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Okkupierte Wohnungen: Der umstrittene Immobilien-Trend auf den Kanaren

Günstige Immobilien mit Hindernissen: Der Markt für okkupierte Wohnungen boomt

In der akuten Wohnungskrise auf den Kanarischen Inseln eröffnen sich ungewöhnliche Wege zum Immobilienkauf: Der Handel mit okkupierten – also besetzten – Wohnungen erlebt einen regelrechten Boom. Angesichts eines extremen Ungleichgewichts zwischen Angebot und Nachfrage und stetig steigenden Preisen werden diese „Häuser ohne Besitz“, wie sie der Immobilienportal Idealista nennt, zu einer scheinbar günstigeren Alternative. Die Rabatte können bis zu 60% unter dem Marktpreis liegen. Laut einem aktuellen Bericht von Idealista stehen derzeit 603 okkupierte Wohnungen auf dem Archipel zum Verkauf. Das entspricht 3% aller in Spanien angebotenen besetzten Immobilien.

Preiswerter Einstieg mit hohem Risiko

„Es gibt wenig verfügbaren Wohnraum, und Banken sowie Fonds verkaufen okkupierte Immobilien mit großen Rabatten, um lange Gerichtsverfahren zu vermeiden“, erklärt Isidro Martín, Delegierter der Asociación Profesional de Expertos Inmobiliarios (APEI) auf den Kanaren. Dieser Trend spiegelt sich in den Zahlen wider: Während die Provinz Las Palmas (zu der Gran Canaria, Lanzarote und Fuerteventura gehören) zwischen Oktober und Dezember 2024 noch 322 solcher Objekte zählte, waren es ein Jahr später bereits 348 – ein Plus von 8,1%. In der Provinz Santa Cruz de Tenerife (mit Teneriffa, La Palma, La Gomera und El Hierro) stieg die Zahl im gleichen Zeitraum von 197 auf 255, ein dramatischer Anstieg um 29,4%.

Wer kauft besetzte Immobilien?

Die Hauptklientel sind nach Angaben von Samuel Romero, Geschäftsführer des auf diesen Handel spezialisierten Unternehmens Pisokupa, in erster Linie „kleine Investoren“. Da weder potenzielle Käufer noch Gutachter die Wohnung vor dem Kauf betreten können, um ihren Wert zu bestimmen, ist eine normale Hypothekenfinanzierung meist unmöglich. Folglich müssen Käufer über ausreichend Eigenkapital verfügen, um bar zu zahlen. „Vor Jahren konnten das nur große Fonds kaufen, heute können auch Privatpersonen okkupierte Wohnungen erwerben, wenn sie das Risiko und die damit verbundenen Kosten tragen“, ergänzt Isidro Martín, der auch Sekretär des Vorstands der Baugewerbevereinigung Fepeco in Santa Cruz de Tenerife ist.

Der Reiz: Extreme Preisnachlässe

Der Anreiz ist finanzieller Natur. Liegt der durchschnittliche Quadratmeterpreis auf den Kanaren laut Idealista bei etwa 3.150 Euro, so kann eine okkupierte Wohnung laut Romero „zwischen 30% und 60% darunter“ kosten. Der genaue Preis hängt von Lage, Zustand und der rechtlichen Situation ab. Die Tatsache, dass keine Vorab-Besichtigung möglich ist, drückt den Preis zusätzlich. Ein Blick auf die Angebote von Pisokupa zeigt: Immobilien für 50.000 oder 100.000 Euro sind hier zu finden – ein Schnäppchen in einem ansonsten unerschwinglichen Markt.

Die Kehrseite: Langwierige und teure Räumungen

Der attraktive Preis hat seinen Preis: ein enormes Risiko. Die Räumung einer besetzten Wohnung ist ein langwieriger und kostspieliger Prozess. „Die Verfahren dauern länger, wenn man bedenkt, dass die Gerichte überlastet sind“, so Isidro Martín. Ein Objekt, das in drei bis sechs Monaten zurückerlangt werden könnte, „kann praktisch drei bis vier Jahre dauern“, bis es endgültig übergeben wird. Der Käufer muss das Risiko tragen, ob er mit den Besetzern verhandeln kann, diese herausbekommt und in welchem Zustand er die Immobilie letztendlich vorfindet. Es gibt auch Fälle, in denen Besetzer gegen eine Entschädigung oder eine alternative Unterkunft freiwillig ausziehen.

Eine Innenansicht: Kritik am Geschäft mit der Not

Patricia, die selbst etwa einen Monat lang ein besetztes Haus im Stadtteil La Isleta in Las Palmas de Gran Canaria bewohnte, übt scharfe Kritik an diesem Geschäftsmodell. Die junge Frau, die damals auf der Durchreise war, sagt: „Es gibt Leute, die einfach in Häusern leben, weil sie die Miete nicht bezahlen können. Sich das zunutze zu machen, um Geld zu verdienen, finde ich ziemlich schlecht.“ Ihrer Meinung nach wird Wohnraum so auf Kosten vulnerabler Menschen zum reinen Finanzasset. „Es ist großartig, wenn jemand sein Geschäft machen will, aber es auf Kosten von Leuten zu tun, die aus ihrem Zuhause geworfen werden, stößt mir ziemlich sauer auf.“

Fazit: Ein lukratives, aber ethisch fragwürdiges Geschäftsfeld

Der Markt für okkupierte Immobilien auf den Kanaren wächst und bietet scheinbar eine Lösung für die Wohnungskrise – zumindest für zahlungskräftige Investoren. Während Banken und Fonds sich so teurer und langwieriger Räumungsprozesse entledigen, können Käufer mit viel Eigenkapital und Risikobereitschaft potenziell hohe Renditen erzielen. Für die eigentlichen Bewohner dieser Wohnungen und aus sozialer Perspektive bleibt das Geschäft jedoch höchst umstritten und wirft die Frage auf, wie eine Gesellschaft mit Wohnraum und Obdachlosigkeit umgehen sollte.

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