Ein architektonisches Wunder in La Laguna
Auf den ersten Blick wirkt das Gebäude wie alles andere, nur nicht wie eine katholische Kirche. Im Stadtteil Las Chumberas im Südosten von San Cristóbal de La Laguna auf Teneriffa steht ein Bauwerk, das Betrachter in Staunen und Verwirrung versetzt. Doch genau hier befindet sich eine der außergewöhnlichsten Kirchen der Welt, die nun auch auf architektonischer Ebene internationale Anerkennung erfahren hat. Die Parroquia del Santísimo Redentor (Pfarrkirche des Allerheiligsten Erlösers) besticht durch ihre einzigartige Form und unkonventionelle Silhouette – ein Design, das ihr beim World Architecture Festival (WAF) weltweites Lob einbrachte und sie radikal von allen anderen religiösen Bauten der Insel unterscheidet.
Brutalismus inspiriert von Vulkanen
Fernab von prunkvollen Barockbasiliken, imposanten gotischen Kathedralen oder eleganten neoklassizistischen Kirchen erhebt sich dieser singuläre Bau, der gleichermaßen fasziniert und verblüfft. Geschaffen im brutalistischen Stil vom kanarischen Architekten Fernando Menis, ist die Iglesia del Santísimo Redentor de las Chumberas dazu bestimmt, einzigartig auf der Welt zu sein. Das im Jahr 2021 auf einem Platz im Viertel fertiggestellte Ensemble umfasst ein bereits 2008 eingeweihtes Pfarrzentrum und einen Gebetsraum, der sich fundamental von allen anderen Kirchen Teneriffas unterscheidet.
Die Konstruktion ist vollständig aus Beton und Stein gefertigt, um ihr, so der Architekt, „eine Inspiration aus der vulkanischen Geologie der sie beherbergenden Insel“ zu verleihen. Das Gebäude scheint aus dem Boden zu wachsen, „als hebe es sich von gewaltigen, beweglichen Felsen ab“. Besonders ist auch, dass für den Bau eigens vor Ort hergestellter Beton und Steine verwendet wurden, die dem Boden der Insel entnommen wurden.
Ein Gemeinschaftsprojekt wird Wirklichkeit
Nach fünfzehn Jahren Bauzeit und mehreren Projektphasen konnte die Pfarrkirche dank der Spenden von Bewohnern aus Las Chumberas, privaten Förderern und der Diócesis Nivariense (Bistum Teneriffa) eröffnet werden. Das Ergebnis ist ein Komplex aus vier eigenständigen Steinvolumen, entworfen aus Sichtbeton und Stein, die an vulkanische Felsen erinnern. Zwischen ihnen öffnen sich schmale, strukturelle Risse, geschützt durch Glas und Metall, durch die natürliches Licht einfällt.
Dieses Licht verleiht dem Inneren Bedeutung: Bei Sonnenaufgang erleuchtet ein Strahl das Kreuz hinter dem Altar; zur Mittagszeit badet es das Taufbecken, und später projiziert es sich auf die Kirchenbänke oder den Beichtstuhl. Die massiven Betonwände und ihre thermische Trägheit isolieren das Gebäude, während das akustische Design – eine Kombination aus konventionellem Beton und porösem Vulkangestein – Räume mit einer bemerkenswerten Klangqualität schafft, ideal für Messen, Gebete, die Lesung des Evangeliums und Chorgesang. Die Kirche verfügt zudem über ein Kolumbarium, in dem die Bewohner von Las Chumberas die Asche verstorbener Angehöriger beisetzen können.
Mehr als ein Gotteshaus: Ein Motor für Veränderung
Dank der Zusammenarbeit aller Beteiligten realisierte Fernando Menis ein Projekt, das nicht nur ein religiöser Raum ist, sondern auch als Motor des Wandels in einem traditionellen Viertel mit einfachen Bewohnern fungiert. Mit Unterstützung des Bistums Teneriffa wurde die Kirche als ein „Ort gedacht, wo es keinen gab“ – ein Identifikationspunkt für eine historisch fragmentierte Gemeinschaft.
Laut der Jury des WAF 2025 ist die Kirche ein herausragendes Beispiel für Gemeinschaftsarchitektur. Sie hob hervor, dass der Komplex „einen vitalen Versammlungsraum für die Nachbarn schafft“, indem er sowohl den Tempel als auch ein Sozialzentrum und einen öffentlichen Platz umfasst. Die Organisation würdigte seine Fähigkeit, als Katalysator für Veränderungen in einer fragmentierten städtischen Umgebung zu wirken. Die Experten betonten zudem die Inspiration durch die Vulkanlandschaft, die Ausdruckskraft der Formen und die Transparenz, die das natürliche Licht schafft und „intime und spirituelle Räume erzeugt, ohne überflüssige Elemente hinzuzufügen“. Das „massive, doch in den Rissen delikate“ Strukturdesign sowie der Einsatz von Beton für Struktur, Textur und Akustik waren weitere Stärken, die von den Gutachtern hervorgehoben wurden.
Eine wachsende Sammlung von Preisen
Diese Auszeichnung des WAF reiht sich in eine Serie bereits erhaltener Anerkennungen für Menis‘ Kirche ein:
- International Award for Religious Art and Architecture Faith & Form (Honor Award)
- Internationaler Frate Sole Preis für Sakralarchitektur 2024 (oft als „Oscar“ der religiösen Architektur bezeichnet)
- ADF Design Excellence Award 2025 (verliehen von der Aoyama Design Forum Foundation, Japan)
Jenseits ihres architektonischen Werts ist die Iglesia del Santísimo Redentor ein Zeugnis gemeinschaftlicher Anstrengung. Die Spenden von Nachbarn, Gemeindemitgliedern und lokalen Unternehmern haben es möglich gemacht, dass dieser Bau nicht nur ein Tempel, sondern ein Ort des sozialen und religiösen Zusammenhalts geworden ist.

