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Ruhe oder Rock? Streit um Lärmschutz in Santa Cruz

Einatmen für die Stadt, Ausatmen für den Schlaf?

In Santa Cruz de Tenerife prallen zwei Grundrechte aufeinander: das Recht auf Ruhe und das Recht auf Kultur. Eine Anwohnerin hat nun offiziell Beschwerde gegen die neue städtische Verordnung eingelegt, die deutlich mehr und größere Konzerte in der Hauptstadt erlaubt – zu Lasten des Lärmschutzes.

Der Streitpunkt: Ein Dekret als Abkürzung?

Im Zentrum der Kontroverse steht ein Erlass, der am 8. Juli im Amtsblatt der Provinz veröffentlicht wurde. Statt eine völlig neue Verordnung für Großveranstaltungen auszuarbeiten, hat die Stadtverwaltung schlicht die bestehenden Regeln geändert und die Ausnahmegenehmigungen für Lärmspitzen erweitert. Für die klagende Anwohnerin ist das ein Unding: Ein Instrument, das eigentlich nur in absoluten Ausnahmefällen greifen soll, werde so zur Regel – und das ohne langwieriges Verfahren.

Weniger Technik, mehr Vertrauen?

Konkret bedeutet die Neuregelung: Konzerte mit mehr als 5.000 Besuchern oder solche auf großen Freiflächen müssen keine automatischen Sound-Begrenzer mehr einbauen. Diese Geräte senken die Lautstärke automatisch ab, sobald ein bestimmter Dezibel-Wert überschritten wird. Die Begründung der Stadtverwaltung? Die Künstler! Man argumentiert, dass diese Technik die Klangqualität beeinträchtigen und den Musikern auf der Bühne die akustische Wahrnehmung erschweren könnte. Die organisierenden Veranstalter sollen den Lärmpegel stattdessen manuell überwachen und ein spezielles Kontrollkonzept vorlegen.

Genau diese Abkehr von der Technik sorgt für Unverständnis bei der Klägerin. Es sei doch paradox, dass ausgerechnet die lautesten und größten Events mit den wenigsten automatischen Schutzmechanismen ausgestattet sein sollen. Statt auf erprobte Technik zu setzen, werde die Gesundheit der Anwohner in die Hände menschlicher Aufsicht gelegt, kritisiert sie.

Zwanzig Nächte Lärm pro Jahr?

Die neue Regelung erlaubt eine deutliche Ausweitung der Veranstaltungen: Im Dársena de Los Llanos, dem Hafenbecken, sind künftig bis zu zehn Megaevents pro Jahr möglich, im Stadion Heliodoro Rodríguez López ebenso viele. Maximal drei pro Quartal und Veranstaltungsort sind erlaubt. Und an Wochenenden oder vor Feiertagen dürfen die Partys jetzt bis zwei Uhr morgens dauern. Die Anwohnerin kritisiert, dass diese Grenzen ohne eine Studie zu den gesundheitlichen Auswirkungen des Dauerlärmpegels festgelegt wurden – und ohne Beteiligung der Öffentlichkeit. Das Problem sei nicht ein einzelnes lautes Konzert, sondern die ständige Wiederholung von Lärmattacken. Diese hätten konkrete Folgen für Schlaf und Gesundheit der Anwohner.

Der Fall sorgt bereits für Unmut

Die Klägerin ist keine Unbekannte: Bereits im Dezember 2025 hat sie während des XXXI. Weihnachtskonzerts der Hafenbehörde von Teneriffa einen Rekurs eingereicht. Auf diesen sowie auf ihre Einwände gegen den kommunalen Lärmaktionsplan, die sie im selben Monat vorgebracht hat, wartet sie bis heute auf eine Antwort. Auch der Nachbarschaftsverband „Los Llanos para Vivir“ hatte damals Beschwerde eingelegt. Die Stadtverwaltung beruhigt: Jeder Rekurs werde von den Technikern geprüft und selbstverständlich fristgerecht beantwortet.

Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte: Das Cook Music Fest

Frischen Wind in die Debatte brachte das Cook Music Fest Mitte Juli. Die Klägerin berichtet, dass die Bühne in diesem Jahr näher am Auditorio de Tenerife und Richtung Süden aufgebaut war – das schickte den Schall direkt auf die Wohnhäuser an der Uferpromenade, nur 600 Meter entfernt, ohne natürliche Schallschutzwand. Die Anwohner von bis zu 15 Nachbarschaftsgemeinschaften waren fassungslos und stellten Strafanzeige wegen Lärmbelästigung. Betroffen waren ganze Viertel wie El Chapatal, Los Gladiolos, Cabo Llanos und die Anaga-Allee. Viele Bewohner mussten tagelang bei geschlossenen Fenstern leben und sogar zu Ohrstöpseln greifen.

Mehr als nur ein Einzelfall

Für die Klägerin ist das Cook Music Fest der Beweis für den seit Monaten schwelenden Konflikt, den sie nun juristisch aufarbeitet. Sie fordert die komplette Annullierung des Dekrets. Die Aussetzung der Lärmgrenzen sei ein Werkzeug für echte Ausnahmesituationen – und nicht dafür, das kulturelle Programm einer ganzen Stadt langfristig zu organisieren. Sollte sie damit scheitern, hat sie Alternativen parat: Die Dársena de Los Llanos und das Stadion Heliodoro Rodríguez López dürften dann nicht mehr als wiederkehrende Lärmzonen eingestuft werden. Zudem sollen Bühnen und Sound-Türme nicht mehr im Bereich der Dársena in der Nähe des Auditorio de Tenerife aufgebaut werden dürfen, wo die Anwohner besonders leiden.

Eine Frage der Stadtentwicklung

Die Frist für weitere Einsprüche endet an diesem Samstag, dem 8. August. Danach muss die Stadt entscheiden: Geht sie den Weg, Santa Cruz in eine Konzert- und Festival-Hochburg zu verwandeln, oder überwiegt das Recht der Anwohner auf Ruhe? Die Debatte zeigt zwei grundverschiedene Visionen von Stadtentwicklung – und eine Lösung, die alle zufriedenstellt, scheint derzeit in weiter Ferne.

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