Eine Insel im Zwiespalt
Eine tiefe Kluft klafft auf Lanzarote zwischen den Behörden, die die Energiepolitik entwerfen, und den Menschen, die ihre Folgen zu spüren bekommen. Das offenbart eine wegweisende Studie, die die Fundación César Manrique (FCM) in Auftrag gegeben hat. Das Papier untersucht detailliert die Einführung der Windenergie auf der Insel. Erstellt wurde es von Forschern der Universität Santiago de Compostela (USC), und es zeigt einen bemerkenswerten gesellschaftlichen Konsens: Alle Sektoren der Insel sind sich in drei Punkten einig: Die ökologische Wende ist notwendig und unausweichlich, Lanzarote ist ein empfindlicher Raum, der eine an seine Eigenheiten angepasste Planung braucht, und die Entscheidungen über das Zukunftsmodell der Insel dürfen nicht hinter dem Rücken der Bevölkerung getroffen werden.
Forschung mit Basis
Die Forschungsgruppe für Bioökonomie, natürliche Ressourcen und ökologische Ökonomie der USC hat die Ergebnisse nun auf der Insel vorgestellt. Eineinhalb Jahre lang haben die Wissenschaftler mit Fischern, Landwirten, Wissenschaftlern, Umweltgruppen, Vereinen, der Handelskammer und Vertretern der öffentlichen Verwaltung gesprochen. Das Ergebnis dieser intensiven Arbeit: Das bisherige Modell auf Lanzarote – und auch im restlichen Archipel und auf dem spanischen Festland – ist ein neo-extraktivistisches. „Das heißt, wir wenden im Bereich der erneuerbaren Energien dasselbe an, was wir im fossilen Bereich angewendet haben“, betont Rosa María Regueiro Ferreira, die Koordinatorin des Autorenteams, im Gespräch mit dieser Zeitung.
Die besondere Verletzlichkeit Lanzarotes
Lanzarote weist eine Reihe von Besonderheiten auf. Es ist eine kleine Insel mit nur 845,9 Quadratkilometern Fläche, von der 41 Prozent unter Schutz stehen. Die Lebensmittelreserven reichen nur für wenige Tage. Die Landschaft ist als Weltkulturerbe anerkannt, und die Wirtschaft stützt sich im Wesentlichen auf Tourismus und Landwirtschaft. Deshalb, so die Studie, sind Entscheidungen darüber, wo und wie erneuerbare Energien installiert werden, „keine nebensächlichen technischen Entscheidungen“, sondern strategische Weichenstellungen für das Zukunftsmodell der Insel.
Ein Appell für mehr Demokratie
Für eine gerechte und effiziente Energiewende schlägt die Studie ein Modell der aktiven Bürgerbeteiligung vor. „Das bedeutet nicht nur, dass die Bürger das Recht haben, Einwände zu erheben, sondern dass sie am gesamten Prozess teilnehmen“, sagt Regueiro. Die Professorin für Angewandte Wirtschaftswissenschaften verweist auf Dänemark als Vorbild: Ein Land, das per Gesetz ein demokratisch fundiertes Modell verankert hat, in dem alle Akteure vertreten sind und niemand ausgeschlossen wird. „Man darf nicht vergessen, dass gesellschaftliche Beteiligung die gesellschaftliche Akzeptanz erhöht, lokalen Mehrwert schafft und den territorialen Zusammenhalt fördert“, erinnert die Studie.
ZAR: Beschleunigung um jeden Preis?
Die Vorstellung der Studie fällt in eine entscheidende Phase auf der Insel. Die kanarische Regionalregierung und die Inselregierung (Cabildo) von Lanzarote haben die sogenannten „Zonas de Aceleración de Renovables“ (ZAR) – also Beschleunigungszonen für erneuerbare Energien – verabschiedet, ein nicht unumstrittener Schritt. Die von der Umweltbehörde veröffentlichten Karten reservieren 3,75 Prozent der Inselfläche für Wind- und Solarparks an Land – obwohl zur Erreichung der Energieziele nur 0,23 Prozent nötig wären. Die Ablehnung in der Bevölkerung, die sich übergangen fühlte, zwang die Inselregierung zum Rückzieher. Sie bat die Regionalregierung, die ZAR auszusetzen.
Versäumnisse bei der Planung
Die Studie der FCM unterstreicht, dass bei der Abgrenzung der Beschleunigungszonen Faktoren wie die Landschaft oder die öffentliche Beteiligung nicht spezifisch berücksichtigt wurden – obwohl Transparenz und frühzeitige Bürgerbeteiligung zwei unverzichtbare Anforderungen sind, wie es das Königliche Dekret-Gesetz 7/2026 vom 20. März vorschreibt. Darüber hinaus sind 73,67 Prozent der für die ZAR reservierten Flächen landwirtschaftliche Schutzgebiete. Die Nutzung von ländlichem Boden für private Energieanlagen komme laut dem Bericht einer Hypothek auf die Zukunft der Insel als „minimal autarkes Territorium“ gleich. Dazu zähle auch Brachland, das nicht etwa nutzlos sei, sondern eine „strategische Reserve für den Tag, an dem die Not drängt“. Damiano Volpi, Umwelttechniker und Mitglied des Forschungsteams, schlägt als Alternative vor, die bestehenden Parks zu ertüchtigen – allerdings nur, wenn die möglichen Umweltauswirkungen dieser Option gründlich geprüft werden. Denn, so betont er, keine einzige Alternative habe eine Null-Auswirkung.
Das dänische Modell als Leitbild
Die Studie empfiehlt, sich am dänischen Modell zu orientieren und auf öffentliches Eigentum an erneuerbaren Energieanlagen zu setzen. Nur so lasse sich garantieren, dass die Gewinne auf der Insel und nicht nur bei multinationalen Konzernen landen. Derzeit verfügt Lanzarote über 40,7 Megawatt (MW) installierte Windkraftleistung, verteilt auf fünf Windparks mit insgesamt 24 Anlagen: zehn im Park Los Valles, zwei in Punta Grande, vier in Teguise I, vier in Arrecife und vier in San Bartolomé. In Spitzenzeiten kann die Windkraft bis zu 35 Prozent des gesamten Stromverbrauchs der Insel decken.
Windkraft auf See: Riesenräder vor der Küste
Bereits zeichnen sich zwei Offshore-Windenergieprojekte ab, die die Kraft des Windes auf dem Meer nutzen. Das erste, „Lanzarote Este“ genannt, besteht aus vier Anlagen und wird vom Unternehmen Ocean Winds vor dem Dorf Las Caletas vorangetrieben. Das zweite, getauft auf den Namen „Timanfaya“, wird von Capital Energy vorangetrieben und umfasst ebenfalls vier Windräder. Die Höhe dieser Türme beträgt 247 Meter – nur rund 70 Meter weniger als der Eiffelturm. Zum Vergleich: Die maximal bebaute Höhe in der Insellandschaft liegt bei 25 bis 55 Metern. Wie der Forscher Torcuato Teixeira Valoira, ein auf Fischereirecht spezialisierter Anwalt, erklärt, liegen beide Projekte aufgrund der Topographie und der Tiefe der Meeresböden der Kanaren weniger als zwei Kilometer von der Küste entfernt. „Das ist der kürzeste Abstand in der gesamten spanischen Meeresraumordnung“, so Teixeira.
Fischer fühlen sich übergangen
Die Fischer der Insel haben ihre Sorge über das auferlegte Modell und ihre Unsichtbarkeit bei den Entscheidungen an die Forscher herangetragen. Vor allem die Fischer im Norden der Insel fürchten, dass die geplanten Energieparks den Druck auf das Meeresreservat von La Graciosa erhöhen. „Es wurde eine Planung ohne Daten aus der Fischerei erstellt, das Modell ist also von Grund auf fehlerhaft“, so Teixeira. Für eine gerechte Energiewende fordert der Experte dringend Studien über die möglichen Auswirkungen der Offshore-Windparks auf den Meeresboden.
Wasser: Der vergessene Faktor
Wasser sei ein weiterer entscheidender Faktor in der Energieplanung Lanzarotes, erklärt Rosa María Regueiro. „Viele Leute haben uns auf die Strom- und Wasserabstellungen in den ländlichen Gebieten der Insel hingewiesen. Die Landwirte sagten uns: Wie sollen wir eine landwirtschaftliche Expansion vorantreiben, wenn uns diese grundlegende Ressource nicht garantiert ist?“, gibt die Forscherin die Bedenken wieder.
Der Bericht zeichnet ein aktuelles Bild des Wassersystems von Lanzarote. Das Hauptproblem sind die enormen Verluste des in den Entsalzungsanlagen produzierten Wassers. Mehr als 50 Prozent dieser Ressource gehen aufgrund von Netzdefiziten verloren, bevor sie die Haushalte erreicht. Das touristische Modell verstärkt den menschlichen Druck auf diese Ressource zusätzlich: Der Tourismussektor verbraucht 44,5 Prozent der gesamten Wassermenge, während die Landwirtschaft nur auf 4,1 Prozent kommt. Die Wasserförderung, -aufbereitung und -verteilung verbrauchte im Jahr 2024 13,72 Prozent der auf Lanzarote erzeugten Energie – weniger als die Haushalte (28,58 Prozent) und die Beherbergungsbetriebe (27,98 Prozent).
Weniger Verlust, weniger Energiebedarf
Die Studie legt nahe: „Die Verringerung der Wassermenge, die auf dem Weg verloren geht, würde es erlauben, den Energiebedarf zu senken, ohne ein einziges Windrad zu installieren.“ Bevor man landwirtschaftliche Flächen und die Landschaft opfere, so die Schlussfolgerung, gebe es eine „logische und rechtlich nachhaltige Prioritätenliste“. Dazu gehöre die Ertüchtigung der bestehenden Windparks und die vernünftige Installation von Photovoltaik auf Stadt- und Industriedächern, die Nutzung bereits degradierter Flächen sowie die Förderung lokaler Energie-Communities. In diesem Zusammenhang erinnern die Autoren an die EU-Richtlinie RED III, die vorschreibt, dass die ZAR degradierte Böden gegenüber produktiven Flächen bevorzugen müssen. Sie appellieren abschließend an ein partizipatives, öffentliches Entwicklungsmodell, das den Respekt vor dem Territorium und der Identität Lanzarotes in den Vordergrund stellt. „Die Nutzungsgewinne sollten in diesem Territorium bleiben“, schlagen sie vor.
Torcuato Teixeira fasst die Haltung der Forscher zusammen: „Natürlich stellt niemand den Kampf gegen den Klimawandel in Frage – weder auf Lanzarote noch woanders. Was aber sehr wohl in Frage gestellt werden muss, ist, ob dieser Kampf mit einem extraktivistischen Modell geführt werden muss oder mit einem Modell, das auf dem Respekt vor der Biodiversität, der Landschaft, den Ökosystemen und den primären Sektoren basiert, die von der Erde und dem Meer leben.“

