energiegemeinschaften boomen auf teneriffa

Energiegemeinschaften boomen auf Teneriffa

Energiegemeinschaften im Aufwind

Energiegemeinschaften erleben auf Teneriffa derzeit einen regelrechten Boom. Die Möglichkeit, die Stromrechnung deutlich zu senken, gepaart mit einem wachsenden Umweltbewusstsein, treibt diese Initiativen voran. Die von der Inselbehörde Teneriffas (Cabildo) betriebene „Oficina de Transición Energética“ (OTE) hat eine Karte veröffentlicht, die zehn bereits gegründete und vier in Gründung befindliche Gemeinschaften aufführt. Darüber hinaus arbeitet die OTE laut Cabildo an der Weiterentwicklung von 20 weiteren Projekten, die sich in verschiedenen Entwicklungsphasen befinden.

Was ist eine Energiegemeinschaft?

Genau wie es keine einheitliche Formel für eine Energiegemeinschaft gibt, existiert auch keine starre Definition. Im Kern handelt es sich um Zusammenschlüsse von Bürgern, kleinen und mittleren Unternehmen und manchmal auch lokalen öffentlichen Verwaltungen, die gemeinsam erneuerbare Energie produzieren und verbrauchen. Das Ziel ist, wirtschaftliche, soziale und ökologische Vorteile zu erzielen. Juristisch organisieren sie sich daher meist als gemeinnützige Vereine oder Genossenschaften. Die auf Teneriffa verbreitetste Form ist der kollektive Eigenverbrauch mit Photovoltaikanlagen auf Dächern – sei es von Industriegebäuden, kommunalen Einrichtungen oder Wohnhäusern. Der erzeugte Strom wird ins Netz eingespeist und über digitale Zähler automatisch unter den Mitgliedern aufgeteilt. Die entsprechende Gutschrift erscheint später auf der Stromrechnung jedes Einzelnen.

Eine Win-Win-Situation für alle

„Ich glaube, hier gewinnt jeder: die Umwelt, weil Emissionen reduziert werden, und die Menschen, weil die Stromrechnung sinkt und sie durch den Einsatz erneuerbarer Energien zur Verbesserung des Planeten beitragen“, erläutert Pedro Millán, der Inseldirektor für Natur und Umwelt des Cabildo von Teneriffa. „Unsere Aufgabe ist es, den gesamten Prozess zu erleichtern und die Werkzeuge bereitzustellen“, fügt er über die Rolle der öffentlichen Verwaltung hinzu. Erste Erfahrungen mit Energiegemeinschaften gibt es bereits in Gemeinden wie Tacoronte, Puerto de la Cruz, La Orotava, Buenavista del Norte oder Santa Cruz de Tenerife.

Leuchtturmprojekt „El Rosario Solar“

Ein besonderes Beispiel ist die „Comunidad Energética El Rosario Solar“. Dieser gemeinnützige Verein wurde 2020 angestoßen, 2022 offiziell registriert und zählt heute über 200 Mitglieder – Anwohner, kleine Unternehmen und die Gemeindeverwaltung von El Rosario. Der Plan sieht bis zu fünf Megawatt Photovoltaik-Leistung und drei Megawattstunden Batteriespeicher vor, verteilt auf drei Standorte in der Gemeinde. Die am weitesten fortgeschrittene Phase befindet sich im Industriegebiet La Campana, das bereits Energie produziert und Unternehmen sowie Anwohner innerhalb eines festgelegten Radius von zwei Kilometern versorgt. Fidel Vázquez, Stadtrat für ökologischen Wandel in El Rosario, präzisiert, dass 75% bis 80% der Mitglieder Privatpersonen sind. Je nach vertraglicher Leistung liege die durchschnittliche Investition eines Haushalts bei etwa 3.000 Euro. Die Amortisationszeit schätzt er auf etwa anderthalb bis zwei Jahre, „dank der Energieeinsparungen und der öffentlichen Fördergelder“. Danach bedeutet der über die Lebensdauer der Anlage – etwa 25 Jahre – erzeugte Strom einen direkten Gewinn für die Mitglieder.

Gemeinnützigkeit und lokale Kontrolle als Kern

Der wachsende Begriff „Energiegemeinschaft“ hat auch eine Debatte über seine Verwendung eröffnet. Es gibt Stimmen wie die von Stadtrat Vázquez, die zwischen gemeinnützigen Vereinen und anderen kommerziellen Modellen des geteilten Eigenverbrauchs unterscheiden. „Eine lokale Energiegemeinschaft oder ein -system muss gemeinnützig sein und die Energieeinsparung in den Vordergrund stellen“, betont er. Ein weiteres Merkmal sei, dass die Kontrolle in den Händen der Mitglieder bleibe. Üblicherweise hat jedes Mitglied unabhängig von seiner finanziellen Beteiligung eine Stimme in der Versammlung.

Innovationsmodell im Süden: Adeje Verde

Ein weiteres Beispiel für diese Initiativen findet sich im Süden der Insel. Das unter der Marke „Adeje Verde“ vorangetriebene Modell entstand als Innovationsprojekt zwischen der Gemeindeverwaltung von Adeje und der Universität La Laguna (ULL). In diesem Fall hat die Energiegemeinschaft die Form eines Vereins angenommen, während das technische und administrative Management über ein „Spin-off“ – also ein aus der akademischen Institution heraus gegründetes unabhängiges Unternehmen – abgewickelt wird. Der Professor für Angewandte Physik der ULL und Direktor des Masterstudiengangs für Erneuerbare Energien, Ricardo Guerrero, ist für die strategische Leitung von Adeje Verde verantwortlich. Guerrero erklärt, dass derzeit Anlagen auf kommunalen Gebäuden, in Wohnungseigentümergemeinschaften und Hotelbetrieben in Betrieb sind. Ein Beispiel ist die auf dem Dach der städtischen Musikschule installierte Photovoltaikanlage, die mehr als hundert Anwohner und kommunale Einrichtungen mit Strom versorgt. Das Modell kombiniert öffentliche und private Dachflächen, wobei das Projektteam priorisiert, private Dächer zu nutzen, um administrative Konflikte zu vermeiden.

Die Rolle der Beratungsstelle OTE

Eine der größten Hürden entsteht, wenn Informationen fehlen oder die behördlichen Abläufe zu komplex erscheinen. Genau hier setzt die vom Cabildo eingerichtete „Oficina de Transición Energética“ (OTE) an. Ihr ultimatives Ziel ist es, „die Energiewende auf der Insel zu fördern und voranzutreiben, indem sie Bürger, Unternehmen und öffentliche Verwaltungen unterstützt“. Zu ihren Hauptdienstleistungen gehören persönliche Beratung zu erneuerbaren Energien, nachhaltiger Mobilität und Energieeffizienz. Laut den vom Cabildo bereitgestellten Daten konzentriert sich die OTE auf vier grundlegende Achsen: technische und administrative Begleitung, Hilfe bei der Projektfinanzierung, die Definition geordneter Schritte zur Steigerung der Zahl der Energiegemeinschaften sowie offene und kostenlose Schulungen für die Bürger. Dies sind wesentliche Aspekte, um die Nachhaltigkeitsziele weiter zu verfolgen.

Eine nachhaltige Vision für die Insel

Pedro Millán, Geograf und begeisterter Bergwanderer, verteidigt diese Initiativen überzeugt. „Hier geht es darum, bereits bestehende Dachflächen und anthropogen veränderte Flächen zu nutzen, nicht darum, große Photovoltaik-Anlagen zu bauen, die von großen Unternehmen oder Investmentfonds entwickelt werden“, so seine Überzeugung. „Für das Cabildo sind genau diese Art von dezentralen Installationen interessant.“ Millán betont die generierten Umwelt- und Sozialvorteile sowie den vermiedenen Flächenverbrauch, der bei anderen großen Solar- oder Windparks entsteht. „Unser grundsätzlicher Ansatz ist es, das bereits Vorhandene und Bebaute zu nutzen, um es aus energetischer Sicht rentabel zu machen und die Emissionen in die Atmosphäre zu reduzieren. Das ist grundlegend, wenn wir unsere Verpflichtungen im Kampf gegen den Klimawandel erfüllen wollen“, schließt er.

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