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Wohnungskrise in Teneriffa: Fast 3000 Menschen haben kein Dach über dem Kopf

Die alarmierende Bilanz

Arbeit schützt nicht länger vor Obdachlosigkeit. Die anhaltende Wohnungskrise auf Teneriffa hat die Zahl der Menschen in extremer Wohnungsnot drastisch in die Höhe getrieben. Rund 2.853 Menschen sind derzeit auf der Insel von dieser Form der sozialen Ausgrenzung betroffen. Sie kämpfen ums Überleben – notdürftig untergebracht in öffentlichen Unterkünften, umgebauten Fahrzeugen, heruntergekommenen Behelfsbauten oder buchstäblich unter freiem Himmel.

Das geht aus dem Bericht über extreme Wohnungslosigkeit hervor, den die Diözesan-Caritas Teneriffa in Zusammenarbeit mit dem Sozialressort der Inselregierung (Cabildo de Tenerife) erstellt hat.

Neue Armut betrifft auch die Mittelschicht

Die Untersuchung zeigt, dass dieses Phänomen keineswegs nur Langzeit-Obdachlose betrifft. Vielmehr geraten zunehmend Menschen und Familien in Not, die bis vor Kurzem noch ein relativ stabiles Leben führten und deren Situation sich dann unerwartet dramatisch veränderte. Und dennoch: Die große Mehrheit der Betroffenen lebt im Freien. Fast die Hälfte, genau 47,7 Prozent, hält sich die meiste Zeit über auf öffentlichen Plätzen und im Freien auf. Im besten Fall haben sie die Möglichkeit, in einer Notunterkunft oder einem Nachtasyl zu schlafen.

Jeder Vierte haust in Elendsquartieren

Die zweitgrößte Gruppe bilden Menschen, die in provisorischen oder nicht konventionellen Unterkünften leben – seien es ungeeignete Behausungen oder extrem überfüllte Verhältnisse. Tatsächlich haust jeder Vierte der von extremer Wohnungslosigkeit Betroffenen, also 25,5 Prozent, in selbstgebauten Hütten, Garagen, Zelten, Wohnwagen, Autos, auf unfertigen Baustellen oder in Geräteschuppen. Allesamt Behelfslösungen, die nicht einmal ansatzweise den Mindestanforderungen an menschenwürdiges Wohnen genügen.

„Auch wenn die Gesamtzahlen im Vergleich zum Vorjahr relativ stabil geblieben sind – dank der Aufmerksamkeit und den Hilfsangeboten der Einrichtungen –, wissen wir, dass sich auf der Insel völlig neue Realitäten in Bezug auf informelle Siedlungen entwickeln“, erklärte José Antonio Díez, Fachkraft für Wohnen und soziale Integration bei der Caritas und Koordinator der Studie, bei der Vorstellung des Berichts. „Der Zugang zu diesen Orten ist weitaus schwieriger als bei Menschen, die auf der Straße leben. Denn obwohl es sich um völlig unzureichende Unterkünfte handelt, betrachten die Bewohner sie als ihr Zuhause, und diese sind verschlossen“, so Díez. Die Vorgehensweise gleiche daher der Intervention bei einem richtigen Gebäude: „Das erfordert deutlich mehr Zeit und eine andere Arbeitsmethodik.“

Der Trend zum Wohnmobil – ein zweischneidiges Schwert

In den letzten Jahren haben Díez und sein Team einen deutlichen Anstieg bei Menschen festgestellt, die auf Wohnwagen oder umgebaute Fahrzeuge als dauerhaften Wohnsitz zurückgreifen. Allerdings müsse man hier genau differenzieren, warnt der Experte. „Es gibt Siedlungen mit Fahrzeugen, deren Bewohner einfach keine andere Wahl haben und ohne Hilfe nicht aus dieser Ausgrenzung herauskommen“, erläuterte er. „Doch es gibt auch Menschen, die aufgrund der Probleme auf dem Wohnungsmarkt bewusst einen Wohnwagen oder Camper kaufen, weil sie lieber die Raten für das Fahrzeug bezahlen als eine Miete – selbst wenn sie über ein regelmäßiges Einkommen verfügen und nicht zu den stark gefährdeten Gruppen gehören“, fügte er hinzu.

Díez ist sich bewusst, dass es sich hier um ein ernstzunehmendes gesellschaftliches Problem handelt. Dennoch zählen die letztgenannten Profile (noch) nicht zu den Hilfsbedürftigen der Sozialdienste. „Sollte sich diese Situation jedoch verfestigen und mangels Alternativen chronisch werden, könnte auch dies mittel- bis langfristig in extremer Wohnungslosigkeit enden.“ Der entscheidende Unterschied zwischen den beiden Gruppen liege nämlich nicht allein im Fehlen einer Unterkunft. „Wir müssen verstehen, dass diese Menschen nicht nur unter dem Mangel einer menschenwürdigen Wohnung leiden. Sie stoßen auch auf enorme Hürden beim Zugang zu allen anderen Grundrechten – sei es aufgrund struktureller Hindernisse oder der Schwäche des sozialen Schutzsystems“, gab Díez zu bedenken.

Neben den über 2.800 Menschen in einer dramatischen Lage gibt es jene, die zwar nicht auf der Straße leben, aber dennoch keine eigene Wohnung besitzen. Knapp 15 Prozent aller Erfassten fallen in diese Kategorie. Sie sind für die Deckung ihres Grundbedürfnisses auf Unterkünfte der öffentlichen Hand angewiesen. Gemeint sind damit Frauen, die Opfer häuslicher Gewalt wurden und in spezialisierten Zentren unterkommen, ebenso wie Migranten mit Schutzgesuchen, die in entsprechenden Einrichtungen auf ihre Entscheidung warten.

Weitere 11,9 Prozent der Betroffenen leben in unsicheren Wohnverhältnissen, sei es aufgrund von Zahlungsschwierigkeiten bei der Miete, einer drohenden Zwangsräumung oder wegen Gefahr durch den Partner oder ein Familienmitglied.

Der Bericht macht deutlich, dass fehlende Unterstützungsnetzwerke, gesundheitliche Probleme sowie wirtschaftliche, bürokratische und wohnungsbezogene Hürden zu den Hauptgründen gehören, die diese mehr als 2.800 Menschen in die Obdachlosigkeit auf Teneriffa getrieben haben. Die meisten konzentrieren sich auf den Großraum um die Hauptstadt. Die Gemeinde Santa Cruz de Tenerife vereint allein mehr als ein Drittel aller Fälle auf sich: rund 998 Personen. Zusammen mit San Cristóbal de La Laguna, wo 357 Menschen gezählt wurden, entfallen auf diese beiden Städte fast die Hälfte aller Fälle, nämlich 47,5 Prozent.

Es folgen die wichtigsten Touristenzentren im Süden der Insel – Arona, Adeje und Granadilla de Abona. Zusammen mit Puerto de la Cruz bilden diese sechs Gemeinden die Gebiete mit der höchsten Fallzahl und -dichte auf Teneriffa.

Der Direktor der Diözesan-Caritas Teneriffa, Juan Rognoni, wies darauf hin, dass die Daten auch mit einigen „tief verwurzelten“ Klischees aufräumen. „Die meisten von Wohnungslosigkeit betroffenen Menschen sind keineswegs auf der Durchreise. Sie leben seit Jahren in den Gemeinden und sind unsere Nachbarn“, stellte er klar. So wohnen von allen erfassten Personen rund 700 bereits seit ein bis drei Jahren am selben Ort, etwa 387 zwischen fünf und zehn Jahren und rund 514 Personen sogar seit elf Jahren und länger.

Rognoni lenkte die Aufmerksamkeit zudem auf ein besonders alarmierendes Detail des Berichts: die psychische Gesundheit. „Wir sprechen hier von Menschen, die in extrem verletzlichen emotionalen und psychischen Umständen leben, oft ohne angemessene Begleitung und ohne Kontinuität in der Betreuung“, beschrieb er. Und er fügte hinzu: „Wenn 28 Prozent von ihnen unter schweren psychischen Störungen, Depressionen oder chronischen Angstzuständen leiden, können wir nicht mehr nur von einem sozialen oder wohnungspolitischen Problem sprechen. Das ist ein öffentlicher Gesundheitsnotstand.“

Während seiner Rede sprach sich der Präsident der Diözesan-Caritas Teneriffa nachdrücklich für den Ausbau des verfügbaren Wohnungsbestands aus. Er forderte, den Zugang zu Mietwohnungen zu erleichtern und die notwendigen Präventionsmechanismen zu schaffen, um zu verhindern, dass „immer mehr Menschen auf der Straße landen, von wo sie sich dann nicht mehr befreien können“. Ebenso wichtig sei es, auf ganzheitliche und koordinierte Lösungen hinzuarbeiten und Anmeldeverfahren (für den Wohnsitz) zu beschleunigen, so Rognoni abschließend.

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