeichnet“ sind maximal 250 Einheiten erforderlich, für „ausreichend oder gut“ maximal 500.

Gesundheitsrisiken und systematische Mängel

In ihrer Anzeige, die dieser Redaktion vorliegt, warnt die Staatsanwaltschaft, dass die Exposition der Bevölkerung mit einer derart hohen fäkalen Verschmutzung das Risiko für durch Badewasser übertragene Krankheiten erhöht. Dazu zählen Atemwegserkrankungen, Durchfall, Erbrechen oder Meningitis.

Die Anklagebehörde stellt Puerto de la Cruz ein vernichtendes Zeugnis aus: Die Stadt habe „erhebliche Mängel im Kanalisationsnetz“ und „zahlreiche Wohnungen“, die nicht angeschlossen seien. Zudem erinnerte das Ministerium daran, dass der CIATF „regelmäßig“ Überwachungs- und Kontrollprogramme für die Einleitungen aus der Kläranlage Valle de La Orotava (EDAR) durchführen müsse, die über den Abwasserkanal (Emisario) von Punta Brava ins Meer geleitet werden.

Vorwürfe der jahrelangen Pflichtverletzung

Laut der Strafanzeige „liegen keine Nachweise“ vor, dass der CIATF die Ableitung kontrolliert, die Struktur des Unterwasser-Ableitungskanals unter Volllast inspiziert oder mindestens einmal monatlich Proben am Anfang des Kanals genommen habe. Seit einem Jahrzehnt habe der CIATF zudem keine Daten mehr zum Volumen des eingeleiteten Abwassers im Rahmen des verpflichtenden Überwachungsprogramms an die Vizeregierung für Umwelt der Kanarenregierung übermittelt. Dies stelle einen „Verstoß gegen die Auflagen der Einleitungsgenehmigung“ dar.

Mangelhafte Klärung und riskante Chlor-Behandlung

Die Anzeige bezieht sich auch auf Proben der Umweltschutzeinheit der Guardia Civil (Seprona), die eine mangelhafte Reinigungsleistung der Kläranlage belegten. Ein Probenahmeprotokoll vermerkte einen „intensiven Chlorgeruch“. Wie bereits berichtet, kamen in der Anlage chemische Reagenzien zur Desinfektion zum Einsatz: Natronlauge und Natriumhypochlorit (Chlorbleiche).

Dies geht aus einem offiziellen Dokument hervor, in dem das Unternehmen FCC Aqualia, zuständig für Wartung und Betrieb des Systems, eine Vertragsänderung mit dem CIATF beantragte. Grund sei, dass das Budget 2023 für unvorhergesehene Mehrkosten nicht ausreiche. Diesem Antrag stimmte am 21. November 2023 Blanca Pérez zu – eine der nun Beschuldigten. In dem Dokument wird eingeräumt, dass ein Riss in der Ableitung festgestellt wurde, der eine intensivierte Desinfektion des Abwassers erforderlich mache, um „die Auswirkungen zu mildern, bis die Reparatur durchgeführt wird“.

Die Staatsanwaltschaft bewertet den Einsatz von Chlor zur Behandlung von Abwasser als potenziell „riskant“, „vor allem, wenn das Abwasser keine ausreichende Behandlung zur Eliminierung von organischem Material und Schwebstoffen erhalten hat“. „Auch wenn es effektiv Bakterien und Viren abtöten kann, besteht auch das Risiko, dass es mit organischen Stoffen reagiert und Trihalomethane und Chloramine bildet, die schädlich für die menschliche Gesundheit und die Umwelt sind“, heißt es abschließend in der Anzeige.

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