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Marokko auf dem Vormarsch: Neue Konkurrenz für die Kanaren?

Wettlauf um die Sonne: Marokko holt mächtig auf

Nur knapp 500 Kilometer von den Kanarischen Inseln entfernt wächst ein ernstzunehmender Rivale heran. Marokko hat sich zum Ziel gesetzt, eine ebenso starke Tourismusbranche aufzubauen wie der Archipel – und die ersten Schritte sind bereits eindrucksvoll. Die Zahl der Hotelbetten in Marokko ist im Jahr 2026 im Vergleich zum Vorjahr um 23,6 Prozent gestiegen. Bereits 2025 hatte das nordafrikanische Land die Kanaren bei den Touristenzahlen überholt: Fast 20 Millionen Besucher reisten nach Marokko, ein Plus von 14 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das Königreich hat seine Tourismusstrategie massiv beschleunigt und in den letzten Jahren kräftig in Schlüsselinfrastrukturen wie Flughäfen und Verkehrswege investiert. Dank günstigerer Preise in Hotels und Gastronomie wird das Land zunehmend zu einer attraktiven Alternative zu den kanarischen Küsten.

„Keine Bedrohung“: Kanaren setzen auf Stärken

Den kanarischen Unternehmerverbänden entgeht dieses Wachstum nicht – dennoch sehen sie darin derzeit keine unmittelbare Gefahr. „Ich bin nicht besonders besorgt. Es ist logisch, dass andere versuchen, ihr Tourismusmodell zu entwickeln“, erklärt Pedro Alfonso, Präsident des Arbeitgeberverbandes CEOE von Teneriffa. Entscheidend sei vielmehr zu verstehen: „Je größer die Konkurrenz, desto mehr müssen wir unsere Fähigkeit steigern, effizient und wettbewerbsfähig zu sein.“ Ähnlich äußert sich Pedro Ortega, Präsident der Kanarischen Unternehmervereinigung (CCE). Er warnt: „Der Junge wird erwachsen.“ Deshalb müsse man „die Dinge richtig machen“, um den aktuellen Vorsprung der Kanaren nicht zu verspielen. Beide Verbände betonen, dass die Inseln über Stärken verfügen, die „nur sehr schwer zu kopieren“ seien. „Wir sind Europa, wir bieten Rechtssicherheit, Erfahrung, hervorragende Anbindung, erstklassige Flug- und Hafeninfrastruktur, eine sehr gefestigte Hotellandschaft und ein extrem vielfältiges touristisches Angebot“, zählt Alfonso auf.

Rekordzahlen und Jahrzehnte der Erfahrung

Das kanarische Modell steht auf einem soliden Fundament: vier Jahrzehnte Erfahrung und historische Bestwerte. Der Archipel schloss das erste Quartal 2026 mit Rekorden bei der Zahl ausländischer Reisender und der Tourismuseinnahmen ab. 1,5 Millionen internationale Touristen kamen und gaben insgesamt 2.478,87 Millionen Euro aus. „Es gibt Destinationen, die mit aggressiven Preisstrategien einsteigen können, aber das dauerhaft durchzuhalten, ist komplex. Echte Wettbewerbsfähigkeit hängt nicht nur davon ab, billig zu sein, sondern Vertrauen, Qualität und Kundenbindung zu schaffen“, so Alfonso.

Keine Sorge vor Ryanair & Co. – aber vor den Gebühren

Jorge Marichal, Präsident des Hotelverbandes von Santa Cruz de Teneriffa (Ashotel), unterschätzt die Fortschritte Marokkos nicht, vertraut aber auf den Erfolg des kanarischen Modells. „Wir müssen uns auf uns selbst konzentrieren, auf die Verbesserung unserer Infrastruktur, unserer Dienstleistungen und unserer Fähigkeiten. Wir sollten beobachten, was dort passiert, aber uns stets vor Augen halten, dass wir einen 40-jährigen Vorsprung haben“, stellt er klar. Der zugleich amtierende Präsident des spanischen Hotel- und Tourismusverbandes (Cehat) weiß, dass Erfolg nicht allein durch den Ausbau der Hotelkapazitäten entsteht. „Man braucht qualifiziertes Personal, gutes Management, touristische Erlebnisse rund um die Hotels und noch vieles mehr“, betont er.

Was die Unternehmer jedoch umtreibt, sind die steigenden Gebühren – sowohl die von Aena angekündigten Flughafengebühren als auch die EU-weite Abgabe auf CO₂-Emissionen, von der die Kanaren allerdings noch bis 2030 befreit sind. Unternehmen wie Ryanair haben bereits angekündigt, ihr Angebot auf den Inseln zu kürzen oder zu streichen, weil die Kosten steigen, und stattdessen ihre Kapazitäten in Ländern wie Marokko auszubauen, die sie für „wettbewerbsfähiger“ halten. „Die Verwaltungen haben die Chance, einem äußersten Randgebiet, das zu Europa gehört, zu helfen und es zu fördern“, fordert Ortega. Die Schuld, so José María Mañaricua, Präsident des Unternehmerverbandes für Gastgewerbe und Tourismus von Las Palmas, liege jedoch bei der EU selbst. „Sie müssen verstehen, dass man auf die Kanaren nur mit dem Flugzeug kommen kann – es gibt keine Alternative. Wir dürfen uns nicht mit diesen Gebühren ins eigene Knie schießen“, kritisiert er.

Mañaricua ist überzeugt, dass der Erfolg des Tourismussektors in den Händen der Kanarier selbst liegt. „Wir sind die Herren unseres Schicksals und müssen nicht ständig darauf achten, was der Nachbar tut. Konkurrenz hatten wir schon immer“, stellt er klar. Darüber hinaus sieht er die Entwicklung Marokkos sogar als positiv für den Archipel. „Es ist gut, dass unsere Nachbarn ihr Bruttoinlandsprodukt und Pro-Kopf-Einkommen steigern. Das bremst die Krisen in der Region und damit auch die massiven Migrationsbewegungen, die letztlich die Kanaren betreffen“, erklärt er. Der Präsident von Ashotel wiederum winkt angesichts der Drohungen von Fluggesellschaften wie Ryanair ab, Sitzplatzkapazitäten zu streichen. „Fluggesellschaften fliegen dorthin, wo die Menschen hinwollen. Wir müssen uns weiterhin darauf konzentrieren, dass die Menschen kommen wollen, und dann werden wir auch jemanden finden, der sie herbringt“, ist Marichal überzeugt.

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